Bobo, der Wandervogel
WECHSELKÖNIG Christian Vieri hält nichts von Vereinstreue. In 19 Jahren als Profi wechselte der Stürmer 14-mal den Klub. Ein Porträt des teuersten Spielers des 20. Jahrhunderts.
Alexander Nebel | 05.02.2008
Als Christian »Bobo« Vieri vor knapp 20 Jahren für das Nachwuchsteam des AC Prato zu kicken begann, versprach ihm sein Großvater Enzo für jedes erzielte Tor 5.000 Lire (umgerechnet drei Euro). Der 15-Jährige war kurz zuvor aus Australien zurückgekehrt, wo sein Vater gearbeitet hatte, und Opa Enzo wusste über den Torriecher von Christian offensichtlich nicht Bescheid. Bereits nach zwei Spielen kürzte er das großzügige Angebot auf 1.000 Lire pro Treffer. Sein Enkel war da schon um 35.000 Lire reicher.
Prato, Turin, Madrid, Rom
Der AC Prato aus der Toskana war 1989 auch die erste Profistation des Mittelstürmers. Sein Serie-A-Debüt gab Vieri 1991 im Dress des AC Torino, den Durchbruch als Torjäger schaffte er aber erst 1993/94 beim Zweitligisten Ravenna (13 Treffer in 32 Spielen). Für Venezia trug er sich in der Folgesaison elfmal in die Scorerliste ein. Zurück in der Serie A, kam Vieri über Aufsteiger Atalanta Bergamo zu Juventus Turin, wo er 1997 die Höhen und Tiefen des Vereinsfußballs kennenlernte:
Zwar hatte er als achtfacher Torschütze seinen Anteil am Meistertitel, verlor mit Juve aber das Champions-League-Finale gegen Borussia Dortmund.
Dennoch sollten die fetten Jahre nun erst so richtig beginnen. Vieri wurde zu einer der begehrtesten Aktien auf dem internationalen Spielermarkt, was er zu einigen
schlagzeilenträchtigen Transfers und hoch dotierten Verträgen nutzte. Vor der Saison
1997/98 wechselte er für 16,5 Millionen Euro zu Atletico Madrid, wo er in 24 Ligaspielen
sensationelle 24 Treffer erzielte und sich zum Torschützenkönig der Primera División krönte. Doch wie in den Jahren zuvor blieb er auch in der spanischen Hauptstadt nur eine Saison, weil Lazio eine Ablöse von 25 Millionen Euro hinblätterte. Mit den Römern gewann Vieri 1999 den letztmals ausgerichteten Europacup der Cupsieger und errang mit zwölf Toren in 22 Ligaspielen den Vizemeistertitel.
Die sesshafte Zeit bei Inter
Wie um seinem Ruf gerecht zu werden, streifte sich Vieri im Juli 1999 das blauschwarze
Trikot von Inter Mailand über. Inter ließ sich die Dienste des Goalgetters, je nach Quelle, zwischen 42,4 und 55,7 Millionen Euro kosten – für den Vatikan ein »menschenverachtender
Sklavenhandel«. Vieri, der kolportierte 4,5 Millionen Euro Jahressalär bekam, ließ diese Kritik kalt: »Was kann ich dafür, wenn ein Verein so viel für mich bezahlt?« Zwei Jahre später verschwand er aus der Schusslinie der Kirche, denn ab Sommer 2001 firmierte Zinedine Zidane als teuerster Spieler der Welt (für 71 bis 73 Millionen Euro von Juventus zu Real Madrid). Zählt man die einzelnen Transfers zusammen, kann sich wohl nur Nicolas Anelka mit Vieri matchen. Der Franzose hat die europäischen Topvereine bisher 88,6 Millionen Euro an Ablöse gekostet, der Italiener kommt laut transfermarkt.at auf 87,5 Millionen, bei vier Vereinswechseln fehlt jedoch die Angabe der Ablösesumme.
Der Weltrekordtransfer Vieris zu Inter erregte aber nicht nur den Vatikan, sondern löste auch andere Emotionen aus: Ein 24-jähriger Lazio-Fan beging aufgrund des Abgangs Selbstmord. »Ich bin verzweifelt, weil Vieri Lazio verlässt. So viel Geld für einen Spieler, aber Geld ist nicht alles im Leben«, schrieb der Tifoso in seinem Abschiedsbrief, bevor er sich vor einen Schnellzug warf.
Vielleicht trug dieser Vorfall seinen Teil dazu bei, dass Vieri vorerst sesshaft wurde. Obwohl er im Juni 2000 wieder ein Angebot hatte, ließ er sich zu folgender Aussage hinreißen: »Ich bin genug hin und her gereist. Außerdem will ich mithelfen, dass aus Inter wieder ein großes Team wird.« Ein Plan, der nicht aufgehen sollte, obwohl »Bobo« sein Möglichstes dafür tat. Für die Nerazzurri bestritt er von Juli 1999 bis Juni 2005 143 Ligapartien und traf 103-mal ins Schwarze. Die großen Mannschaftserfolge blieben ihm in dieser Zeit verwehrt. Lediglich 2005 reichte es zum Gewinn der Coppa Italia. Persönlich sicherte er sich in der Saison 2002/03 die Torschützenkrone der Serie A mit 24 Treffern in 23 Spielen. 1999 und 2002 wurde er Italiens Fußballer des Jahres.
Ein Monat bei Sampdoria
Im Juli 2005 begann der Wandervogel wieder zu fliegen. Nachdem er des Öfteren mit Inter-Klubchef Massimo Moratti in Konflikt geraten war und sich zudem das Verhältnis zu Trainer Roberto Mancini verschlechtert hatte, weil dieser Adriano und Obafemi Martins den
Vorzug gab, wechselte Vieri ablösefrei zum AC Milan. Nach einer halben Saison beim
Stadtrivalen mit mageren zwei Treffern wurde er an den AS Monaco ausgeliehen, wo er sich
schwer am Knie verletzte und die WM 2006 in Deutschland abschreiben musste.
Zur Saison 2006/07 kehrte Vieri in die Heimat zurück. Bei Sampdoria Genua hielt es ihn
einen ganzen Monat, bei Atalanta, wo er für das monatliche Mindestgehalt von 1.500 Euro
auflief, immerhin die gesamte restliche Spielzeit. Im Juli 2007 unterschrieb »Bobo« bei Fiorentina, für die er in 16 Spielen bisher dreimal ins Tor traf. Vieris Vertrag endet mit
Saisonende. Gut möglich, dass der 34-Jährige seinem Transfertagebuch noch das eine oder
andere Kapitel hinzufügt.






erscheint am 1. September 2010.
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