Wider Erwarten ist die Sicht aus der drittletzten Reihe dank des extremen Neigungswinkels der Tribüne hervorragend. Für angeheiterte Flachländer scheint sie fast schon zu steil, ohne Wellenbrecher hätte ich mich nie getraut, zur Hymne aufzustehen. Da erwischt mich der Schall des »Barca«-Refrains wie eine Watschen. So laut können hunderttausend also sein.
Mangels Überdachung ist das Camp Nou ansonsten aber eher ein Stimmungskiller, es bleibt enttäuschend ruhig. Bis sich nach 27-minütiger Fehlpassorgie ein Valladolid-Spieler erbarmt und einen Stanglpass ins eigene Tor bugsiert. Jetzt erst scheint Barca Xavis Gelb-Sperre überwunden zu haben: Pedro, der kleine Bub aus dem Subproletariat Teneriffas, schießt sich mit dem Gurkerl zum 2:0 noch tiefer in die Herzen der Barcelonistas, und Messi fixiert mit einem Doppelpack, von dem ich wohl noch meinen Enkeln erzählen werde, den Meistertitel.
Der wirkliche Star ist aber Trainer Pep Guardiola. Bei der Meisterfeier unter einem gigantischen Feuerwerk, blau-roten und rot-gelben Lichtspielen, wird keiner so laut bejubelt wie er. Wohl auch deshalb, weil sich Piqué bei seiner diesjährigen Rede Schmähgesänge gegen den Erzrivalen Real trotz heftiger Aufforderungen verkneifen kann.
Stunden später erlebe ich am Placa Catalunya die Neuauflage der spanischen Revolution. 40.000 Feiernde füllen die Straßen, hunderte Bengalen erleuchten die Nacht, ins Freudenfeuer mengen sich bald auch Mistkübel, Laternen und Fahrräder. Als die Polizei zur Auflösung der Feier schreitet, hagelt es Flaschen. Die Antwort in Form von Gummigeschoßen erzielt ihre Wirkung – blau-rote Scharen fliehen in alle Richtungen, Gegenangriffe werden seltener. »Feig«, denke ich, da detoniert etwas direkt neben mir. Meine Erinnerung setzt erst wieder ein, als ich 300 Meter weiter in eine Seitenstraße der Ramblas fliehe.






erscheint am 6. Oktober 2010.
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