Zwischen den Linien

cache/images/article_2714_juve_140.jpg

Das neue Logo von Juventus erregt die Fangemeinde. Grafikdesigner Enrico Bravi spricht im Interview über App-Icons, fehlende Schriftzüge und heraldische Traditionen.

Jakob Rosenberg | 07.02.2017

„Gaetano Scirea, Zbigniew Boniek, Antonio Cabrini und natürlich Michel Platini.“ Eigentlich beschäftigt sich Enrico Bravi nicht mehr so viel mit Fußball, die ballesterer-Interviewanfrage hat den Professor für Grafikdesign aber an die Helden seiner Kindheit im mittelitalienischen Urbino erinnert. An die WM 1982, die Stadionkatastrophe im Brüsseler Heysel-Stadion 1985 und an die Panini-Alben, in denen sein Herzensverein Juventus ein frei im Raum schwebendes Zebra als Wappen hatte.

ballesterer: Was denken Sie über das neue Juventus-Logo?

Enrico Bravi: Wahrscheinlich muss man unterscheiden, was ich als Grafiker und was ich als Juventino sagen würde. Generell sind mehrere Aspekte interessant – designtheoretische und psychologische. Es betont dieses Spiel positiv und negativ, Form und Gegenform, offen und geschlossen. Je nachdem, ob das Logo auf weiß oder schwarz gedruckt ist, kann man mehrere Elemente erkennen. Das ist eher eine Schwäche des Logos, denn man sieht es nicht sofort als Einheit. Im Informationsdesign gibt es dieses Gesetz: Eins plus eins ist nicht gleich zwei.



Was bedeutet das?

Wenn ich zwei Linien parallel sehe, gibt es nicht nur die zwei Linien, sondern auch den Raum daneben und dazwischen – also mindestens drei Elemente. Dieses Logo ist ein perfektes Beispiel dafür. Man erkennt zwei schwarze J und ein weißes im Raum dazwischen, das alles zusammen ergibt dann wiederum noch ein J. Das ist etwas verwirrend.

Juventus hat bei der Präsentation erklärt, dass das J zudem auf den „Scudetto“ hinweist – den Schild, den sich der Meister aufs Trikot nähen darf.

Dafür wäre der Buchstabe von der Form gut geeignet. Dieser Versuch geht aber nicht ganz auf, dafür ist die entstehende Form nicht prägnant genug. Ohne Schriftzug ist der Scudetto schon etwas besser zu erkennen.

Außerdem soll es eine Referenz auf den früheren FIAT-Chef und Juventus-Präsidenten Gianni Agnelli sein. Er hat einmal gesagt, dass er sich immer freut, wenn er in der Zeitung Wörter liest, die mit J beginnen.

Ja, weil es wahrscheinlich zu 90 Prozent um Juventus geht. Im Italienischen fangen wenige Wörter mit J an. Diesen Fokus finde ich am neuen Logo auch interessant, wobei es ja nicht für Italien gedacht ist, ganz im Gegenteil. Die internationale Ausrichtung ist deutlich sichtbar. Aber nicht nur: Ich habe es mir sofort als Icon einer App vorgestellt. Dafür funktioniert es perfekt. Und der Entwurf ist einfach zu reproduzieren: gedruckt, in 3D – das kann das alte nicht.

Wenn Sie das Logo mit dem vorherigen vergleichen. Welches finden Sie besser?

Was heißt schon besser? Der alte Entwurf ist komplexer und kleinteiliger. Es gibt sehr viele Elemente – und gute Gründe, sie nicht zu übernehmen. Das Wappen der Stadt teilt Juventus etwa mit Torino, dort funktioniert es aber viel stärker. Sie werden ja sogar „Toro“ – Stier – genannt. Wahrscheinlich hat Juventus auch deswegen in den 1980er Jahren ein anderes Logo verwendet, ein Zebra – mit einem leichten Verzerrungseffekt. Das war gut und grafisch vielleicht sogar noch mutiger als das aktuelle. Es ist nicht einmal Juventus draufgestanden, es hat keinen Schriftzug gegeben. Nike ist berühmt dafür, dass sie sich Ende der 1990er getraut haben, auf einen Schriftzug komplett zu verzichten.

Die Fans haben zum Großteil negativ auf das neue Logo reagiert, weil sie die Aufgabe von Tradition für die Eroberung neuer Märkte befürchten. Verstehen Sie diese Kritik?

Es ist immer leichter, gegen etwas zu sein als für etwas. Aber ich kann nachvollziehen, wenn sich die Fans ignoriert fühlen – ihre Meinung hat offenbar nur einen kleinen Teil zur Entscheidung beigetragen.

Fällt Ihnen ein anderer Sportverein ein, der nur auf Buchstaben setzt? Vielleicht bis auf die New York Yankees?

Spontan nicht. Und beim NY der Yankees handelt es sich auch eher um ein Monogramm mit klar erkennbaren Buchstaben. Das entspricht einer anderen Designtradition in den US-Sportarten.

Was sind denn europäische Eigenheiten?

Bei den alten europäischen Klubs gibt es die Geschichte des Vereins und davor die der Stadt und wiederum davor die der Heraldik mit ihren Familien und Klassen. Da landet man plötzlich hunderte Jahre in der Vergangenheit – auf einem Gebiet, das wenig mit der Idee einer modernen Marke zu tun hat.

Zum Abschluss: Wie lange wird das neue Logo Bestand haben?

Vermutlich länger als man im Moment denkt. Auch wenn die Anwendung der dafür entwickelten Schriftfamilie mich nicht ganz überzeugt. Sie liegt zu sehr in der Mode. Der Entwurf hätte schon Potenzial gehabt. Die Frage ist jetzt: Wie kohärent und konsequent wird das Erscheinungsbild durchgesetzt? Und noch wichtiger: Wie werden andere Klubs reagieren? 

Enrico Bravi (41) ist Professor für Grafik und Informationsdesign an der New Design University in Sankt Pölten, Lektor an der TU Wien und selbstständiger Grafikdesigner.

Referenzen:

Heft: 119
Verein: Juventus
ballesterer # 120

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 13.04.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png