Zürcher Zankapfel

Die Züricher haben sich Anfang September mit einer klaren Mehrheit für ein neues EM-Stadion ausgesprochen. Ob bis 2008 aber wirklich ein neues Stadion steht, ist alles andere als sicher.
Pascal Claude | 01.10.2003
Mit der Planung der EM 2008 rückt in der Schweiz die Diskussion um neue Fu߬ballstadien immer stärker ins Blickfeld des öffentlichen Interesses. Am 7. September haben die Züricher in einem Votum deutlich »ja« gesagt zum Bau eines neuen »Stadion Zürich«. An der Stelle des heutigen Hardturms, der Heimstätte des Grasshopper Clubs, soll bis 2007 eine Fussballarena mit 30.000 Sitzplätzen entstehen, die sowohl die Grasshoppers als auch den Stadtrivalen FC Zürich beheimaten soll.

Im Vorfeld der Abstimmung, in der es im Wesentlichen um eine Landabtretung der Stadt an die Stadion-Investorin und Grossbank Crédit Suisse ging, entwickelte sich ein Wortgefecht zwischen Gegnern und Befürwortern, das bald weit über Zürichs Stadtgrenzen hinaus hallte. Es gab Wochen, da war die Stadiondiskussion täglich auf mindestens einer Seite von »Tages Anzeiger« und »NZZ«, zwei der grössten Schweizer Zeitungen, präsent, das Fernsehen berichtete genauso wie alle erdenklichen Radiostationen.

Die Befürworter argumentierten zum einen mit der Rolle Zürichs als kulturellem und wirtschaftlichem Zentrum der Schweiz, das es sich nicht leisten könne, im Gegensatz zu Genf, Basel und Bern auf ein modernes Stadion zu verzichten. Zum andern wurde betont, wie günstig die Stadt in diesem Fall zu einem Vorzeigebau komme: Die 47 Millionen Franken, die das abzutretende Land wert ist und wofür die Stadt einen 29¬Prozent-Anteil an der zu gründenden Stadion-Betriebs-AG erhält, seien ein Klacks angesichts des Gegenwerts ei¬nes neuen Sporttempels. Ferner wagte man sich in Prognosen, zu welch sportlicher Blüte ein neues Stadion führen könne. Von verdoppelten Zuschauerzahlen war die Rede, vom »Basel-Effekt«, von einem zu erwartenden Fussball-Boom schlechthin.

Da blieben Stadion-Gegner, wenn zum Teil auch arg pessimistisch, doch eher auf dem Boden. Hauptargumente aus Fankreisen waren die Furcht vor leeren Rängen. Die beiden Zürcher Vereine locken heute im Durchschnitt je 7.000 Leute ins Stadion. Zahlen, die in Basel auch in Zweitligazeiten erreicht wurden. Verwiesen wurde in diesem Zusammenhang auch auf Genf, wo das im März eingeweihte Stade de Genève durch eine komplett ausbleibende Fussball-Eu¬phorie, leere Kassen und politisches Gezänk besticht. Weiter mokierten Anhänger beider Vereine, die Kurven-Frage sei nicht geregelt und niemand wisse, ob sich GC und der FCZ am Ende nicht den Fanblock teilen müssten.

Gewichtige Argumente gab es seitens der betroffenen Quartierbevölkerung, die sich vor allem mit der Mantelnutzung des geplanten Stadions nicht anfreunden kann: Shopping-Center, Hotel und Büro-Komplexe werden das Stadion umgeben und es querfinanzieren, was eine enorme Zunahme des Individualverkehrs zur Folge haben wird. Zu guter letzt meldeten sich auch kritische Kopfrechner zu Wort mit der Frage, was den passiere, wenn sich die Stadion-Betriebs-AG nicht rentiere. Sie befürchten, der 29-Prozent-Anteil der Stadt Zürich könnte sich als Eigentor entpuppen »Gewinne privatisieren, Verluste verstaatlichen!«, werfen die Skeptiker von links den Stadionplanern vor.

Mit dem Abstimmungs-Erfolg der Stadion-Befürworter ist in Zürich das letzte Wort noch nicht gesprochen. Anwohner haben Rekurse angekündigt und sind anscheinend bereit, damit bis vor das Bundesgericht zu gehen. Die Chancen, das Stadion so direkt zu verhindern, sind gering. Wahrscheinlich ist hingegen, dass einer der Rekurse eine aufschiebende Wirkung erzielen wird. Damit würde sich der Baubeginn verzögern, was die von der UEFA geforderte Fertigstellung des Stadions bis 2007 und damit Zürich als EM-Austragungsort gefährden könnte.

Ob die Crédit Suisse ohne das Prestige-Event Europameisterschaft an ihrer Stadion-Investition festhält, ist mehr als fraglich. Somit bliebe in Zürich alles beim Alten. Ob dies dann tatsächlich das Ende des Profifußballs in der Schweizer Metropole wäre, wie Stadion-Befürworter zu wissen meinen, wird man dann sehen.

Referenzen:

Heft: 10
Rubrik: Fansektor
ballesterer # 82

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