Am 4. November 1956 begann die Rote Armee, dem Aufstand in Ungarn ein Ende zu bereiten. Nur einen Tag später schrieb »Neues Österreich«: »Wien erlebt derzeit eine Invasion der besten Spieler Ungarns. Vorgestern und gestern haben zwei der berühmten Budapester Klubs, Honved und MTK (bisher Vörös Lobogo) in einem Mariahilfer Hotel Quartier bezogen«. Die Fußballer waren während der Kämpfe als Aushängeschild Ungarns außer Landes gebracht worden. Mit dabei: Ferenc Puskás und Sandor Kocsis, laut »Sportfunk« »die beiden besten Innenstürmer der Welt«. Neben den Stars der WM 1954 hatte es auch die Jugend- Nationalmannschaft nach Wien verschlagen.
Unbezahlbare Superstars
Bald waren die Sportseiten voll von Gerüchten, bei welchen Wiener Klubs die gestrandeten Kicker landen könnten. Doch es fehlten die Freigaben des ungarischen Verbands, und auch die kolportierten hohen Handgeldforderungen mancher Stars des in den 50er Jahren vielleicht besten Nationalteams der Welt brachten viele Transfers zum Scheitern. Austria Wien schloss einen Vorvertrag mit Gyula Grosics. Aber der Teamtormann ging wie viele andere 1957 zurück nach Ungarn, um einer langfristigen Sperre durch den Verband zu entgehen.
Puskás blieb im Westen. Rund zehn Monate hielt er sich in Wien auf und empfing Journalisten im Espresso »Goal« oder in seinem Stammcafe »Egerland«. Im Herbst 1957 war zu lesen, er wolle Österreicher werden und selbst »in Dornbach ein Gasthaus oder Espresso eröffnen«. Aber auch aus seinem angeblichen Vorvertrag mit dem Wiener Sportclub wurde nichts. Gemeinsam mit Czibor und Kocsis übersiedelte er 1958 nach Spanien, wo die drei bei Real Madrid und dem FC Barcelona für Furore sorgen sollten. Bei Real bekam Puskás eine kolportierte Jahresgage von umgerechnet einer Million Schilling. »Damals mehr als das doppelte Gesamtbudget für Spieleraufwendungen beim Sportclub«, so WSC-Experte Bernhard Hachleitner.
Beleidigte Österreicher
Trotzdem profitierte der österreichische Fußball vom Exodus des ungarischen Fußballs. Bei Wacker Wien arbeitete ab 1956 der Coach Kalmar, auch beim GAK und in Salzburg waren Trainer aus Ungarn aktiv. 1957/58 kamen bei sieben A-Liga-Vereinen ungarische Kicker zum Einsatz - darunter bei der Austria das Nachwuchs-Trio Imre Mathesz, András Sági und Attila Szalay. Mathesz ging nach einer Saison zurück nach Ungarn, Szalay nach Spanien, Sági 1958 nach Australien. Solche Abwanderungstendenzen kommentierten die Medien kritisch. Die österreichischen Klubs hätten die ungarischen Spieler nach ihrer Flucht mit offenen Armen aufgenommen und versorgt, doch »von Dankbarkeit ist bei vielen ungarischen Exil-Fußballern leider keine Spur«, so der »Sportfunk«. Anders sehen das heute die Historiker Peter Eppel und Werner Schwarz, die gemeinsam mit Béla Rásky die Ausstellung »Flucht nach Wien« im Wien Museum gestaltet haben. »Die wenigsten Ungarn-Flüchtlinge sahen Österreich als ihr Zielland«, erklärt Schwarz. »Viele wollten weiter in die USA oder nach Kanada«. Für Fußballer waren die finanzstarken Ligen in Westeuropa interessant. 180.000 Menschen flüchteten ab Herbst 1956 ins Nachbarland, nur 15.000 blieben.
Manche Fußballer wurden dennoch langfristig zu Stützen von A-Liga-Vereinen. Ernö Frank und Janos Kereki bei Wiener Neustadt, Gustav Ivanics bei Simmering und Schwechat, Laszlo Nemeth bei Vienna, Donawitz, LASK und Sturm. Gyula Szabo spielte gar acht Jahre im Oberhaus. Er nahm die österreichische Staatsbürgerschaft an und errang mit dem LASK 1965 den Meistertitel.
Georg Spitaler arbeitet derzeit an einem Projekt zu »Migration im österreichischen Fußball nach 1945.
Literaturtipp:
Matthias Marschik/Doris Sottopietra: »Erbfeinde und Hasslieben. Konzept und Realität Mitteleuropas im Sport« (LIT Verlag)






erscheint am 12. Juli 2013.
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