Widerspruch wird nicht geduldet

Nach dem 2:2 beim FC Sevilla war das Thema Europa League für Borussia Dortmund erledigt. Für die Fans des deutschen Bundesligisten hatte das Auswärtsspiel weitere schmerzhafte Begleiterscheinungen: Zahlreiche Anhänger bezogen Prügel von der spanischen Polizei.
»Einen Monat später sind Wut und Verzweiflung eher noch gewachsen«, sagt Daniel Lörcher im Rückblick auf die Nacht von Sevilla am 15. Dezember letzten Jahres. »Das war nicht nur eine überzogene Polizeiaktion, sondern eine pure Machtdemonstration. Es war einfach Glück, dass ich nicht verletzt oder verhaftet worden bin.« Lörcher ist einer der zwei Vorsänger von »The Unity«, der größten Dortmunder Ultra-Gruppierung, und war gemeinsam mit 3.000 anderen Fans zum letzten Gruppenspiel in der Europa League nach Sevilla gereist. Erleben mussten sie an diesem Mittwochabend nicht nur das Ausscheiden ihrer Mannschaft, sondern auch willkürliche Prügelorgien der spanischen Polizei, Drangsalierungen und Verhaftungen. 
Berichte von Betroffenen und Augenzeugen der Ereignisse von Sevilla gibt es genügend. Das Online-Fanzine schwatzgelb.de dokumentiert einige im Internet, und nach einem Aufruf von Verein und Fanabteilung stapeln sich die Berichte auf dem Schreibtisch des Dortmunder Fanbeauftragten Jens Volke, der ebenfalls vor Ort war. Aus den Schilderungen ergibt sich ein Bild von bewusster Eskalation und brutaler Willkür durch die Polizei. 

Wahllose Knüppelschläge

Wie Volke berichtet, verlaufen die Stunden vor dem Spiel zunächst entspannt. Viele BVB-Fans versammeln sich am Treffpunkt, den die spanische Polizei vorher benannt hat ein Einkaufszentrum mit mehreren Lokalen in der Nähe der Universität. Es gibt keine Auseinandersetzungen, keine Beschwerden der Anrainer. Die Probleme beginnen mit dem Marsch zum Stadion. Lörcher ist in den ersten Reihen dabei: »Wir haben ein ungutes Gefühl bekommen, als sich die Polizisten auf einmal vermummt haben. Dann haben sie angefangen, den Leuten die Bierflaschen oder Becher aus der Hand zu schlagen.« Auch zu ersten Attacken mit Schlagstöcken soll es in den hinteren Reihen bereits gekommen sein. Aus dem Mob fliegen Bierdosen und Orangen. »Manche Fans haben sicher nicht besonnen reagiert«, sagt Lörcher. »Aber das rechtfertigt das Verhalten der Polizei nicht.« 
Anders der Tenor in der spanischen Presselandschaft. Die Tageszeitung El Pais berichtet von »800 gewalttätigen Fans, die schon Probleme in anderen europäischen Städten verursacht haben«. Eine Pauschalisierung, die mit den Veränderungen im spanischen Ligaalltag zu tun haben könnte, denn dort sind Auswärtsfans in den letzten Jahren rar geworden. Die hohen Preise für Karten im Gästesektor und die Erfassung der persönlichen Daten von Auswärtsfans zeigten abschreckende Wirkung. Die Polizei ist mit den tausenden Dortmund-Fans offenbar überfordert. »Der Fall ist leider alles andere als eine Ausnahme«, meint Daniela Wurbs vom Fannetzwerk Football Supporters Europe (FSE). »Wir haben von unseren spanischen Mitgliedern schon häufiger gehört, dass die Polizei nicht an Nachfragen, Widerspruch oder gar Gegenwehr von Fans gewöhnt ist und darauf entsprechend harsch reagiert.«

 

Prügelnde Polizei, tatenlose Ordner 

Vollends aus dem Ruder läuft die Situation vor dem Stadion: Ein drei Meter breites Eingangstor soll für die 3.000 Gästefans reichen, von hinten wird geschoben, vorne wird gedrückt. Die Polizei schlägt auf Fans ein, reitet mit Pferden durch die Menge, treibt einen großen Pulk ins Stadion. Daniel Lörcher bleibt zunächst draußen. »Ich habe mich zusammen mit einem Fanprojektmitarbeiter und einer ausgebildeten Krankenschwester um Verletzte gekümmert: Die Leute hatten Atemnot von Schlägen auf die Brust, Platzwunden, ein Fan hatte eine zertrümmerte Nase und ein vier Zentimeter langes Cut auf der Stirn.« Auch im Stadion führt die Polizei das Regiment. Spätestens zu diesem Zeitpunkt steht auch der Verein FC Sevilla in der Kritik, dessen privater Ordnerdienst Prosegur der Polizei tatenlos zusieht. »FSE spricht sich dagegen aus, dass die Polizei einen Großteil der Sicherheitsarbeit im Stadion leistet«, sagt die Fanlobbyistin Wurbs. »Auch die UEFA setzt lieber auf geschulte Stewards im Auftrag der Vereine als auf die Polizei.« Aber nicht nur deswegen ist für den Fanbeauftragten Jens Volke der Heimverein an dem Desaster beteiligt: »Der Gästesektor war total baufällig und nur durch lose zusammengehaltene Bauzäune abgesperrt. Es hat keinerlei Verpflegung und nur fünf Dixi-Klos gegeben, von denen zwei gesperrt wurden.« Lörcher gelangt vor Spielbeginn noch in den Block und erlebt den frühen Treffer des BVB mit, den die Fans pyrotechnisch untermalen. »Im Unterrang sind die Leute beim 1:0 mit Knüppeln geschlagen worden, während die Mannschaft vor dem Gästeblock gefeiert hat«, sagt Lörcher. Einige Dortmunder reagieren mit drastischen Mitteln: »Es sind Sitzschalen geworfen worden. Ich will das gar nicht gutheißen, aber das war einfach eine Möglichkeit, sich die Polizei vom Leib zu halten.«

»Welcome to Spain«

Nach dem Spiel werden Fans gezielt herausgezogen und festgehalten, vor allem die um die Vorsänger gruppierten und auffälligere Anhänger sind betroffen. »Ich habe so eine Härte noch nie erlebt«, sagt »Rene« (Name der Redaktion bekannt, Anm.), einer der 16 Verhafteten. »Mein Eindruck war, dass die richtig Spaß daran hatten, Leute zu schlagen. Es ging gegen jeden, egal ob Mann, Frau, ältere Leute oder junge Ultras.« In Handschellen wird Rene auf die Wache gebracht und mit »Welcome to Spain« von einem Polizisten begrüßt. »Ich hatte immerhin Glück, nicht allein in einer Zelle zu sein. Wir haben bis zum nächsten Morgen nichts zu trinken bekommen und durften nicht auf die Toilette.« Die Dortmunder erfahren von einer Dolmetscherin, dass ihnen Landfriedensbruch und Störung der öffentlichen Ordnung zur Last gelegt werden. 

Am nächsten Tag geht es zum Gericht, es folgt eine weitere erkennungsdienstliche Behandlung und am Nachmittag ein Angebot, das niemand ablehnen will: eine Bewährungsstrafe von acht Monaten, auf drei Jahre ausgesetzt, und eine Geldstrafe von 120 Euro. »Die Alternative war, dass wir einem Richter vorgeführt werden. Das hätte noch Tage dauern können«, sagt Rene. »Wir wollten nach Hause und haben unterschrieben.« Am späten Donnerstagabend kommen alle verhafteten Fans frei, sie werden von Jens Volke in Empfang genommen und können neue Flüge nach Hause buchen.


 

Support für die Fans

Bereits vor Ort hatte Borussia Dortmund seinem Fanbeauftragten Geld für mögliche Kautions- und Anwaltskosten zur Verfügung gestellt. Aber die Unterstützung des Vereins für betroffene Fans endet nicht am Flughafen von Sevilla. Inzwischen hat der BVB bei der UEFA eine Stellungnahme eingebracht und sich über die Behandlung der Fans beschwert. »Was da abgelaufen ist, hat mit Rechtsstaatlichkeit nichts mehr zu tun. Selbst wenn sich 200 Fans falsch benommen hätten, wäre das kein Grund für diese Prügelorgie der Polizei gewesen«, sagt Volke. Auch Fanaktivistin Wurbs erwartet sich weiterführende Untersuchungen: »Wir werden bei der UEFA nachhaken, aber auch versuchen, über Kontakte im Europarat eine Stellungnahme der spanischen Behörden zu erhalten.« Schließlich steht die spanische Polizei nach Übergriffen gegen Fußballfans nicht zum ersten Mal in der Kritik. Jens Volke hat dazu Presseberichte aus den vergangenen Jahren gesammelt: Betroffen waren unter anderem Tottenham-Supporter in Sevilla, Fans von Olympique Marseille bei Atletico Madrid und FC-Bayern-Anhänger in Getafe. Für Rene kommen diese Warnungen zu spät: »Wenn du zum Fußball fährst, rechnest du nicht damit, dass du am Ende fast 24 Stunden im Gefängnis sitzt. Im Moment bin ich nicht einmal sicher, ob ich für meinen geplanten Sommerurlaub nach Spanien einreisen darf.« Der Fanbeauftragte Jens Volke will auch andere Konsequenzen für die in Sevilla verhafteten Anhänger nicht ausschließen: »Der DFB kann auch ein bundesweites Stadionverbot aussprechen.«

ballesterer # 82

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 12. Juli 2013.

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