Was war passiert? Schon Platz 6 in der abgelaufenen Saison bedeutete eine große Enttäuschung. Für einen Abstieg von der Borsodi-Liga in die zweigeteilte 2. Liga jedoch noch lange kein Grund. Wäre da nicht die schon seit Jahren schwelende Finanzmisere des erfolgreichsten ungarischen Klubs (28 Meistertitel, 20 Cupsiege, 1965 Gewinn des Messecups, 1975 Cupsiegerfinale) gewesen. Zu Saisonende wuchs sich die notorische Klammheit zu einem unkontrollierbaren Flächenbrand aus, der in einem Desaster endete. Der ungarische Verband MLSZ verweigerte nach einem beispiellosen Prozedere und massiven Grabenkämpfen Ende Juli, drei Tage vor Saisonstart, den Grünweißen die Lizenz. Nutznießer war Stadtrivale Vasas, der sportlich zwar abgestiegen nun im Oberhaus verbleiben durfte.
Der Zorn der Fradi-Fans war entsprechend. Diese forderten den Kopf von FTC-Präsident Miklós Ináncsy. Auch die Spieler des seit Gründung der Liga im Jahre 1901 immer erstklassigen Vereins wissen, wo sich die Schuldigen an dem Debakel herumtreiben: »Die Verantwortlichen sitzen eine Etage über den Umkleideräumen. Sie würden dem Klub am besten damit dienen, wenn sie leise verschwänden«, erklärte der 34-jährige Kapitän und Fradi-Ikone Peter Lipcsei. Zoltán Balog, Fradis letzter verbliebener Nationalspieler, meinte kryptisch: »Es ist eine Schande, was geschehen ist. Aber nicht wir Spieler müssen uns schämen, denn wir haben mit unseren Leistungen bewiesen, dass unser Platz in der ersten Liga ist. Das müssen jene mit ihrem Gewissen vereinbaren, die den Klub in diese Situation gebracht haben.«
Vier Millionen Euro Schulden
Der Untergang Fradis steht symbolisch für den Niedergang des ungarischen Fußballs. Auch die anderen Klubs haben ähnliche Probleme: kein Geld, zu wenig Sponsoren, schlechte Infrastruktur, baufällige Stadien, wenige Zuschauer und - mit Ausnahme von MTK - eine schwache Nachwuchsarbeit, sowie abwanderungswillige Profis.
Eigentlich standen zu Beginn des Millenniums die Aktien von Ferencváros gar nicht schlecht. Mit dem Unternehmer Gábor Várszegi hatte 2001 ein millionenschwerer Investor den Klub gekauft. Doch nach wiederholten Fan-Ausschreitungen und antisemitischen Vorfällen hatte der jüdischstämmige Multimillionär genug und verkaufte seine Fradi-Anteile. In der Folge stieg der Schuldenberg des Klubs zusehends. Die Grünweißen erhielten Staatskredite, die man nicht zurückzahlen konnte. Auch der verstärkte Spielerverkauf, wie z.B. jener von Zoltan Gera, der 2004 Fradi zum bis dato letzten Meistertitel und Cupsieg führte und dann nach England zu Westbromwich Albion ging, brachte keine wesentliche Entspannung.
Laut ungarischen Zeitungsberichten weist Ferencváros ein Minus von rund vier Millionen Euro auf, die Hälfte davon schuldet man der Mannschaft und Betreuern. So steht der Verein sowohl beim derzeitigen Trainer Imre Gellei als auch bei dessen zwei Vorgängern in der Kreide. Die Spieler sind seit drei Jahren mit unregelmäßigen Gehaltszahlungen konfrontiert und warten nun seit Monaten auf ihr Geld. Die Mannschaft hat noch nicht einmal die Erfolgsprämie für den zweiten Platz in der Saison 2004/05 erhalten. Klubpräsident Ináncsy der öffentlich erklären ließ, man zahle den Spielern ihr Grundgehalt, aber derzeit keine Prämien gab im August sein Ehrenwort, dass die FTC-Profis bis zum 31. des Monats ihr Geld bekommen würde. Am Tag der Wahrheit vertröstete der »Ehrenmann« die Spieler erneut. »Langsam verliere ich die Geduld. Aber es ist unsere Pflicht gegenüber den Fans, weiterzuspielen«, meinte Kapitän Lipcsei sauer.
Notlösung Stadionverkauf
Fradi braucht dringend neue Geldgeber. Hauptsponsor T-Mobile hat dem Präsidium bereits die Pistole auf die Brust gesetzt: Von den vereinbarten umgerechnet knapp 400.000 Euro für die heurige Saison zahle man vorläufig nur die Hälfte. Den Rest bekomme der Verein nur, wenn er sofort aufsteige und Cupsieger werde. Zudem müsse das FTC-Präsidium die finanziellen Probleme auf die Reihe bekommen und neue Sponsoren finden, anderenfalls steige man aus. Das jetzige Budget reiche nicht einmal für die ganze Spielzeit in der zweiten Liga, so T-Mobile.
Die Lage ist also mehr als kritisch. Zusammen mit dem Staat wurden Finanzpläne entworfen, wie man den Verein wieder aus dem Minus bekommt. Im Mittelpunkt der Überlegungen stehen das Stadion an der Üllöi Út und ein dazugehöriges acht Hektar großes Gelände, das günstig verpachtet werden soll. Dort könnten Einkaufszentren und Bürohäuser entstehen. Der Pächter soll im Gegenzug Fradis Schulden und Betriebskosten übernehmen. Zwei Ausschreibungen hat es gegeben, bei denen sich bisher nur ein ausländischer Investor gemeldet hat. Ein spanisches Konsortium, die HI Grupo, zeigte Interesse, wollte das Gelände jedoch fix kaufen. Zum endgültigen Verscherbeln des Familiensilbers konnten sich weder der Klub noch der Staat durchringen. Möglicherweise bleibt Fradi aber nichts anderes übrig. Schließlich soll der Erlös mindestens neun Millionen Euro bringen.
In der Zwischenzeit wird in der obersten Vereinsetage ordentlich Schmutzwäsche gewaschen. Präsident Ináncsy schiebt die Schuld an dem Finanzdesaster auf seine Vorgänger, schließlich sei er noch kein Jahr im Amt. Dass er in dieser Zeit außer Versprechungen nichts erbracht hat, verschweigt er. Seine Präsidiumskollegen haben Ináncsy inzwischen zum Rücktritt aufgefordert, was dieser jedoch ablehnt. Daraufhin trat bis Ende August die Hälfte der Präsidiumsmitglieder zurück darunter der Ehrenvorsitzende, die Fradi-Legende und Europas Fußballer des Jahres 1967, Flórián Albert. Nun ist das oberste Gremium des Vereins beschlussunfähig.
Medienmogul ante portas
Dass Ináncsy wiedergewählt wird, ist unwahrscheinlich. Er setzt jedoch seine ganze Hoffnung auf einen reichen Onkel nicht aus Amerika, sondern der Slowakei. Der Medienmogul Ivan Kmotrik seines Zeichens Rundfunk-, Zeitungs-, Druckerei- und Werbeagenturbesitzer sowie Eigentümer von Artmedia Petrzalka Bratislava, das er durch Investitionen im Red-Bull-Stil vergangenes Jahr in die Champions League gebracht hat hat sich bereits mit fast 200.000 Euro als Sponsor bei Fradi eingekauft. Ináncsy sprach von einer vorläufigen Unterstützung. Er hofft, dass Kmotrik ernsthaft bei Ferencváros einsteigt und ihm damit den Kopf rettet. Niemand kennt die Absichten des Multimillionärs. Aus der Slowakei selbst heißt es jedoch, Kmotrik spiele immer »alles oder nichts«. Gut möglich, dass Fradi bald offiziell Artmedia Ferencváros heißt.
Ein Konflikt mit den zahlreichen grünweißen Fans wäre vorprogrammiert. Und die sind noch immer das stärkste Pfund, mit dem der Klub wuchern kann. Wie zum Trotz sorgen sie derzeit für ein ausverkauftes Stadion. Der Jahreskartenverkauf hat sich gegenüber den Vorjahren verdoppelt und dem Verein unerwartete Einnahmen beschert. Zudem war der Klub bei Redaktionsschluss Tabellenführer. Ein Sonnenstrahl zeichnet sich ab am Horizont. Auch Ex-Fradi-Spieler und -Trainer Zoltán Varga kann dem Desaster Positives abgewinnen: »Der Klub hat nun endlich die Möglichkeit, all seine Schmarotzer loszuwerden.«
Webtipps:
www.fradidrukker.hu
www.ftc.hu






erscheint am 12. Juli 2013.
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