Die interessanteste Aussage des Fankongresses von Berlin fiel nicht beim Kongress selbst, sondern im »aktuellen sportstudio« des ZDF, das den Anlass für eine Spezialsendung zur Fan-, Pyro- und Gewaltthematik genutzt hatte. Das Bild der Ultras als solidarische Familienmitglieder stammt vom Hamburger Philipp Markhardt, einem Sprecher der Initiative »ProFans«. Sein sprachlicher Schlenker um das Problem, das eigentlich keines ist, führt zum Kern der Debatte um Fananliegen und Repression.
Als am Sonntagnachmittag, zum Abschluss des Kongresses, die Fans auf dem Podium zu ihren Lehren aus den einzelnen Workshops ansetzten die Palette reichte von Grundrechtsfragen bis zum Umgang mit der Vereinstradition , fehlte ein entscheidender Teil. Im Themenblock »Chancen und Grenzen von Selbstregulierung, Freiheit und Verantwortung in den Fankurven« war die Frage »Funktioniert die Verregelung und Selbstregulierung von Fan-Gewalt?« am Vortag unter Ausschluss der Presse diskutiert worden. Diskussionsergebnisse stellte man für die Abschlussrunde in Aussicht. Dazu kam es nicht. In einer knappen Erklärung wurde für die anwesenden Fans, Verbandsvertreter und Journalisten festgehalten, dass in besagtem Workshop wohl eine lebhafte Diskussion stattgefunden habe, für ein Fazit daraus aber der Konsens fehle. Damit war nichts gesagt, und doch fast alles.
Wenn aus einem Workshop, in dem Ultras hinter verschlossenen Türen über ihr Selbstverständnis in der Gewaltfrage diskutieren, kein Ergebnis öffentlich gemacht werden kann, bedeutet das, eine Öffentlichmachung wäre nicht im Interesse der Fans gewesen. Das legt den Schluss nahe, dass dort Dinge besprochen wurden, die jedem in der Fanszene schon längst klar, einer breiten Öffentlichkeit aber nicht zu vermitteln sind.
Es gehört zum Wesen einer Ultra-Gruppe, dass sie für ihre Mitglieder einsteht und diese Gruppenlogik auch über Gesetze stellt. Dazu braucht es keine Provokation: Es gibt schlicht keine Ultras, die der Polizei den Weg frei machen würden, damit sie einen Pyrozündler aus ihren Reihen abführen kann. Solidarität ist eines der wichtigsten Merkmale von Ultra-Gruppen und für diese folglich eine »gute Sache«. Für die Polizei aber ist sie »ein Problem«. Und für weite Teile der Öffentlichkeit auch: Sie sehen nicht ein, weshalb man sich wegen Fackeln mit der Polizei anlegen soll.
Die zweite, nicht für die Öffentlichkeit gedachte Frage ist jene nach Auseinandersetzungen mit gegnerischen Ultras. Auch hier braucht es keine Provokation: Die bloße Anwesenheit der anderen vor dem Stadion, an der Raststätte oder am Bahnhof reicht. »Support und Konfrontation« schreiben sich schon heute jene Gruppen auf die Fahnen, die sich und anderen in dieser Frage nichts vormachen. Wer mit einem Fankongress explizit den Dialog fördern will und dafür weder Kosten noch organisatorischen Aufwand scheut, wird in Zukunft nicht darum herumkommen, Klartext zu reden. Sonst klaffen Form und Inhalt bald zu weit auseinander.
Pascal Claude referierte beim Fankongress über die Situation in der Schweiz.






Der Fankongress in Berlin beeindruckte durch gute Organisation und das Bekenntnis zum Dialog. Zu einem der Kernthemen der Ultra-Bewegung, der Gewaltfrage, wurde jedoch nur der Konsens erzielt, nicht öffentlich darüber zu sprechen. Das wird in Zukunft zu wenig sein. Ein Kommentar.
erscheint am 12. Juli 2013.
Abo bestellen