DAC Dunajská Streda heißt auch Dunaszerdahelyi Atlétikai Club und gilt als sportliches Aushängeschild der ungarischen Minderheit in der Slowakei. Die Erfolge des Vereins sind überschaubar. 1987 verbuchte man mit dem Gewinn des slowakischen und tschechoslowakischen Cups das Highlight der Vereinsgeschichte. Den anschließenden Kurzauftritten im internationalen Fußball folgten ab 2000 bittere Jahre in der Zweit- und
Drittklassigkeit. Mit dem Engagement des iranischen Präsidenten Khashayar Mohseni sollte die Wende eingeleitet werden.
Neben dem Ex-Admira-Sportdirektor glaubte auch ein österreichischer Gastronom an das Geschäftspotenzial des slowakischen Kleinvereins. Wilhelm Gollowitzer fungiert eigenen Angaben zufolge als Mittelmann für einen Investor aus Dubai, der 70 Prozent der Aktien von DAC Dunajská Streda hält. Allein der sportliche Erfolg blieb auf kurze Sicht aus. So bedurfte es der Umstrukturierungen der drei höchsten slowakischen Spielklassen, um den Aufstieg in die zweite Liga zu schaffen. In der Saison 2007/2008 gelang dann mit der Fusion mit dem FC Senec der nächste Coup, und so fand sich der DAC am ersten Spieltag in der slowakischen Corgon Liga wieder.
Unter der sportlichen Leitung von Werner Lorant formten Gollowitzer und Mohseni eine Mannschaft, die in puncto Internationalität in der Slowakei ihresgleichen sucht. Das Repertoire des Kaders reicht von sechs Kamerunern (darunter der ehemalige Sturm-Graz-Angreifer Amadou Rabihou), über türkische, kroatische und tschechische Spieler bis hin zum einmaligen österreichischen Nationalteamexperiment Rolf Landerl. In sportlicher Hinsicht entpuppte sich der zusammengewürfelte Haufen als solide, der DAC steht auf einem gesicherten Mittelfeldplatz und sollte mit dem Abstieg nichts zu tun haben.
Knüppel gegen Großungarn
Als am 1. November Slovan Bratislava in Dunajská Streda gastierte, standen die Vorzeichen für einen ruhigen Fußballnachmittag alles andere als günstig. Rechtsextreme Slovan-Fans hatten bereits vor dem Spiel Probleme angekündigt. Auf dem Weg vom Bahnhof zum Stadion machten die Fans vor den Augen des enormen Polizeiaufgebots mit faschistischen Gesten auf sich aufmerksam. Erste Verhaftungen folgten.
Auf der anderen Seite bekamen die Fans von DAC Unterstützung aus dem Nachbarland. Die ungarische Ultra- und Hooliganelite, allen voran eine Abordnung von Ferencváros Budapest, schickte sich an, ihre Vision von der Wiedervereinigung Großungarns öffentlich kundzutun und reiste zahlreich zum Spiel an. Neben den nationalistischen Ambitionen wurden die angereisten Budapester auch durch die Aussicht auf ein Wiedersehen mit den Slovan-Fans zusätzlich motiviert. Beim Hinspiel der Champions-League-Qualifikation 1992 zwischen Slovan und »Fradi« hatten die ungarischen Auswärtsfans schmerzhafte Bekanntschaften mit den slowakischen Ordnungshütern gemacht. Die Bilder von wahllos knüppelnden Spezialeinheiten prägten sich nachhaltig in ihr Gedächtnis ein.
Auch an diesem Tag sollte Deeskalation nicht sehr weit oben auf der Befehlsliste der slowakischen Polizei stehen, das Spiel drohte in den Hintergrund zu treten. Der Slovan-Block provozierte durch bengalische Feuer und Knallkörper schon früh eine Spielunterbrechung. Aber die eigentliche Tragödie spielte sich auf der anderen Seite des Mestský-Stadions ab. Nach 15 Spielminuten reagierte eine Spezialeinheit auf die Provokationen der ungarischen Fans und stürmte eine Tribüne des Dunajská-Streda-Fansektors. Im Nachhinein wurde ein angeblicher Steinwurf als Auslöser genannt, Beweise dafür sind jedoch bis dato ausständig.
Die vermummten Ordnungshüter prügelten den Sektor fast vollständig leer. Geschlossene Ausgangstore versperrten den zurückweichenden Fans den Fluchtweg. Panik machte sich breit, die durch weitere Polizeiaktionen noch verschärft wurde. Regungslose Fans wurden abtransportiert, und Minuten später ließ das Rotorkreisen eines Rettungshubschraubers erste Schwerverletzte vermuten.
Das Spiel wurde dennoch fortgesetzt und die Slovan-Fans bejubelten den 4:0-Auswärtserfolg ihrer Mannschaft. In Dunajská Streda und auf ungarischer Seite interessierte das niemanden. Der Schock über 30 bis 40 Verletzte saß tief. Krisztián Lengyel, ein junger Dunajská-Streda-Fan, erlitt bei den schweren Ausschreitungen einen gebrochenen Halswirbel und ein zertrümmertes Kiefer. Die Bilder vom bewusstlosen DAC-Anhänger schockierten die Öffentlichkeit. Ein Augenzeuge berichtete gegenüber dem ungarischen Radiosender Szent Korona Rádió von der brutalen Vorgehensweise der Einsatzkräfte: »Krisztián war bewusstlos, als ihn die Leute aus der Masse gezogen haben. Die Polizeikommandos haben alle von dort weggeprügelt und begannen, ihn zu schlagen. Er war bewusstlos und halbnackt, trotzdem sind sie ihm auf den Kopf gestiegen und haben ihn mit Schlagstöcken verprügelt.«
Auch die Vereinsführung von Dunajska Streda übte massive Kritik am Einsatz der slowakischen Polizei. Wilhelm Gollowitzer hatte vor dem Match nichts Schlimmes befürchtet: »Die Sache wurde medial aufgebauscht. Dann wurde die höchste Alarmstufe ausgerufen, mit großangelegten Sicherheitsmaßnahmen und dem Alkoholverbot, um den Extremisten auf beiden Seiten Einhalt zu gebieten.« Das Eindringen in den Fansektor hält Gollowitzer für unangebracht. »Sie sind viel zu schnell eingeschritten. Es ist ja gar nichts passiert. Mit dem riesigen Aufgebot hätten sie die beiden Fanlager jederzeit kontrollieren können«, so der Gastronom, der bei den DAC-Spielen u.a. für das Catering sorgt.
Vereinigte Ultras
Auf politischer Ebene lösten die Vorkommnisse eine Verschärfung der ohnehin nicht gerade freundschaftlichen diplomatischen Beziehungen zwischen der Slowakei und Ungarn aus. Noch am selben Abend wurden bei einer Demonstration vor der slowakischen Botschaft in Budapest Fahnen verbrannt und nationalistische Parolen skandiert. In den folgenden Tagen wurde Ungarn immer wieder Schauplatz von antislowakischen Aufmärschen.
Zur größten Zusammenkunft kam es am 8. November erneut in Budapest. An vorderster Front vereinigten sich viele der sonst verhassten Ultra-Gruppierungen, um die ungarische Flagge zu zeigen. Auch in den Stadien setzte die Rivalität aus, gemeinsam wurden Transparente wie »Hazátlan Tot Kutyák Pusztulyatok« (»Verreckt, ihr heimatlosen Hunde«) oder »Isten Megbocsájt, Mi Soha« (»Gott vergibt, wir nicht«) zur Schau getragen. Abseits der politischen Ebene forderten sowohl Fans als auch Medien eine offizielle Entschuldigung für den übertriebenen Polizeieinsatz.
Fast schon skurrile Szenen spielten sich währenddessen an der ungarisch-slowakischen Grenze ab. Die rechtsextreme ungarische Bürgerwehr Magyar Gárda patrouillierte, »um das Land vor slowakischen Übergriffen zu schützen«. Am Tag der Großdemonstration wurden in einer slowakischen Grenzstadt 28 ungarische Neo- Faschisten in großungarischen Militäruniformen festgenommen.
Aber auch in der Slowakei nahm die äußere Rechte das Spiel zwischen Dunajská Streda und Slovan zum Anlass, um Propaganda zu betreiben. Ján Slota, der Vorsitzende der nationalistischen Regierungspartei SNS (Slowakische Nationalpartei) forderte Premierminister Robert Fico auf, die diplomatischen Beziehungen zu Ungarn abzubrechen. Am 15. November traf sich Fico mit seinem ungarischen Pendant Ferenc Gyurcsány in der geteilten Grenzstadt Komárno/Komárom, um ein Zeichen für ein Miteinander zu setzen.
Der slowakische Verband verkündete derweil das Strafmaß für die Ausschreitungen, und ließ dabei nicht unbedingt großes Fingerspitzengefühl walten. Während Slovan für das Verhalten seiner Fans mit einer Geldstrafe von 2.000 Euro davon kam, wurde Dunajská Streda mit einer Stadionsperre für zwei Heimspiele abgestraft. Beim anschließenden »Geisterspiel« des DAC versammelten sich 2.000 Fans vor dem Mestský-Stadion, sammelten Spenden für den schwerverletzten Krisztián Lengyel und demonstrierten gegen die Polizeigewalt. Ob das Gleichgewicht zwischen der ungarischen Minderheit und der restlichen Slowakei in naher Zukunft aber wiederhergestellt werden kann, bleibt fraglich.
Fotos vom Spiel Dunajská Streda Slovan Bratislava gibts hier.






erscheint am 12. Juli 2013.
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