Ungleiche Spielbedingungen

WM 2010 Die entscheidende Stimme eines neuseeländischen FIFA-Delegierten sprach Europa, und nicht Afrika, die WM für 2006 zu. Vier Jahre später wird es dann doch so weit sein: Südafrika ist Gastgeberland der Weltmeisterschaft 2010. Die politischen und wirtschaftlichen Umstände analysiert OLIVER SCHWANK.

Nelson Mandela nahm höchstpersönlich die frohe Botschaft entgegen. Als die FIFA vor knapp zwei Jahren in Zürich verkündete, dass Südafrika den Zuschlag für die nächste Weltmeisterschaft erhalten wird, gehörte auch der Ex-Präsident einer hochkarätig besetzten südafrikanischen Delegation an. Der mittlerweile 93-Jährige hatte davor schon wiederholt - und immer ohne Erfolg - versucht, sich aus dem öffentlichen Leben zurückzuziehen. In Zürich diente er einmal mehr als Aushängeschild der jungen Demokratie und trug so zu jenem Triumph bei, der von vielen als verspätete internationale Anerkennung für das friedliche Ende der Apartheid gesehen wird.

Europäisches Unverständnis

Die anfängliche Euphorie der sportbegeisterten Nation ist mittlerweile einer öffentlichen Debatte und nüchternem Abwägen der Kosten und Nutzen des Großereignisses gewichen. Dabei stellt in Südafrika selbst kaum jemand die grundsätzliche Kompetenz von Regierung oder Organisationskomitee in Frage, eine ordentliche WM über die Bühne zu bringen. Zu viel steht auf dem Spiel, als dass sich das Land vor den Augen der Weltöffentlichkeit eine Blöße geben könnte. Südafrika verfügt zudem über eine relativ moderne Infrastruktur inklusive großer Stadien und hat in den letzten Jahren erfolgreich den »African Cup of Nations« im Fußball, eine Rugby- und eine Kricket-WM veranstaltet. Die europäische Presse könnte also getrost beruhigt sein, zeichnet sich aber schon jetzt durch kaum verhohlenes Misstrauen gegenüber dem Veranstalter aus. Die Schreiber werden wohl auch in den nächsten Jahren freudig Klischees über Armut, Gangster, Korruption und Missmanagement breit treten. Der südafrikanischen Diskussion werden sie damit überhaupt nicht gerecht.

Südafrikanische Realität

Im Veranstalterland fragt man sich, wie die Organisation der Weltmeisterschaft und die damit verbundenen Investitionen mit den immer noch riesigen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Herausforderungen in Einklang gebracht werden können. Der staatlich verordnete Rassismus ist zwar in die Geschichtsbücher verbannt, aber Südafrika leidet auch heute noch unter einer extrem polarisierten Gesellschaft, in der neben der Hautfarbe nun noch stärker die Klassenzugehörigkeit über Jobchancen, soziales Umfeld und eben auch sportliches Interesse entscheidet. Wer es sich leisten kann, verfolgt die englische Premier League live auf Pay-TV, während dem öffentlichen Fernsehen die Berichterstattung über die heimische Liga bleibt. Die Stars der Kaizer Chiefs oder Orlando Pirates wissen vor allem in den schwarzen Townships zu begeistern, der typische weiße Fußballfan könnte vermutlich nicht einen Spieler dieser Mannschaften nennen.
Für den seit 1994 regierenden African National Congress ist die Überwindung der historischen Spaltung zwischen Schwarz und Weiß ein zentrales Thema. Auf kultureller Ebene wurde dazu von Anfang an auch der Spitzensport genutzt. Als Südafrika 1995 die Rugby-Weltmeisterschaft im eigenen Land gewann, überreichte Mandela persönlich den Siegespokal. Der inzwischen ergraute Held des Anti-Apartheid-Kampfes trug dabei das grün-gelbe Nationaltrikot der »Springboks«. Eine wichtige Geste der Einheit: Immer noch setzt sich das Rugby-Team Südafrikas fast ausschließlich aus weißen Spielern zusammen - über lange Jahre hinweg war es der ganze Stolz des rassistischen Regimes.
In diesem Zusammenhang lässt sich auch verstehen, warum die Weltmeisterschaft als Vehikel zum so genannten »Nation Building« genutzt wird. Immer wieder zeigten die Medien nach der Vergabe 2004 Bilder von Menschen aller Hautfarben, die die Entscheidung gemeinsam auf öffentlichen Plätzen verfolgten und anschließend miteinander feierten - in Südafrika auch heute noch eine Seltenheit.

Ökonomische Irrungen

Derlei symbolische Gesten und kleine Schritte der Annäherung bleiben aber dann bedeutungslos, wenn sie für sich stehen und nicht von materiellen Verbesserungen begleitet werden. So würde der Slogan einer »afrikanischen Weltmeisterschaft« zu einem hohlen Versprechen verkommen, wenn ihm nicht auch durch entsprechende Preispolitik - also für den südafrikanischen Fan leistbare Eintrittskarten - Rechnung getragen wird. Ob die Organisatoren bereit sind, diesen Schritt auch gegen kommerzielle Interessen durchzusetzen, bleibt abzuwarten.
Im Bereich der Ökonomie stellt die extrem Bereich der Ökonomie stellt die extrem ungleiche Verteilung von Vermögen und Einkommen eine mindestens ebenso große Herausforderung dar. Und obwohl ein Teil der ehemals unterdrückten schwarzen Bevölkerung den Aufstieg in die Mittelschicht geschafft hat, ist die Ungleichheit insgesamt in den letzten zehn Jahren noch größer geworden. Die Arbeitslosigkeit liegt bei knapp 40 Prozent, davon betroffen sind vor allem Frauen und Schwarze. Hingegen bietet 2010 der Regierung die Chance, Südafrika der ganzen Welt als modernen, sicheren und attraktiven Wirtschaftsstandort zu präsentieren.
Ob den europäischen Fußball-Touristen auch europäische Unternehmen folgen werden, bleibt aber zweifelhaft. Bis jetzt liegen die ersehnten Auslandsinvestitionen weit unter den Erwartungen, und die Erfahrungen vergleichbarer Länder deuten darauf hin, dass ausländische Direktinvestitionen auf Binnenwachstum folgen, es aber niemals selbst auslösen. Natürlich könnte die WM auch einen Anstoß für eine solche Binnendynamik geben - zum Beispiel durch die Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur. Hier gäbe es viel zu tun, denn der öffentliche Verkehr besteht im heutigen Südafrika im Wesentlichen aus einer undurchsichtig organisierten Flotte von völlig veralteten und ebenso verkehrsuntauglichen Minibussen, deren Benutzung für den durchschnittlichen europäischen Fan wohl einen Tick zu abenteuerlich wäre. Bestrebungen, den Minibus- Sektor zu regulieren und zu modernisieren, gibt es schon lange. Die WM könnte hier eine Katalysatorrolle einnehmen. Momentan gehört zum Verkehrskonzept auch noch der so genannte »Gautrain«, ein Hochgeschwindigkeitszug, der die Metropolen Johannesburg und Pretoria verbinden soll. Die Distanz zwischen den beiden Städten beträgt 60 Kilometer, der Kostenvoranschlag liegt zurzeit bei drei Milliarden Euro. An der Nachhaltigkeit dieses prestigeträchtigen Großprojekts gibt es große Zweifel.
Was hier exemplarisch für den öffentlichen Verkehr dargestellt wurde, gilt natürlich ebenso in anderen Bereichen, etwa dem Tourismus oder der Telekommunikation. Ob die Investitionen, die anlässlich der WM getätigt werden, auch langfristig Sinn machen und wer davon in der heterogenen südafrikanischen Gesellschaft profitiert, ist noch nicht ausgemacht. Der »Gautrain« jedenfalls ist auf Grund allzu heftiger öffentlicher Kritik bis auf weiteres auf Eis gelegt.
Eine Prognose sei an dieser Stelle erlaubt: Südafrika 2010 wird eine perfekt organisierte WM und ein unvergessliches Erlebnis für die Fans aus Europa, die die Reise wagen. Südafrika 2010 wird aber ebenso sicher gekennzeichnet sein durch die extremen Kontraste und Ungleichheiten, die das Land noch immer plagen.

Referenzen:

Heft: 22
Rubrik: Spielfeld
ballesterer # 82

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Der nächste ballesterer fm erscheint am 12. Juli 2013.

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