Der 17-Jährige wurde nach seiner Festnahme gemeinsam mit anderen Fans in einen Polizeitruck verfrachtet. Was sich dort weiter abgespielt hat, ist nicht restlos geklärt. Es gilt lediglich als gesichert, dass er von einem Mobiltelefon aus noch seine Mutter anrief, um ihr von der Verhaftung zu berichten. Merkwürdig ist in diesem Zusammenhang, dass keine Augenzeugenberichte anderer Wageninsassen an die Öffentlichkeit gelangten. Gerüchte, die Zeugen seien von der Staatsmacht eingeschüchtert worden, machten die Runde.
Polizei im Argumentationsnotstand
Die Polizei stellte die Ereignisse zunächst als selbstverschuldeten Unfall des Jugendlichen dar: Er sei beim Versuch, aus dem (von außen verschlossenen und von innen bewachten) Transporter zu springen, unglücklich mit dem Kopf auf den Asphalt geprallt. Sicherheitskräfte hätten ihn dann ins Krankenhaus gebracht. Diese Version glaubte von Anfang an niemand. Der Komapatient erlag wenige Tage später seinen schweren Kopfverletzungen. Der ganze Körper sei mit Schlägen übersät gewesen, berichteten Familienangehörige. Später tauchten Fernsehbilder auf, die zeigten, wie brutal bereits die Festnahme abgelaufen war: Mehrere Polizisten in Uniform aber auch in Zivil schlugen auf Blanco, der keinerlei Widerstand leistete, ein. Der Fall wurde binnen Tagen zur Staatsaffäre: Präsident Kirchner verlangte eine lückenlose Klärung, Innenminister Fernandez nahm sich persönlich der Angelegenheit an. Selbst der Polizeichef von Buenos Aires bezweifelte die ursprünglich in Umlauf gebrachte »offizielle« Version und suspendierte zwei der am Einsatz beteiligten Beamten vom Dienst.
Der »Fall Blanco« hat in Argentinien die aggressiven Polizeieinsätze bei Fußballspielen, die zuvor schon gar nicht mehr berichtenswert waren, in Frage gestellt. Denn den 17-jährigen Schüler konnte man nachträglich nicht zum wilden Hooligan erklären. Er war nie zuvor gewalttätig aufgefallen, die Erinnerungen von Freunden, Schulkollegen oder Lehrern ließen einen solchen Schluss völlig absurd erscheinen. Zynisch gesprochen, kann nicht einmal von einem »Kollateralschaden « die Rede sein, denn es hatte auch im Umfeld des Sektors laut Stadionbesuchern keinerlei Ausschreitungen gegeben, die einen derartigen Gewalteinsatz der Polizei gerechtfertigt hätten.
Um eine solche tragische Verkettung von Ereignissen in Zukunft zu verhindern, hat sich eine vereinsübergreifende Initiative gegründet, die das Problem der Polizeigewalt durch Protestmärsche öffentlich thematisiert. Supporter-Gruppen zahlreicher Erst- und Zweitligisten haben sich bisher daran beteiligt. So marschierten Bocas »bosteros « gemeinsam mit den »gallinas« von River Plate und erbrachten den friedlichen Beweis, dass ein vernünftiger Diskurs selbst bei heftigster Rivalität möglich ist.
200 Tote in 65 Jahren
Brutalo-Szenen wie die zuvor beschriebene sind im Fußball am Rio de la Plata keine Seltenheit. Die Polizei allein für die Gewaltexzesse verantwortlich zu machen, wäre jedoch eine unzulässige Verkürzung: 200 Tote in Fußballstadien seit 1939 lassen keine eindimensionalen Antworten zu. Der Soziologe Pablo Alabarces von der Universität Buenos Aires beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema »Fußball und Gewalt« und kommt in seinem aktuellen Buch »Cronicas del aguante« (»Chroniken des Fantums«) zu wenig schmeichelhaften Schlüssen für alle Beteiligten. So auch nicht für die »barrabravas«. Bei den Ultra- Gruppierungen ortet er in den letzten Jahren einen steigenden Gewaltkult, der sich weg vom exzessiven Fantum eines Einzelnen hin zum Grundprinzip kollektiver Fangruppen-Identität entwickle.
Eine Beobachtung, die der Autor dieser Zeilen durchaus bestätigen kann, wurde er doch selbst bei einem Besuch bei »La Doce« in der Bombonera der Boca Juniors von zwei netten Herren in Blau-Gelb gleich drei Mal aufgefordert, nach dem Spiel einen Banfield-Fan vor dem Stadion ins Gesicht zu treten. Das Opfer würden die netten Herren - beiden fehlten mehrere Zähne - selbst fangen und während der Attacke am Boden festhalten. Bei Nicht-Befolgen der Anweisung würde dem Schreiber das genannte Schicksal selbst drohen. Der Versuch, dem »Angebot« zu entgehen, wurde mit forschem Zurückreißen, Herumschubsen, einem leichten Kopfstoß ins Gesicht und unfreiwilligem Händchen-Halten quittiert. Bei einem Boca-Tor, das glücklicherweise nicht lange auf sich warten ließ, gerieten die übel riechenden Gesellen im allgemeinen Jubel jedoch selbst so außer Rand und Band, dass sie auf den Schreiber vergaßen und dieser in der allgemeinen Hektik unbemerkt entkommen konnte.
Dass es Fanstrukturen mit verschwimmenden Grenzen zur organisierten Kriminalität (v.a. Drogenhandel, Schutzgelderpressung, Bandenwesen) gibt, ist ebenfalls ein offenes Geheimnis. Gewalt in Fußball und Geschäft würde sich nicht ausschließen, sondern ergänzen, so Alabarces' These. Auch auf Seiten der Sicherheitsorgane: »Für die Polizei ist die Gewalt in erster Linie als Geschäft von Belang. Alle Polizeieinheiten im Land verdienen mehrere Millionen Pesos im Jahr durch ihre Einsätze. Wenn es weiterhin Gewalt gibt, wird es weiterhin Einsätze geben.« Ganz normaler Kapitalismus eben. Auf welcher Seite die Mittelschicht in einem Land mit einer exorbitant hohen Kriminalitätsrate zu finden ist, kann man sich leicht ausrechnen. Die »harte Hand« ist durchaus nicht unpopulär, wenn man es mit medial dämonisierten Phänomenen wie »barrabravas « zu tun hat. Offenbar hat sich in diesem Zusammenhang einiges verselbständigt: Fangruppen kritisieren, dass der öffentliche Blankoscheck über die Jahre maßgeblich zur Steigerung undifferenzierter Polizeigewalt beigetragen habe.
Fliegende Fäuste am Grünen Rasen
Angesichts der Gewalt im Stadion stellt Alabarces die Frage: »Wo gab es in der jüngeren Vergangenheit die schlimmeren Ausschreitungen: auf den Rängen oder auf dem Feld?« Beispiele sind rasch gefunden: etwa die knapp zehnminütige Massenschlägerei unter Kickern und Betreuern beim Semifinale der Copa Libertadores 2004 zwischen Boca und River, als Blut floss und die Polizei am Spielfeld einschreiten musste. Auch heuer erinnerte der grüne Rasen in der Bombonera einmal mehr an Rambo III, als beim Libertadores-Viertelfinale Boca gegen Chivas im Juni erneut die Fäuste flogen. Ein Boca-Spieler musste sogar die Nacht am Polizeikommissariat verbringen, weil er infolge der von mehreren Absonderlichkeiten begleiteten Tumulte (wie einem spuckenden Trainer) auf einen Beamten losgegangen war. Im Juli schließlich schlugen Spieler des Provinzklubs Santa Lucía einen Schiri krankenhausreif. Anlass war ein Elfmeter für das Gästeteam samt nachfolgendem Spielabbruch wegen Randalen auf den Rängen gewesen.
Trotz aller Probleme ist die Atmosphäre in argentinischen Stadien einzigartig. Und ein erster Schritt zu einem friedlicheren Miteinander scheint gesetzt: Der 2. Juli, Datum der ersten Fandemo nach Blancos Tod, soll zum »Tag des Fans« erklärt werden.






erscheint am 12. Juli 2013.
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