Rosa-schwarzer Adler im Höhenflug

SIZILIEN Mit Catania, Messina und Palermo spielen erstmals gleich drei Vertreter von der Insel in der Serie A. Warum die Adler vom US Palermo das größte Potenzial für einen Flug aus der fußballerischen Bedeutungslosigkeit Siziliens und zur Modifikation des ewig gleichen Kräfteverhältnisses im italienischen Oberhaus haben, erklären JAKOB ROSENBERG und MARTIN SCHREINER.
Jakob Rosenberg | 08.02.2007

Der sizilianische Fußball erlebt derzeit einen wahren Boom. Für die »Financial Times« ist dieser historische Höchststand jedoch kein Beweis für ein neues und starkes Fußballsizilien, sondern - wie sie in einem Artikel vom 27. Oktober 2006 konstatierte - nur ein »Symbol für die Malaise im Weltmeisterland Italien«. Trotz der bisherigen Fahrstuhleigenschaften der drei sizilianischen Serie-A-Vertreter und der vom Calciopoli-Skandal geprägten Tabelle, überrascht vor allem Palermo seit seinem Aufstieg 2004 mit konstant starken Leistungen. Bei näherem Blick auf die neuen Qualitäten des Vereins aus der Hauptstadt der Insel, muss den Kollegen des erwähnten Wirtschaftsblatts geraten werden, sich in Zukunft wieder mehr auf Finanzmarktanalysen zu konzentrieren.

Stabiler Steigflug

Die Rosaschwarzen stiegen 2004 als überlegener Erster der Serie B auf und stellten mit Luca Toni den Torschützenkönig. Sie erreichten sowohl in der Saison 2004/05 als auch 2005/06 (auf Grund von Punkteabzügen der Konkurrenz) einen UEFA-Cup-Startplatz und in diesem Bewerb in der letzten Spielzeit das Achtelfinale. In der laufenden nationalen Meisterschaft hielten sich die Adler in der ersten Saisonhälfte immer in den Höhen der ersten drei Tabellenränge und waren kurzzeitig sogar auf Rang eins. Hauptverantwortlich für den derzeitigen Erfolg ist, wie schon beim Aufstieg in die Serie A, Trainerfuchs Francesco Guidolin. Er hat eine stabile Mischung aus Spielern mit einem Altersschnitt von 26 Jahren zur Verfügung. Aus der Mannschaft mit vier aktuellen A-Teamspielern stechen vor allem Topscorer Amauri und Kapitän Eugenio Corrini hervor, der seinen zweiten Frühling erlebt. Der süditalienische Klub besticht durch Weitblick und Expertise beim Spielereinkauf, für den vor allem Rino Foschi verantwortlich zeichnet. Er rühmt sich, Entdecker von so bekannten Spielern wie Beppe Signori, Mauro Camoranesi und Alberto Gilardino zu sein. Um einen Kern von Routiniers gruppierten Guidolin und Foschi neben zwei aktuellen U21-Teamspielern mittlerweile auch junge Eigenbaukicker.

Erfolg aus der Retorte

Ein gelungenes sportliches Projekt. Nur eine glorreiche Fußballtradition fehlt vollkommen. Palermo präsentiert sich vielmehr als ein durch Fusionen und Neugründungen über hundert Jahre notdürftig am Leben erhaltener Klub, die derzeitigen Erfolge kommen fast aus der Retorte. Sie sind angesichts der starken Beteiligung norditalienischer Verantwortlicher zwar nicht hausgemacht, mit der konstatierten Schwäche des gesamtitalienischen Fußballs hat der Aufschwung allerdings nur bedingt zu tun. Die ungewohnt guten Leistungen sind vielmehr eng mit Palermo-Präsident Maurizio Zamparini verknüpft.

Den aus dem Friaul stammenden Zamparini hat es 2002 eher zufällig nach Sizilien verschlagen, weil der in Turbulenzen geratene Roma- Eigentümer Franco Sensi seine Palermo-Anteile verkaufen musste. Davor hatte Zamparini 15 Jahre lang das Präsidentenamt beim SS C Venezia inne gehabt. Damals rettete er Palermo das fußballerische Überleben, indem er die in seinem Besitz befindliche Serie-C2-Lizenz des kleineren venezianischen Vereins Mestre an das soeben neu gegründete Palermo verkaufte. Auch wenn Venedig und Palermo mehr als nur die 1500 Kilometer Entfernung trennen, wendete der Supermarktkettenbetreiber das gleiche Rezept auf beide Klubs an: Übernahme eines finanziell maroden Klubs, Aktivierung politischer Unterstützung durch Hauptsponsorverträge mit der Region, Investitionen in junge Talente, die später an große Vereine abgegeben werden. Dieses Rezept führte beide Klubs Zamparinis von der Bedeutungslosigkeit zurück in den Fußballolymp Serie A. Dies, obwohl der autoritäre Präsident bei Palermo seit 2002 bereits acht Trainer ausgetauscht hat und keine Gelegenheit auslässt, ihnen öffentliche Nachhilfe in Sachen Aufstellung und Taktik zu geben. Dabei ist dem charismatischen Friulaner auch klar, wie »sein moderner Fußball« auszusehen hat: Am meisten interessiert Zamparini der Poker um Fernsehgelder sowie der bestmögliche Verkauf des jeweiligen Vereins als Marke.

Bei den über Gedeih und Verderb entscheidenden Verhandlungen um die TV-Rechte für die italienische Liga, versucht der durchsetzungsstarke Palermo-Boss regelmäßig - meist zusammen mit Fiorentina-Chef Della Valle - der Bevorzugung von Juve, Milan und Inter ein Ende zu setzen. Um die Macht von Milans Adriano Galliani einzudämmen, ließ er sich 2005 zu dessen Vize als Ligavorsitzenden wählen, bis 2006 der Calciopoli-Skandal beide zum Rücktritt zwang. Dennoch pokert Zamparini weiter um Fernsehrechte. Palermos Vertrag mit Murdochs Sky-Italia für die laufende Saison schloss er erst nach dem ersten Spieltag ab.

Aufbruchstimmung unter den Fans

Ein Hauptgrund für seinen Abschied aus Venedig war das Scheitern seiner Pläne für den Neubau eines Stadions an der Peripherie der Lagunenstadt, in das der Handelsketten- Unternehmer auch ein Shoppingcenter und ein Kino integrieren wollte. Dieses Konzept möchte er nun in Palermo verwirklichen. Gut besucht würde ein solcher Neubau derzeit allemal sein. Die jüngsten Leistungen Palermos führten zu einer für den sizilianischen Fußball bisher untypischen Aufbruchstimmung unter den Fans. Vom historischen Tiefstand von rund 3.000 verkauften Dauerkarten stieg die Zahl der Abobesitzer bis zum Aufstieg 2004 auf einen Rekordwert von 32.800 stetig an. Positiver Nebeneffekt dieses Zuschauerbooms ist die Marginalisierung rechtsextremer Fangruppen, die die Nord-Kurve im Stadion »La Favorita« lange dominiert hatten. So einigten sich etwa Vertreter der wichtigsten Gruppen bereits 2004 mehrheitlich, auf die Verwendung rechter Symbole zu verzichten.

Palermos im Ligavergleich enorm hohe Zuschauerzahlen verblüffen nur auf den ersten Blick. Die Sizilianer identifizierten sich zwar traditionell mehr mit Juve und in der jüngeren Vergangenheit mit Milan. Wie Rosario Naimo, ehemaliger Palermo-Pressesprecher, in der Fußballzeitschrift »Linea Bianca« schreibt, waren diese Gefühle jedoch nie wahre Liebe, sondern nur der Wunsch, sich auch einmal groß, und nicht isoliert und klein, zu fühlen. Die Zeiten der nördlichen Patronanz sind für die Tifosi der sizilianischen Hauptstadt jetzt hoffentlich vorbei. Mögen sie noch lange singen: »Dreißig Jahre hat es gebraucht, dreißig Jahre Verbrechertum, bevor wir diese Partie gewinnen konnten. Verflucht, wie schön - wenn ihr könnt, lasst uns träumen.«

Referenzen:

Heft: 26
Rubrik: Spielfeld
ballesterer # 82

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