Rezensionen

Das Stadion als Fluchtort

 

Elf Spieler stehen in einer Mannschaft, elf Vereine gründeten 1863 die Football Association, und elf Krimistories sind es auch, die Matti Lieske in seinem Buch »Bei Anstoß Mord« versammelt. Die kriminellen Delikte reichen vom Juwelenraub über kaltblütigen Mord bis zum Versicherungsbetrug, sogar Jack the Ripper taucht einmal leibhaftig auf gemeinsam ist den einzelnen, in sich abgeschlossenen Handlungen, dass sie sich vor der Kulisse bedeutender Fußballspiele ereignen, vom Match England gegen Schottland 1889 bis zur WM 2002.
Der Autor, im Hauptberuf Leiter der Sportredaktion der Berliner »taz«, mischt Fiktion und Realität, Dichtung und Wahrheit: Alle Geschichten sind frei erfunden, bei der Wiedergabe der historischen Spiele hält er sich aber strikt an die Fakten. Das Stadion ist hier selten der Ort des Verbrechens, dafür umso öfter jener der Zuflucht. Denn wo kann ein Delinquent besser untertauchen als zwischen Zigtausenden von Fans? Und wann ist die Polizei besser abgelenkt als während der Übertragung eines WM-Spiels?
Wir dürfen annehmen, dass es für Lieske ein großer Spaß war, einmal nicht auf tagesaktuelle Meldungen Rücksicht nehmen zu müssen und stattdessen seiner Phantasie und seinem hintergründigen Humor freien Lauf lassen zu dürfen. Die Geschichten sind nett, manchmal recht skurril, und immer genau komponiert. Denn erstens stimmt der Autor die Art der Verbrechen jeweils auf die Spiele ab, zweitens verleiht er, vor allem durch eine genaue Beschreibung des Zeit- und Lokalkolorits,  den (erfundenen) Begebenheiten stets eine gewisse Plausibilität und drittens variiert er Stil und Perspektive, je nachdem, ob seine Hauptperson ein kleiner Dieb oder ein Profikiller ist, einmal (in »Der Friedhof schließt um sechs«) kopiert er auch erkennbar Raymond Chandler. Mit drei Worten: ein kleines Meisterwerk. [wm]

Matti Lieske: »Bei Anstoß Mord. 11 Krimistories rund um große Fußballspiele« (Eichborn Verlag, Frankfurt a.M. 2004)

 

 

Trost fürs Spielmacher-Ego

 

Ich kannte Günter Netzer nicht. Der winzige Ausschnitt, den ich von ihm kenne, ist schnell erzählt: hin und wieder bei Länderspielen analysieren gehört. Und ein paar Mal eine Bahnwerbung mit ihm gesehen. Aus.
Jetzt kenne ich ihn besser: Ich habe seine Autobiographie »Aus der Tiefe des Raumes« gelesen. Seitdem nervt mich seine Besserwisserei im Fernsehen nicht mehr; jetzt suche ich danach. Denn was Günter Netzer (gemeinsam mit Helmut Schümann) da schreibt, macht ihn verständlich, interessant, sympathisch.
Der ARD-Fußballexperte weiß anscheinend, wie es ist, Außenseiter zu sein und trotzdem locker zu bleiben. Als Spinner zu gelten und sein Ding doch durchzuziehen. Nicht von allen geliebt zu werden und dennoch beliebt zu sein. Allein deshalb ist es für das Ego potenzieller Spielgestalter Grund genug, tiefer in den eigenwilligen Netzer-Raum zu schauen. 
Dem Schreiber Netzer wurde vorgeworfen, dass das, was er in seinem Buch abliefert, eine Beleidigung des Intellekts deutscher Fußballanhänger sei. Und dass er sich angesichts der erbrachten Leistung im ARD-Studio bei Delling über das standardisierte Spiel aufregen und innovative Ideen oder wenigstens Kampf fordern würde.
Der Meinung bin ich nicht. Denn dafür wirken mir die Geschichte im Allgemeinen und ein paar Episoden im Besonderen einfach zu lebensecht, zu erkenntnisreich, zu tiefgründig. Zum Beispiel Netzers Erinnerung an seine Zeit als HSV-Manager, als er Blut schwitzte, weil er nicht wusste, ob sein alkoholkranker Trainer pünktlich, nüchtern oder überhaupt zum Spiel erscheinen würde.
Vor allem aber die Spielmacher und Regisseure dieser Welt dürfen sich freuen. Denn wer ob seines Hangs zum Ballzauber, zu alternativem Kurzpass-Spiel oder zum intuitivem Seitenwechsel jemals ignoriert, belächelt oder verspottet wurde, der wird den Netzer Günter gut verstehen. Die Tiefe des Netzerschen Raumes kann nämlich Seelen trösten. [nag]

Günter Netzer: »Aus der Tiefe des Raumes Mein Leben« (Rowohlt Verlag, Reinbek 2004)

 

 

Giesings Wohnzimmer

 

Fußballstadien sind oft mehr als nur zweckmäßige Austragungsorte für Fußballspiele. Gerade die älteren Modelle verströmen jenen eigenwilligen Charme, der schnell einmal zur Verbundenheit einlädt. Das Sechzger-Stadion an Münchens Grünwalder Straße ist so eine liebenswerte alte Dame. Dort fehlt es an Parkplätzen und sonstigem Schnickschnack, weshalb es seit Jahren am Abstellgleis der Geschichte vor sich hin rottet.  Doch Geschichte muss nicht zwangsläufig von den Siegern geschrieben werden.
Roman Beers Buch zielt darauf ab, einen Beitrag zum Erhalt des existenzgefährdeten Bauwerks zu liefern. Auf fast 200 Seiten zeichnet er nach, wie im Laufe der Jahrzehnte aus einem mickrigen Sportplatz ein emotional behaftetes Stadion werden konnte. Beer skizziert diese Entwicklung detailgetreu, was für Außenstehende oft ein wenig zu weit gehen kann. Diesen steht dann die Möglichkeit offen, in unzähligen kleinen Rubriken das Sechzger-Stadion liebzugewinnen. Dabei ist die legendäre Anzeigetafel genauso signifikant wie Heimsiege gegen Real Madrid. Roman Beer erzählt von Bierflaschen einsammelnden Buben und von Schafherden, die bis in die Fünfzigerjahre für das Mähen des Rasens zuständig waren. Und von der Jagd nach dem Schiedsrichter, die im Tränengas ihr Ende nahm.
In »Kultstätte an der Grünwalder Straße« ist das Fußballstadion ein Ort, der von den Geschichten der Menschen lebt. Menschen wie Wally und Hans Blendinger, deren ans Stadion grenzende Wohnung in der Nachkriegszeit sogar als Umkleidekabine herhalten musste. Vom Wohnzimmerfenster aus sah Wally mit ihrem mittlerweile verstorbenen Mann über ein halbes Jahrhundert den Sechzigern zu. Oft leisteten ihnen Freunde und Nachbarn dabei Gesellschaft, schließlich war es üblich, dass Hans nach jedem 1860-Tor eine Runde Schnaps springen ließ. Beer verliert sich zwar einige Male in architektonischen Details, doch gelingt es ihm ausgezeichnet, die Mauern des Stadions mit Leben zu füllen. Womit die Latte für alle Stadiongeschichtsschreiber erst einmal hoch angesetzt ist. [roh] 

Roman Beer: »Kultstätte an der Grünwalder Straße. Die Geschichte eines Stadions« (Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2004)

 

 

Von AaB bis eljeznicar

 

Fantum das bedeutet Listen schreiben, Sammeln und Vollständigkeitswahn. Nur so kann man sich den persönlichen Antrieb und das Durchhaltevermögen des deutschen Fußball-Autors Hardy Grüne erklären, der der dankbaren Leserschaft die voluminöse »Enzyklopädie der europäischen Fußballvereine« vorgelegt hat. Aufgelistet und beschrieben werden darin alle europäischen Erstliga-Mannschaften von 1885 bis 2000. Neben den Klubdaten bietet das Buch Verbandsgeschichte, Anekdoten und Meisterschafts-Fakten.
Beim Durchblättern findet man sofort neue Lieblinge: Den armenischen Klub »Aznavour Novemberian«, mit seiner stolzen Heimstätte, dem »Zentralni Stadion«.  Den russischen Verein »Lada Togliatti« (vormals: »Torpedo Togliatti«), der, wie die ganze Stadt, nach dem italienischen KP-Politiker Togliatti benannt ist. Oder »Virtus Acquavita«, den Supercup-Sieger von San Marino 1988.
Die Daten wirken seriös und verlässlich. Was Grönland oder den Vatikan-Staat betrifft, muss man sich wohl auf die Angaben des Autors verlassen, der Österreich-Teil ist jedenfalls gut recherchiert. Einzig, dass es beim Wiener Derby oft zu Fan-Ausschreitungen zwischen »Austrias Weissvioletten Brigaden und Rapids Bulldogs« kommt, wäre uns noch nicht aufgefallen.
Das Nachschlagewerk richtet sich nicht zuletzt an den wissbegierigen Fußball-Touristen und Groundhopper. Der lernt im inkludierten Wörterbuch, dass in Bulgarien »Kopfschütteln ja, Nicken hingegen nein« bedeutet. Und wer auf den Färoer-Inseln nach dem Weg zum Stadion fragt, tut das am besten so: »Hvar er ítróttastaður?«. So ein Buch sollte in keiner gut sortierten Fußball-Bibliothek fehlen.

Hardy Grüne: »Enzyklopädie der europäischen Fußballvereine. Die Erstliga-Mannschaften Europas seit 1885« (Agon Sportverlag, 2002)

Referenzen:

Heft: 16
Rubrik: Kunstrasen
ballesterer # 82

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 12. Juli 2013.

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