Rezensionen

Hooligans in der DDR, der »Lucifer ante portas«

 

Gewalt und Ausschreitungen in den Fußballstadien der DDR: Frank Willmann wendet sich einem damals brisanten Thema zu. Der »feindlich-negative Fußballanhang«, so die offizielle Bezeichnung, beschäftigte Sportfunktionäre, Ordnungsorgane und Staatssicherheit. In den 80er Jahren kam es durch die Entwicklung von Punk-, Skinhead- und Hooligankulturen zunehmend zu Ausschreitungen. Zu dieser Zeit wurden Missstände in der DDR vor allem vielen Jugendlichen deutlich. Denn Staat, Partei und Bildungseinrichtungen verlangten ein klares Bekenntnis zur Deutschen Demokratischen Republik. Aber die Jugendlichen selbst erlebten Familienstrukturen, die infolge der geschichtlichen Abläufe oft zerrissen waren. Verwandte lebten in Westdeutschland vergleichsweise im Wohlstand, konnten uneingeschränkt konsumieren und besaßen Reise- und Meinungsfreiheit. Diese Konstellation war mit ein Grund für die Gewalt gegen andere und untereinander. Die »neuen« Szenen waren von Beginn an offensive Protest- und Alternativkulturen gegen herrschende Verhaltensmuster und Ideologie. Die Gewalt dieser Gruppen verstand man als eine Inszenierung von Bewegung, Veränderung, Negation und Respektverschaffung man konnte dadurch »gestalten«, auch gegen die Polizei und den Staat. Berlin mit den verfeindeten Fußballvereinen Dynamo und Union war eine der Hochburgen der Gewalt. Einstige Protagonisten Fans sowie jene, die sich als Ordner, Fanbeauftragte, Sportfunktionäre, Sportjournalisten, Fotografen oder Sicherheitskräfte damit auseinanderzusetzen hatten geben in diesem Buch authentisch und detailliert Auskunft. [aneb]


Frank Willmann:

»Stadionpartisanen. Fußballfans und Hooligans in der DDR« 

(Verlag Neues Leben, Berlin 2007)

 

 

Calcio-Schwarzbuch

 

Italienische Fußballskandale werden ausgesessen, weil die Öffentlichkeit ermüdet vergessen will. Das von den Journalisten Enzo Catania und Mario Celi verfasste Schwarzbuch versucht dagegenzuhalten. Sein Titel ist dabei Programm. Es zeichnet die ganze Verderbtheit  (»marcio«) des italienischen Fußballgeschäfts Minute für Minute nach. Eine Chronologie der Fakten bildet das Rückgrat des dicht mit Informationen vollgepackten Buches, wie es so kompakt, vollständig und aktuell bisher nicht vorlag. 

Vom Schiedsrichter ohne Pfeiferl 1896 in Treviso bis zum Tod von Inspektor Filippo Raciti vor dem Stadion Cibali in Catania 2007 reicht die lange Liste von kleinen Vergehen und großen Verbrechen, von Anekdoten über Betrug, Kuriositäten und tragische Ereignisse. Ihre Meinung vermitteln die Autoren dabei mehr durch die Auswahl und Dosierung der gesammelten Geschehnisse als durch deren Kommentierung. Das hemmt mitunter den Erzählfluss. Auch verliert man sich ohne entsprechendes Register leicht im Gewirr verschiedenster Namen. Zwar gibt es Quellenangaben, ein Stichwortverzeichnis hätte aber wertvolle Orientierungshilfe geboten.

Die Umgehung von Regeln ist Volkssport der Italiener. Der Fußball ist dessen leidenschaftlichster Ausdruck. Diese oft sympathische Grundhaltung geriet in den letzten 100 Jahren jedoch zunehmend ausser Kontrolle. Wirtschaftliche Misere und korrupte Staatsverwaltung schlagen auf die Gesellschaft und damit den Fußball durch. Diesen Hintergrund der Fanausschreitungen lassen die Autoren fast unbeleuchtet. Die Tifosi bleiben heute zu Hause, statt in die Stadien zu strömen. Dort können sie den vorliegenden Bericht konsultieren und sich schaudernd erinnern. Dopingvergehen, tendenziöse Massenmedien, Passbetrug, Wettskandale, Todesfälle und Calciopoli nichts wird ihnen erspart, alles aufgezählt und oft spannend seziert. Dem italienverrückten Fußballliebhaber mit investigativer Neigung liegt hier eine verpflichtende Recherchegrundlage vor. [mas]


Enzo Catania/Mario Celi: 

»Tutto il marcio minuto per minuto« 

(Edizioni Piemme 2007)

 

 

Erfrischend informativ


Je näher die Europameisterschaft rückt, desto größer werden auch die Berge an Rezensionsexemplaren in unserem Redaktionsbüro. Die Flut an Fußballbüchern lässt sich nicht mehr eindämmen, und ebenso wenig die Veröffentlichungswut der Franzobels, Palms und Lindens. Zum Glück findet sich unter all dem Banalen, Bekannten und Wiedergekäuten auch ab und an so etwas erfrischend Informatives von unbekannten Autoren wie der Band »Immer wieder nimmer wieder. Vom Schicksal des österreichischen Fußballs«. Daher auch vorweg die Kritik: Nicht nur beim Titel, auch beim Vor- und Nachwort sowie dazwischen haben Stefan Adrian und Kai Schächtele ihre Generalthese, dem österreichischen Fußball gehe es (im Gegensatz zu vergangenen, ach wie glorreichen Zeiten) furchtbar schlecht, viel zu oft ausgewalzt. Das hätte nicht sein müssen. Ansonsten hat das österreichisch-deutsche Autorenduo anhand von exemplarischen Kapiteln eine sehr umfassende und vor allem: brandaktuelle Geschichte des österreichischen Fußballs geschrieben, die durch umfassende Recherche und Sachkenntnis beeindruckt. Man kommt eben nicht vorbei an Hugo Meisl, Matthias Sindelar und Ernst Happel, aber man kann auch anhand des Phänomens Mattersburg, des Stadthallenturniers und des Crashs beim FC Tirol österreichische Fußballgeschichte schreiben. Adrian und Schächtele haben kaum Interviews vermieden, Franz Grad, Martin Pucher, Herbert Prohaska und Beppo Mauhart getroffen, und wenn auch dem interessierten Fußballfan und ballestererfm-Leser vieles nicht neu vorkommen wird, so hält man mit »Immer wieder nimmer wieder« doch ein echtes Standardwerk (um günstige 7,95 Euro) in Händen. [kras]


Stefan Adrian/Kai Schächtele:

»Immer wieder nimmer wieder. Vom Schicksal des österreichischen Fußballs.«

(KiWi, 2008) 

 

 

Häfenelegie

 

Beim UEFA-Cup-Match in Stuttgart hat es ihn erwischt: G., den Wacker-Fan und Ich-Erzähler. Die Innsbrucker zündeln wie verrückt, es kommt zu Auseinandersetzungen mit Ordnungskräften. Ein Security geht k.o. und G. für zwei Monate ins Gefängnis. Genug Zeit, nachzudenken und das Fanleben Revue passieren zu lassen.

In 61 tagebuchartigen Einträgen erzählt G. mitreißend, sehr persönlich und ohne Rücksicht auf die Interpunktion, wie er zum Wacker-Fan wurde, was ihn prägte und warum diese Leidenschaft nie erlöschen wird. Von den ersten Stadionbesuchen in den 80er Jahren, als man sich am alten Tivoli noch frei bewegen und in der Pause von der Nord- auf die Südtribüne wandern konnte. Vom sinnstiftenden Moment, als das Wacker-Publikum die am Boden zerstörte Mannschaft nach einer Niederlage wieder aufrichtete. Vom Erleben der Ultrà-Kultur in Torino und den ersten eigenen Gehversuchen mit Rauch und Tifo, die schnell in spektakuläre Choreografien mündeten. Zentral dabei immer: Freundschaft, Wir-Gefühl, das rebellische Sich-Abgrenzen von den »großen Leuten« und der Laufkundschaft, die nur ins Stadion kam, wenn es wieder einmal einen Titel zu erben gab.

Fast nebenbei gibt das Buch auch essenzielle Einblicke in die Entwicklung der Fanszene in Österreich. Da ist die Feindschaft mit den Salzburgern, die bis hinauf in die frühen 90er eigentlich eine Freundschaft gewesen war, mit gegenseitigen Besuchen und dem Austausch von Pyromaterial. Oder die Geschichte der Repression: Früher schutzlos den Austria-Schlägern im Horr-Stadion ausgeliefert, heute jede Sekunde überwacht, kommt G. zur Erkenntnis, dass es immer noch besser ist, Prügel zu beziehen, als sich mit einem Bullen das Zugabteil, den Sektor und vielleicht sogar noch das Bier teilen zu müssen. Nicht nur wegen dieser Erkenntnis: Pflichtlektüre! Bestellbar unter: wackerladen@wackerinnsbruck.at [rk]


Duke Bruno: 

»Wacker Innsbruck Wir werden 

sterben für euch« 

(Books on Demand 2008)

 



Referenzen:

Heft: 33
Rubrik: Kunstrasen
ballesterer # 82

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 12. Juli 2013.

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