Der Realist
Wahrscheinlich kommt man in kaum einem anderen Sport der Welt so schwer an die Spitze wie im Fußball. Vor allem den physischen und psychischen Druck, dem Fußballer ausgesetzt sind, gibt es in kaum einer anderen Sportart. Viele sind hoch talentiert und kommen doch in ihrem Beruf nicht übers Mittelmaß hinaus weil sie irgendwann an sich selbst, an ihrer Umgebung, an Verletzungen oder eben daran gescheitert sind, mit diesem Druck nicht umgehen zu können. Andere schaffen es, versagen dabei aber menschlich.
»Im Leben geht es um Entscheidungen, und manchmal trifft man die falschen«, meint Robert Pires, einer, der viel erreicht hat, in seiner Autobiographie. »Mit 18 bekommst du Freiheiten. Deine Freunde gehen bis fünf in der Früh weg und du mit ihnen, obwohl du am nächsten Tag ein Spiel hast. Irgendwann musste ich mich zwischen Spaß und Fußball entscheiden.« Wer Pires Autobiografie liest, versteht vielleicht bes¬ser, warum es die einen schaffen und die anderen nicht. Man muss Opfer bringen, an sich selbst glauben und Rückschläge in Kauf nehmen. Man braucht eine gute Portion Glück und überdurchschnittlichen Fleiß, vor allem anderen geht es aber darum, »dein Ego und dein Können im Gleichgewicht zu halten und darauf zu achten, dass dein Ego nicht schneller wächst als dein Können.«
Sein eigenes Gleichgewicht verlor Pi¬res in einem Cupspiel, bei dem er sich eine langwierige Verletzung zuzog. Sechs Monate Pause, er verpasste die WM 2002 und damit einen der wenigen Höhepunkte einer Karriere. Die Liste der Spieler, die an einer ähnlichen Knieverletzung gescheitert sind, ist lang. Und die Folgen sind evident: »Für Fußballer bringen Verletzungen Frustration, Desillusion und letztendlich den Verlust an Motivation.« Dank der Unterstützung seines privaten und beruflichen Umfelds kam Pires wieder. Wenn man ihm heute zusieht, hat man das Gefühl, als wäre er nie weg gewesen. Wie er das Gefühl beschreibt, beim Comeback seinen Namen im Stadion zu hören, gehört zu den besten Passagen des Buchs.
Pires hat erstaunlich viel über seinen Beruf zu sagen. Dabei gleitet er stilistisch nie in die Unterliga ab, sondern hält konstant Premier-League-Niveau. Er »enthüllt«, worauf es im Leben eines erfolgreichen Fußballers, so wie im Le¬ben jedes zufriedenen Menschen, wirklich ankommt Familie, Freundschaft, Gesundheit.
Er schreibt über den Hochmut vor dem Fall wie etwa beim jüngsten WM-Debakel und darüber, dass man als junger Spieler auf dem Boden bleiben muss, damit die Karriere nicht entschwebt. Er ist selbstkritisch, dankt den Menschen, die ihn positiv beeinflusst haben und erzählt mitreißend über sein Leben, das im Gegensatz zu anderen Biografien trotz nicht vorhandener Affären und Skandale zu interessieren vermag.
Pires macht sich Gedanken abseits des grünen Rasens, ohne jemals peinlich zu klingen, spielt sich dabei aber nie als Intellektueller auf. Auf dem Spielfeld ist Pires eine Fleisch gewordene sexy-football-Fantasie, nicht zuletzt wegen seines höchst eleganten Spielstils. Diesen Stil behält er auch in seiner Autobiografie bei. Das Buch beweist eindrucksvoll, dass Intelligenz im Fußball nicht schaden kann.
Englisch: Robert Pires Footballeur An Autobiography Yellow Jersey Press 2003 Taschenbuch, 192 Seiten ISBN: 0224069802 Preisempfehlung: 20 Euro
Französisch: Robert Pires Profession Footballeur: Con¬versations avec Xavier Rivoire Hachette Littératures 2002 Broschiert, 233 Seiten ISBN: 2012356370 Preisempfehlung: 15 Euro
Das Blatt Papier ist ein Spielfeld
Juhu, Klaus Theweleit hat ein Buch über Fußball geschrieben. Und was für eins. Zugegeben: Soviel Theweleit hab ich bis jetzt gar nicht gelesen. Der schreibt einfach zuviel. Etwa über den »Pocahontas-Komplex«. Ein riesiges Buch über den Gründungsmythos der amerikanischen Nation, aber eben nicht nur den: Theweleit denkt die ganze Zeit soviel, dass ihm ständig etwas auffällt, ständig Querver¬weise auftauchen, Besonderheiten, Begebenheiten, über die muss man dann selber lang nachdenken, während er schon weiterschreibt, weiterforscht. Vielleicht lässt er ja seine maroden Knie für sich denken, das erzählt er uns in einem Kapitel von »Tor Zur Welt« - wie er im Krankenhaus liegt mit Fußballverletzung und plötzlich weiß, was er in den nächsten Jahren schreiben soll. Vielleicht war Fußball für Theweleit schon immer der Ausgangspunkt allen Denkens, das will er mit seinem Titel nicht suggerieren, er erzählt es, Schritt für Schritt. Wie er sich als Flüchtlingskind aus dem Osten Deutschland erklärte: durch die Mannschaftsnamen aus dem Radio entstand seine Landkarte. Bloß, wo liegt Schalke?
Fußball rettete Theweleit vor der harten Hand des Vaters, und vor der Bundeswehr Diagnose: »freie Knorpelkörper in beiden Kniegelenken«. Fußball stand im Zentrum seiner Kindheit, seiner Jugend, jetzt gibt Theweleit dem Fußball was zurück seine gedanklichen Auf¬zeichnungen von 40 Jahren. Er schreibt über die Spielweise der Holländer in den 70ern, den Siegesschuss von Zinedine Zidane im Champions League-Finale, die Abseitsregel, Beckhams Sprung vor Roberto Carlos Grätsche. Alles so gescheit, dass es mir diesmal leid tut, nur 208 Seiten Theweleit vor mir zu haben.
»Und: ich weiß nicht, ob das schon mal jemand angemerkt hat das Blatt Papier hat genau das Format des Spielfeldes. Man füllt es mit Schriftzügen. Bis die Wörter stimmen und der Satz drin ist. Nicht jedes gefüllte Blatt ist ein gewonnenes Spiel, aber einige kommen zusam¬men. Wenn es genug sind, wird es ein Buch im Format eines Fußballfelds.« [kras]
Klaus Theweleit: »Tor zur Welt. Fußball als Realitätsmodell.«
(Kiepenheuer & Witsch, Köln 2004, 208 Seiten, 8,90 Euro)
Die Welt der Schiri-Glatze
Der Schiedsrichter ist ein »beliebtes« Hassobjekt vieler Fußballplatzbesucher. Den vielen Vorurteilen gegenüber seiner Profession begegnet Pierluigi Collina mit einer Menge an Hintergrundinformationen. Er lässt den Leser nicht nur an vielen unvergessenen Spielen aus der Perspektive des Unparteischen teilhaben, sondern gibt auch Einblicke, die weit über das Spielfeld hinaus gehen. Von der Entscheidung, Schiedsrichter zu werden, über die Ausbildung und die ersten Spiele in den unteren Klassen bis hin zum Konditionstraining reicht die Palette. Und Collina beschreibt auch sein persönliches Verhältnis zum Fußball. Während seiner gesamten Kindheit und Jugend war das runde Leder sein Ein und Alles: Er spielte selbst bei verschiedenen (Hobby-)Mannschaften und ist bis heute glühender Verehrer des FC Bologna geblieben.
So eindrucksvoll Collina die Welt der Schiedsrichter auch zeichnet, beim Rückblick auf die eigenen Leistungen zeigt er sich ein wenig zu beeindruckt: Voller stolz erzählt er, dass er sein Abitur »glänzend« absolviert habe und als Student »ausgezeichnet« gewesen sei. Als Schiedsrichter hält sich Collina gar für einen der wenigen »Auserwählten«, der sich dies auch verdient. Es wäre der Sache dienlich gewesen, hätte er sich ein wenig in Bescheidenheit geübt. Denn schließlich schreibt er selbst von den vielen Entbehrungen, die gerade Schiris in den unteren Leistungsklassen zu ertragen haben.
Abgesehen von diesem kleinen Makel ist das Buch aber absolut gelungen. Es ist freilich kein Meisterwerk in literarischem Sinn, doch bietet es Einblicke, die anderswo kaum zu finden sind. Collina schließt eine Lücke: Von seinem Buch können nicht nur Schiedsrichter, sondern auch Fans und Spieler profitieren. [heim]
Pierluigi Collina: Meine Regeln des Spiels Gebundene Ausgabe: 224 Seiten Hoffmann & Campe, September 2003 ISBN: 3455093981 EUR 17,90






erscheint am 12. Juli 2013.
Abo bestellen