Hellas Verona, vinci per noi!
Tim Parks lernt das Italien der echten TifosiAls die italienische Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft im Viertelfinale gegen Gastgeber Südkorea ausschied, war die Empörung in der Heimat groß. Bis hinauf in die Regierung war von Betrug und Skandal die Rede. Wobei ein gar nicht so kleiner Teil der Bevölkerung insgeheim vielleicht nicht ganz unglücklich über das Scheitern der Mannschaft war, denn die Regierung Berlusconi hätte einen WM-Sieg Italiens gnadenlos für sich auszubeuten gewusst.
Der richtige Fan steht der Nationalmannschaft aber ohnehin mit Reserve gegenüber. Denn die wahre Leidenschaft gehört seinem Stammklub. Und es ist egal, ob der um die Meisterschaft in der berühmten Serie A oder gegen den Abstieg aus der Unterklasse C2 spielt. Tim Parks, ein Engländer, der seit 20 Jahren in Italien lebt, hat sich aufgemacht, dieses und andere Rätsel seiner Wahlheimat zu entschlüsseln. In seinem Buch »A Season with Verona« bereichert er das Genre der Fußball-Literatur um einen wertvollen Beitrag. Die gesamte Saison 2000/2001 hat er mit den härtesten der harten Tifosi von Hellas Verona jedes Spiel der Mannschaft besucht.
In der Südkurve des Bentegodi-Stadions wird Parks langsam ein akzeptierter Teil der Verona-Ultras. Er sympathisiert mit ihnen, verschweigt aber nicht ihre Exzesse. Rassistische, antisemitische, ausländerfeindliche Parolen werden gegrölt, jede Ballberührung eines dunkelhäutigen Gegenspielers wird mit Affenlauten verhöhnt. Im Februar 2001 haben sich die Vorfälle derart gehäuft, dass Verona als »Schande Italiens« wochenlang Schlagzeilen macht. Parks billigt die Ausfälle nicht, aber er sucht eine gewisse Rechtfertigung: »Mein Gefühl ist, dass diese Gesänge in einer seltsamen Weise einem Zweck gedient haben. Sie drückten zweifellos eine gewisse Intoleranz gegenüber Einwanderern aus, die von vielen geteilt wird. Gleichzeitig aber wurde aber den meisten Leuten gerade durch dieses Benehmen bewusst, dass es inakzeptabel ist, einen Mann zu verhöhnen, weil er schwarz ist.«
Kein Wunder ist es da, dass die größte Feindschaft von Parks und seinen Freunden dem Konkurrenzklub aus Chievo, einem Industrievorort von Verona, gilt. In allem scheint Chievo das Gegenteil von Hellas zu sein: anständig, diszipliniert, politisch korrekt, beliebt und bewundert für die sensationellen Leistungen, mit denen es der Aufsteiger zum Tabellenführer der Serie A brachte. Bloß: Chievo hat keine Fans, keine Tradition und kein Profil: »Sie spielen in unserem Stadion und sogar unsere Farben (gelb-blau) haben sie gestohlen«. Alles, was Chievo repräsentiert, muss ein Hellas-Fan einfach hassen.
Während Chievo zwar die Tabellenspitze nach ein paar Monaten (endlich!) einbüßt, aber immer noch im Rennen um einen Spitzenplatz bleibt, sackt Verona im Laufe der Saison mehr und mehr ab. Schließlich kommt es zum Abstiegsspiel gegen Reggina. Als die Mannschaft und die Fans in Reggio di Calabria eintreffen, ist das Hotel von Fans der Heimmannschaft umstellt. Sie brüllen: »UCCIDERE! UCCIDERE!« (Töten! Töten!)
Das Spiel ist zum Vergessen. Beide Teams kämpfen allein mit Brachialgewalt um das Überleben. Verona, mit einem 1:0-Vorsprung aus dem ersten Spiel zu Hause im Rücken, stemmt sich dem Untergang entgegen. Außerhalb des Spielfelds tauchen finstere Gestalten mit gut sichtbaren Messern auf. Die Ordnungskräfte reagieren nicht. Wenig später erzielt Reggina das erste Tor...
Der Spielausgang sei hier nicht verraten. Wohl aber, dass Parks ein höchst lesenswertes Buch geschrieben hat, das sich nicht nur durch seine stilistische Qualität auszeichnet, sondern auch durch die Perspektive des Autors. Hier beobachtet nicht einer von außen, sondern hier schreibt sich einer die Erlebnisse eines ganzen Jahres von der Seele. Einer der nicht besser, nicht gescheiter, nicht größer sein will, als der Schreihals auf dem Platz im Stadion neben ihm: »Hellas Verona, segni per noi! Heute schreie ich es aus ganzem Herzen.«
PS.: Seinen Sohn nimmt er auch schon auf Heimspiele mit...
Tim Parks: A Season with Verona (458 Seiten, Verlag Secker & Warburg, ISBN 0436275953)
cd-rezensionen
Marko Formanek
»In der Kennergassen bist nie verlassen«
(FavAC 60160 & Marko Formanek)
Erhältlich am FavAC Platz (Kennergasse 3, 1100 Wien) sowie unter: julo@fav.ac
Eins vorweg: Mit der neuen FavAC-Jubeltirade ist Marko Formanek ein großer Wurf gelungen. Die Textzeile: »Ans is unbestritten mir san Favoriten« gibt die Richtung an aus der der Wind weht. Selbstbewusst wurde auf alle Anpassungen an derzeitige musikalische Modetendenzen verzichtet. Die Gitarrenriffs klingen nach Spliff, Marko Formaneks Stimme erinnert an Tom Petting, und der in der dritten Strophe auftauchende Stadionsprecher ist schon fast als Hommage an Falcos Nachrichtensprecher in Jeanny zu verstehen. Schließlich ist das Ganze noch mit einer Unbekümmertheit arrangiert und gemastert, als wäre es 1982 beim legendären Plattenlabel Schallter herausgekommen. Das Ergebnis ist ein unheimlich frech-charmanter Ohrwurm, der spielend den Beweis erbringt, dass deutschsprachige Fanmusik viel, viel mehr sein kann als nur stumpfsinniges Gejohle. Gringend empfohlen!
Traktor Emilie
»Ride On«
(NoMan Records, Zürich)
Erhältlich unter: knappdaneben@hotmail.com oder pasci@chollys.ch
Traktor Emilie ist ein Team des »Fortschrittlichen Schweizer Fußball-Verbands«, das jeden Sommer um die Zürcher Stadtmeisterschaft mitspielt. Titelgewinne blieben dem Traktor angesichts klingender Konkurrenz wie »Schachtjor Zürich« oder »Bund scheenes Rosen« bisher leider verwehrt, was die Leute um Fanzine-Macher Pascal Claude (»Knapp daneben«) allerdings nicht davon abhielt, zum 10-jährigen Vereinsbestehen eine Vinylsingle herauszugeben. Nach kurzer Aufwärmphase springt der Hammond-Viertakter an, ein basslastiger Männerchor steigt ein. Joy Divison-Sänger Ian Curtis feiert ein unerwartetes Comeback und das Lamento vom ewigen Zweiten findet im Refrain seinen Höhepunkt: »We´re orange-blue, we´re number two. Let us play the finale, we´ll lose it anyway!« Wer nicht mits(w)ingt, dem ist nicht zu helfen. Vielleicht der entscheidende Faktor bei der EM-Vergabe.






erscheint am 12. Juli 2013.
Abo bestellen