Mit den Waffen der Polizei vertraut

cache/images/article_2117_tuerkei_140.jpg Sie campieren im besetzten Park, marschieren durch die Straßen und stellen sich ins Tränengas - Fußballfans sind bei den Protesten in Istanbul sehr präsent. Auf den Widerstand gegen die Polizei sind sie bestens vorbereitet.
Klaus Federmair | 15.07.2013

Als ihr Verein sein letztes Spiel im alten Stadion austrug, kam es Anfang Mai zu Auseinandersetzungen zwischen den Besiktas-Fans von »Carsi« und der Polizei. Wenige Wochen später rollten am gleichen Ort wieder Einsatzwägen der Polizei und Wasserwerfer an. Dieses Mal, um die »Occupy Gezi«-Bewegung niederzuschlagen. Fußballfans waren mitten unter den Demonstranten. Sie sind im Umgang mit der Polizei versiert und daran gewöhnt, als Chaoten bezeichnet zu werden. Die Soziologin Yagmur Nuhrat erklärt, warum aus Fans Demonstranten geworden sind.

ballesterer: Bei den Protesten spielt die Besiktas-Fangruppe »Carsi« eine besondere Rolle. Warum?

YAGMUR NUHRAT: »Carsi« ist eigentlich eine schwer fassbare Gruppe: Sie hat keine formale Mitgliedschaft und Organisationsstruktur, ist aber gleichzeitig die bekannteste Fangruppe in der Türkei. Das liegt auch an ihren Aktivitäten außerhalb des Fußballs. Sie engagiert sich stark in politischen und sozialen Fragen und erklärt sich mit benachteiligten Gruppen solidarisch - zum Beispiel mit der armenischen Minderheit und Migranten. »Carsi« nimmt Veränderungen in der türkischen Gesellschaft sehr genau wahr und reagiert darauf. Das begreifen diese Leute als ihren Auftrag. Seit Beginn der Proteste waren hunderte Fans von »Carsi« dabei. Sie haben den Taksim-Platz verteidigt, im Gezi-Park campiert und in ihrem Stadtteil Besiktas den Widerstand organisiert.

 

Wieso haben die Proteste Fußballfans so stark mobilisiert?
Bei »Occupy Gezi« hat sich vor allem der Konflikt zwischen der Polizei und der Bevölkerung zugespitzt, für einige Gruppen hat diese Auseinandersetzung aber schon viel früher begonnen. Fußballfans hatten schon vorher einige Erfahrungen mit Polizeigewalt gemacht. Nachdem die Polizei in Gezi eingegriffen hatte, hat das die Regierung damit gerechtfertigt, dass die Demonstranten ohnehin nur ein Haufen »capulcu«, also Banditen, seien. Fußballfans kennen diese Charakterisierung, sie gelten oft genug als nutzlose Chaoten, die sich für nichts außer ihren Verein interessieren. Diese Vorurteile machen es der Polizei auch seit Jahren leichter, bei Einsätzen im Stadion besonders heftig vorzugehen. Insbesondere bei den Istanbuler Derbys kommt es immer wieder zu massiven Tränengaseinsätzen und zu Zusammenstößen zwischen Fans und der Polizei. Ein 2011 verabschiedetes Gesetz hat die Gräben weiter vertieft. Sogenannte Problemfans und Personen mit Stadionverbot werden mit Auflagen belegt und müssen sich zu Anstoßzeiten auf dem Polizeikommissariat melden. Die letzten heftigen Auseinandersetzungen hat es nach dem Heimspiel von Besiktas am 11. Mai rund um das Stadion gegeben. Das war genau dort, wo einen Monat später ein Teil der Gezi-Proteste ausgetragen worden ist.


Das sind also dieselben Leute? Im Mai waren sie bei diesem Match und einen Monat später bei den Demos?
Es gibt sicher starke Überschneidungen. Mitte Juni sind 22 »Carsi«-Aktivisten während der Proteste verhaftet worden. Wahrscheinlich waren das Leute, die schon beim Besiktas-Spiel am 11. Mai das Tränengas, die Wasserwerfer und die Knüppeleinsätze der Polizei zu spüren bekommen haben.


Warum ist es bei diesem Spiel zu Auseinandersetzungen gekommen?
Fans haben die Straße in der Nähe des Büros von Premierminister Erdogan in Besiktas blockiert. Sie haben gesungen und getanzt, es war das letzte Spiel im Inönü-Stadion, das jetzt abgerissen wird. Die Polizei hat versucht, die Menge zu zerstreuen, und Warnschüsse abgegeben. Das hat für große Unruhe gesorgt, es ist zu Auseinandersetzungen zwischen der Polizei auf der einen und den Fans und Einwohnern auf der anderen Seite gekommen. Die Polizei hat an diesem Tag sehr viel Tränengas versprüht, und das in einem großen Umkreis. Vermutlich ist einer der berühmtesten Gesänge der Protestbewegung schon bei dieser Gelegenheit entstanden: »Sprüht ruhig mit eurem Tränengas, aber wer sind die richtigen Männer, sobald ihr die Helme abnehmt und die Knüppel zur Seite legt?«


Fußballfans waren bei »Occupy Gezi« also so aktiv, weil sie Erfahrungen im Umgang mit der Polizei haben und wissen, wie sie auf Gewalt reagieren können?
Das gilt für Fußballfans, aber auch für andere Gruppen wie Studenten, Arbeiter und Gewerkschafter, die Erfahrungen in der Auseinandersetzung mit der Polizei haben. Ich will hier nicht die Fankultur romantisieren oder leugnen, dass Gewalt im Fußball auch von Fans ausgeht. Aber es gibt eben auch ein großes Ausmaß an Polizeigewalt, das sich gegen friedliche Menschen richten kann - unter anderem am Fußballplatz. »Occupy Gezi« hat uns das wieder einmal eindrücklich vor Augen geführt. Fußballfans waren an den Protesten wahrscheinlich nicht stärker beteiligt als andere Gruppen, sie sind durch ihre Aktionen aber stärker aufgefallen. Außerdem haben sie die Menge in bestimmten kritischen Situationen vorangetrieben. Am 1. Juni hat sich »Carsi« einen Bulldozer geliehen und gegen die Panzerfahrzeuge der Polizei eingesetzt. Mit Erfolg.


Die Überwindung der Fanrivalitäten zwischen den Istanbuler Vereinen war ein großes Thema in den internationalen Medien. Wie wichtig waren die Fans von Fenerbahce und Galatasaray für die Protestbewegung wirklich?
In Gezi-Park waren immer wieder auch Männer und Frauen in den Trikots von Fenerbahce und Galatasaray. Fangruppen wie »Tek Yumruk« von Galatasaray und »Vamos Bien« von Fenerbahce haben an den Demos teilgenommen und Proteste organisiert. Einige kreative Graffitis sind sicher auch in Erinnerung geblieben. Einmal geht es um Didier Drogba von Galatasaray - »Drogba ist die Lösung«. Bei einem anderen wird Fenerbahce-Tormann Volkan Demirel gebeten, dafür zu sorgen, dass Erdogan verschwindet. Das Schlagwort »Istanbul United« war sehr präsent, aber es wäre ein Unsinn zu behaupten, dass durch »Occupy Gezi« die Fanrivalitäten in Istanbul verschwunden sind.


Premier Erdogan gilt als Fenerbahce-Anhänger, trotzdem sehen viele Fans die Regierung als treibende Kraft hinter den letztjährigen Ermittlungen wegen Spielmanipulation gegen den Verein.
Sicher haben sich einige Fenerbahce-Fans ungerecht behandelt gefühlt, und möglicherweise hat das einige Anhänger auch gegen die Regierung und den Premierminister aufgebracht. Bisher hat der Verein immer als Klub der Regierungspartei AKP gegolten. Solche Zuschreibungen sind aber mit Vorsicht zu genießen, der Manipulationsskandal hat sie vielleicht noch ein bisschen brüchiger gemacht.

Zur Person
Yagmur Nuhrat (28) ist in Istanbul geboren und aufgewachsen. Sie hat Soziologie und Anthropologie studiert und 2013 ihre Dissertation über das Konzept von Fair Play im türkischen Fußball abgeschlossen. Nuhrat ist Besiktas-Fan. Ihre Analyse zur Protestbewegung lesen Sie hier. (auf Englisch)

 

Foto: Haluk Cobanoglu

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