Mit dem Rücken zur Wand

Vom roten Messias als GAK-Trainer wandelte sich Adi Pinter vor 25 Jahren zum Gottseibeiuns des österreichischen Fußballs. Um die unheilige Dreifaltigkeit komplett zu machen, widmete er sich zwischendurch dem Mentalcoaching. Jetzt hat ihn der DSV Leoben zum Sportdirektor in der Regionalliga gemacht.
Martin Schreiner | 12.04.2012
Adi Pinter ist ein Grenzgänger und ein Interview mit ihm eine Gratwanderung. Wenn er von seinen Erfolgen im sportlichen und beruflichen Bereich spricht, kommt man nicht umhin, seine Angaben anzuzweifeln. Wenn er von Friedrich Nietzsche und Jörg Haider schwärmt und seiner möglichen Karriere als Innenminister, ist man froh, dass es Adi Pinter politisch nicht weit gebracht hat. Viele seiner Aussagen sind kaum erträglich und doch zeichnen sie ein Bild, das viel eindeutiger ist, als Adi Pinter es gerne hätte.

ballesterer: Lassen wir Ihre Karriere als Trainer Revue passieren. Wie lautet das bisherige Resümee?
Adi Pinter: Ich weiß bald selbst nicht mehr, bei wie vielen Vereinen ich vorzeitig gegangen bin. Ich war immer ein unbequemer Trainer. Man ändert sich ja nicht. Wenn ich gemerkt habe, dass ein Präsident nur ein Gehirnbesitzer und kein Gehirnbenutzer war, bin ich weg. Mein Rekord: Die Nationalmannschaft der Vereinigten Arabischen Emirate habe ich nur 24 Stunden trainiert. Die sind beim ersten Training zwei Stunden zu spät gekommen. Ich habe ihnen gesagt: »Wenn Sie noch einmal zu spät kommen, können Sie die Scheiße selber machen.« Beim zweiten Training bin ich dann abgereist. Ich hab ihnen gesagt, ich sei es nicht gewohnt, Arschlöcher zu trainieren.
Was war Ihr längstes Engagement?
Beim FC Vilshofen in der bayrischen Regionalliga war ich drei oder vier Jahre. Von dort haben sie mich dann zur Spielvereinigung Bayreuth in die zweite Bundesliga abgeworben. Die Problematik ist immer die gleiche. Ich habe 22 Vereine im Profisport betreut. Dabei habe ich nur drei Präsidenten erlebt, die in Ordnung waren.
Wer war das?
Der erste war Bernard Tapie von Olympique Marseille. Nur haben sie den nach zehn Spielen, die ich in Marseille tätig war, für zwei Jahre eingesperrt und den Manager und die Spieler verhaftet. Da bin ich auch weg. Der zweite war der Hofrat Kürschner vom GAK und der dritte der Präsident von Vilshofen. Auch jetzt bin ich nur wegen Gabor Heinemann (DSV-Leoben-Präsident, Anm.) in der Regionalliga bei den Furchengängern. Er vertritt die gleiche Ideologie und hat die Uni von innen gesehen. Das ist mein siamesischer Bruder. Mit den anderen redet man wie mit Blinden über Farben. Die meisten Präsidenten tragen diese gelbe Binde mit den drei schwarzen Punkten. Und sie bekommen feuchte Hosen, wenn sie den Trainer hinausschmeißen können. Dann stehen sie wieder groß in der Zeitung.
Sie selbst führen in Ihrem Lebenslauf unter dem Punkt Ausbildung die Studien Sport, Medizin und Psychologie an. Haben Sie die alle abgeschlossen?
Ich habe mit 30 Jahren in Wien bei Dr. Roland in elf Monaten die Matura nachgeholt. Deshalb bin ich heute noch der beste Schüler dort. Mit einer Begabtensonderprüfung habe ich dann an der Sporthochschule Köln Sportwissenschaft abgeschlossen. Aus Medizin habe ich zwölf Scheine gemacht, in dem Fach bin ich noch immer inskribiert. Vielleicht schließe ich mit 80 ab, und mit 100 mache ich meine Praxis auf. Ich werde nämlich 120. In Psychologie habe ich ein paar Scheine gemacht. Die wenigsten wissen, dass ich seit 25 Jahren Bewusstseins­seminare für Unternehmer veranstalte. Aber die Fußballer, die Sacklpicker, die interessiert das ja nicht.
Woher nehmen Sie die Sensibilität für Ihre Bewusstseinsseminare?
Ich war zwölf Jahre im Waisenhaus und bin dort nur geprügelt worden. Dadurch habe ich sehr feine Antennen. Deshalb kann ich den Unternehmern sagen, wenn die Leute respektlos miteinander umgehen und zu Kunden nicht glaubhaft sind. Sie sprechen weiß und denken schwarz. Das hat sehr viel mit dem feinstofflichen Bereich zu tun. Ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass ich sehr belesen bin. Ich weiß dadurch sehr viel, war bei sehr guten Trainern in Ausbildung.

Bleiben wir beim Waisenhaus. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?
Viele Schläge von den Erzieherinnen. Bis heute setze ich mich in einem Restaurant nur mit dem Rücken zur Wand. Alle wollten im Heim so sitzen. Da konnten sie dich nicht aus jedem erdenklichen Grund hauen. Ich habe mich ständig mit Händen und Füßen gegen diese Schläge wehren müssen. Jedes Jahr vor Weihnachten fahre ich nach Graz und kaufe Unmengen von Windringerln. Die esse ich dann so lange, bis mir schlecht wird.


Warum das?

Als mein Vater gestorben ist, haben mich wildfremde Menschen beim Begräbnis direkt am Grab abgeholt und mich und meinen Bruder in ein katholisches Waisenhaus gesteckt. Als dann dort ein Paar aufgetaucht ist und uns adoptieren wollte, ist nur mein Bruder mitgegangen. Ich wollte nicht. Ich war damals sieben und habe nicht sofort realisiert, was los war. Ich hatte einen sehr intensiven Bezug zu meinem Vater und habe mir immer gedacht, er kommt schon wieder zurück.

Sie sind ganz alleine dort geblieben?

Ja, ich war deshalb zu Weihnachten das einzige Kind im Waisenhaus und bin alleine vorm Weihnachtsbaum gesessen. Die Erzieherin war irgendwo im Haus unterwegs. Ich habe fürchterlich geweint, weil mein Vater nicht aufgetaucht ist. In meiner Trauer habe ich ein Windringerl vom Weihnachtsbaum genommen und gegessen. In dem Moment kam die Erzieherin rein. Die hat mich so geprügelt, dass mir das Blut bei der Nase und beim Mund herausgekommen ist. Als ich unter den Tisch geflüchtet bin, hat sie mich an den Haaren hervorgezogen und in den Bauch getreten. Dann hat sie mich in eine Badewanne geworfen. Bettlaken rein, Licht aus, Tür zu. Kurz bevor die Tür zugegangen ist, hat sie noch geschrien: »Du bist der Abschaum der Menschheit.«

Wie gehen Sie heute damit um?

Die Erzieherin ist 15 Jahre später wegen Kindesmissbrauch eingesperrt worden. Aber wenn jetzt ein Chinese reinkommt und Chinesisch spricht und ich ihn nicht verstehe, kommt bei mir, obwohl ich sechs Fremdsprachen spreche, diese Erzieherin und sagt: »Siehst du, du kannst es nicht, du bist der Abschaum der Menschheit.« Ich kann heute mit ihr umgehen. Sie treibt mich an. Aber los werde ich sie nicht mehr.

Haben Sie je Ihre Mutter kennengelernt?

Die habe ich mit drei Jahren zum letzten Mal gesehen.

Das Körperliche scheint Sie stark zu prägen?

Ich laufe jeden Tag zehn Kilometer. Ich habe den Kindern auf dem Weg von unserem Heim in Andritz im Norden von Graz immer die Tasche mit in die Straßenbahn gegeben und bin die Strecke bis zur Färberschule ins Zentrum gelaufen. Ich wollte immer Profi werden. War immer topfit. Habe aber schlechte Trainer gehabt.

Wie halten Sie es mit der Disziplin?

Die ist noch viel wichtiger. Deshalb habe ich beim Wiener Sport-Club den Roman Mählich beim Stadthallenturnier rausgeworfen. Der hat nach einer Ermahnung einfach weitergesprochen, als ich in der Kabine reden wollte. Der ist auch so ein Gehirnamputierter. Der Bernd Dallos ist mir heute noch dankbar, dass ich ihn damals beim WSC ebenso rausgeworfen habe. Wichtig ist einfach, dass man die Spieler danach nicht öffentlich denunziert. Ich bin mit Jean-Pierre Papin und Eric Cantona hervorragend zurechtgekommen. Die Spieler wünschen sich Leitplanken. Nicht zu enge, aber gewisse Vorgaben. Die Spieler müssen mich nicht lieben. Dazu haben sie hoffentlich ihre Freundin. Deshalb haben Dieter Schatzschneider beim GAK und Claus Reitmaier beim WSC auch gemeint, mit mir ist deutsche Disziplin und Ordnung drinnen. Die fehlt den oft sehr talentierten Österreichern.

Trotzdem sind Sie hierher zurückgekehrt.

Weil es kein Land gibt, in dem man so schnell Meister werden kann. Wir werden ab Sommer ein Programm fahren, da wird ganz Österreich hinglotzen. Denken Sie an meine Worte! In spätestens drei Jahren sind wir in der Bundesliga.

Warum ist Ihnen Ihr Grazer Akzent über die Jahre abhandengekommen?

Ich bin mit 19 Jahren aus Graz weg und habe sehr lange im Raum Aachen und Köln gewohnt. Die Deutschen haben uns damals nicht ernst genommen. Diese ständige Bewertung als minderwertig ist mir auf den Wecker gegangen. Da habe ich ganz bewusst versucht, mir diesen deutschen Dialekt anzugewöhnen. Nach 40 Jahren schlägt sich das am Ende auch nieder. Aber wenn ich in Deutschland bin, hören die heute noch den Österreicher, und hier sagen sie, ich bin ein Deutscher.

Bereuen Sie einige Ihrer verbalen Angriffe auf andere Menschen?

Nein, ich bereue nichts. In der Bunten haben sie mich einmal zu diesem Sager mit den 98 Prozent Naturdeppen und zwei Prozent Übermenschen befragt. Denen habe ich geantwortet: »Ja, ich habe mich geirrt. Es sind 99 Prozent.«

Sie selbst rechnen sich zu den Gescheiten?

Natürlich, was glauben Sie? Aber Sie könnten einmal mit dem Missverständnis aufräumen, wie dieser Satz entstanden ist. Damals spielten wir mit dem GAK in Linz. Zuerst haben Hooligans auf mich eingeschlagen, dann dieser Ordner. Das hat den Wolfgang Koczi vom ORF zu einem Porträt über mich veranlasst. Er hat mich nach meiner Meinung zu den Ereignissen gefragt. Ich habe geantwortet: »Es gibt in Linz Depperte wie überall sonst auch.« Neben uns war meine Bücherwand. Er hat auf die Nietzsche-Werke gezeigt und gemeint: »Lesen Sie die Bücher auch?« Darauf ich: »Wenn Sie mir noch einmal so eine depperte Frage stellen, schmeiße ich Sie raus.« Dann hat er mich gebeten, doch etwas von Nietzsche zu zitieren. Darauf habe ich dann den Sager gebracht und gemeint, in Linz seien wohl nicht die zwei Prozent Übermenschen, sondern ein paar von den 98 Prozent Naturdepperten am Werk gewesen. Am Küniglberg haben sie dann vorne und hinten alles rausgeschnitten.

Die Behauptung an sich zeugt nicht gerade von Menschfreundlichkeit.

Natürlich ist das eine gewagte Behauptung. Aber die Journalisten wollen den Zusammenhang nicht richtig herstellen. Ich habe mich aber mittlerweile damit abgefunden, dass ich wie der John McEnroe behandelt werde. Bei dem haben sie auch immer nur darauf gewartet, dass er seinen Schläger schmeißt. Bei mir warten die Leute auch nur auf eine kantige Aussage oder dass ich irgendjemandem auf den Schlips trete.

Haben Sie Lust, den Leuten das Gegenteil zu beweisen?

Nein, warum? Ich habe im Gesicht das stehen, was die meisten Menschen nicht unter der Haut haben. Nämlich Charakter. Ich bereue, meine Frau so spät kennengelernt zu haben. Zu dem, was ich gesagt und getan habe, stehe ich aber. Haben Sie nicht auch manchmal das Gefühl, von lauter Depperten umgeben zu sein?

Sie waren 1994 Spitzenkandidat der nicht mehr existierenden Vereinigten Grünen Österreichs. Warum haben Sie sich damals für diese Partei entschieden?

Ich bin ein überzeugter Grüner. Ich habe aber damals gesagt, wir müssen uns von der Kommunistin Madeleine Petrovic trennen und eine neue Partei gründen. Aber dann sind wir nicht über die Fünf-Prozent-Hürde gekommen, und ich bin weg. Die Unterschriften für die Kandidatur kamen damals von meinem Freund Jörg Haider und seinen Parlamentariern. Ich wollte immer mit dem Mercedes ins Parlament fahren und nicht unrasiert im Parka. Das macht man nicht. Ich bin ein Realo-Grüner.

Es gibt Schnittmengen der Grün-Bewegung mit anderen Parteien, nach links und nach rechts. Sie tendierten eher zu Jörg Haider?

Ich bedaure es sehr, dass der Jörg nicht mehr unter uns ist. Bei einem Ausflug im Bärental hat er mir gesagt, wenn er Kanzler wird, werde ich sein Innenminister. Damit einmal Disziplin ins Land kommt. Bei Jörg musste man unterscheiden. Er war privat so ähnlich wie ich. Mit mir kann man ganz normal reden. Das werden auch Sie feststellen. Wenn Sie aber draußen auf der Straße nach mir fragen, werden Sie von Trottel bis Schauspieler alles Mögliche über mich hören. Wirklich kennen tut mich keiner. Auch der Jörg war privat ein ganz reizender Mensch. Ich wäre froh, wenn es in der Politik mehr so Kettenhunde wie den Jörg Haider geben würde. Er war nicht einer von diesen Korrupten. Ich habe ihn nie mit Alkohol angetroffen. Eine Woche vor seinem Tod waren wir noch beisammen. Wir sind keine Speichellecker.
 

Was sind Ihre politischen Visionen?

Mich hat ein Journalist nach meinem Konzept als Innenminister gefragt. Ich habe damals gemeint: »Wenn ich Innenminister werde, müssen sich alle warm anziehen.« Ich würde allen Polizisten eine .45er geben und ihnen das Gehalt verdoppeln. Solange sich alle an die Gesetze halten, ist das in Ordnung. Was wir alles jetzt reinholen in die EU, da fehlen nur noch Kasachstan, Russland und die Türkei. Es gibt Leute, die halten den Mund. Ich sage halt was. 

Zur Person

Adolf Pinter (64) ist Fußballtrainer, Mentalcoach und Universalkünstler. Derzeit widmet er sich hauptsächlich seiner Schule »Total Coaching« und der Arbeit als Vizepräsident und Sportdirektor des steirischen Regionalligisten DSV Leoben. Bekanntheit erlangte er als Co-Trainer Ernst Happels und bei Olympique Marseille sowie als Trainer des GAK und des Wiener Sport-Club. Zuletzt wurde er 2007 als Mentalbetreuer der Fürstenfeld Panthers österreichischer Basketballmeister. Neben unzähligen und zumeist kurzen Trainerstationen im Ausland betätigte er sich als Maler, Schauspieler und Regisseur.


Referenzen:

Heft: 71
Rubrik: Spielfeld
ballesterer # 113

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