»Meisl ist ein bisschen der Vater der EURO 2008«

LITERATURr Für die FAZ ist er der »Fußball-Professor«. Dietrich Schulze-Marmeling, Autor und Lektor beim Göttinger Werkstatt-Verlag, kam nach Wien, um die die neue Hugo Meisl-Biografie vorzustellen. 


ballestererfm: Über Hugo Meisl ist erst vor zwei Jahren ein Buch von Wolfgang Weisgram erschienen. Nun bringt der Verlag »Die Werkstatt« eine neue Biografie der Meisl-Enkel Hafer heraus. Warum?

Dietrich Schulze-Marmeling: Für uns waren vor allem drei Sachen ausschlaggebend. Erstens wollten wir nach »Davidstern und Lederball« und dem Buch über »Kicker«-Gründer Walther Bensemann, einen weiteren Beitrag zur verschütteten und verschwiegenen Geschichte jüdischer Fußballpioniere leisten. Da spielen kommerzielle Erwägungen erst einmal eine relativ geringe Rolle. Der zweite Aspekt: Wir haben die EM 2008, die in Österreich und der Schweiz stattfindet. Ich finde, man sollte solche Ereignisse nutzen, um an die Historie dieser Länder zu erinnern. Bei uns in Deutschland ist nur Wenigen bekannt, welche herausragende Rolle beide Länder in der Entwicklung des europäischen Fußballs gespielt haben. Die Schweiz quasi als Einfallstor und Österreich als das Land, das eine eigenständige kontinentale Fußballkultur entwickelt hat, als Gegenentwurf zum englischen Spiel. Betrachten wir nur die Tätigkeit österreichischer Trainer in den 20er Jahren in Deutschland! Der modernste Verein war damals schon der FC Bayern, und der hatte durchgängig nur ungarische und österreichische Übungsleiter verpflichtet. Und dann Hugo Meisl selber: eine überragende Persönlichkeit des europäischen Fußballs, der als Erster die Idee einer Europameisterschaft kreierte. Er hat ja tatsächlich vorgehabt, eine Europameisterschaft aller Verbände zu veranstalten. Er ist ein bisschen der Vater der EM, die 2008 hier stattfindet. Ich hoffe, dass nicht nur wir, sondern auch andere sich noch einmal die Geschichte dieser beiden Länder und die Rolle, die sie im europäischen Fußball gespielt haben, in Erinnerung rufen.Der dritte Grund: Es war einfach ein tolles Manuskript, geschrieben von zwei Leuten, die Zugang zum Meisl-Nachlass hatten. Es ist tatsächlich eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Ära Hugo Meisl. 

Sind österreichische Themen nicht sonst eher ein Risiko für den deutschen Markt?

 Wir haben ja in Deutschland eine sehr bornierte Sichtweise, was den österreichischen Fußball anbelangt. Unsere Zeitungen schrieben zuletzt groß über den Niedergang des österreichischen Fußballs, über die mageren Vorstellungen der österreichischen Nationalmannschaft. Höchstens Red Bull Salzburg sorgte noch für die eine oder andere Schlagzeile, weil die bei uns als FC Bayern-Dependance firmieren. Österreich wird bei uns in Deutschland als fußballerisch zweit- oder drittklassig wahrgenommen. Einige können sich vielleicht noch erinnern, dass sie uns bei der WM 78 in die Suppe gespuckt haben, oder an das berüchtigte Spiel von Gijon. Das ist es dann aber auch. Daher hoffe ich, dass wir mit dem Meisl-Buch auch etwas aufklärend in Deutschland wirken können. Primär ist es aber für den österreichischen Markt produziert, das ist ja klar. 

Welche Titel aus Ihrem Verlagsprogramm verkaufen sich gut, welche nicht?

Sehr gut verkaufen sich unsere Vereinsbücher, vor allem jene von Borussia Dortmund und Bayern München. Gut läuft auch die Hans-Tilkowski-Autobiographie (»Und ewig fällt das Wembley-Tor«, Anm.). Dann gibt es Bücher wie »Davidstern und Lederball« oder das über Bensemann, die sind kein Verlust, bieten aber auch keinen Gewinn. Dennoch bin ich froh, dass wir uns solche Bücher leisten können, weil sie einfach wichtig sind. 

Wie arbeiten die Sportverlage? Gibt es da Kooperationen und Absprachen oder herrscht eher Konkurrenz und der Kampf um Themen und Autoren?

Wir haben mit dem AGON-Verlag eine Absprache und auch eine Kooperation bei der Auslieferung. Ansonsten herrscht in der Branche eher Konkurrenz. Man horcht sich um: Was machen die anderen, lohnt es sich vielleicht, ein Konkurrenzprojekt herauszugeben? Zur letzten WM sind 500 bis 800 Fußballtitel auf den Markt gekommen. Es gab einen Boom in der Produktion, aber keinen im Verkauf. Und einige, die meinten, man kann auf dem Markt einen schnellen Euro machen, sind ordentlich auf die Schnauze gefallen. Es hat eine eindeutige Übersättigung des Markts stattgefunden. Ich bin mal gespannt, wie das jetzt im Vorfeld der EM sein wird. Ich denke, einige sind da geläutert. 

Mit Ihrem Buch »Der gezähmte Fußball« haben Sie einst den Fußball für Verlage hoffähig gemacht. Haben Sie zur richtigen Zeit das richtige Buch geschrieben?

Es hat etwas Pikantes: Das Buch wurde geschrieben von einem Autor, der bis dahin nicht über Fußball geschrieben hatte, sondern über Politik, und das Buch erschien in einem Verlag, der bis dahin kein Fußballbuch publiziert hatte, sondern nur Politik und Umwelt im Programm hatte. Ich habe Ende der 80er Jahre für eineinhalb Jahre in Nord-irland gelebt, und kam in Kontakt mit einer anderen Form von Diskussion über Fußball und Fußballliteratur. Bei uns in Deutschland stand man ja gerade in politisch bewegten Kreisen ein bisschen banausig da, wenn man sich für Fußball interessierte. Das war ja das Opium des Volkes. 1989 ereignete sich die sogenannte Hillsborough-Katastrophe, über die habe ich aus Nordirland berichtet, wobei ich versucht habe, sie in den Kontext der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung Englands einzubetten. Zurück in Deutschland, habe ich »Der gezähmte Fußball« geschrieben, eine Fußballgeschichte, die die politischen und wirtschaftlichen Bedingungen einbezieht. Ich hatte das große Glück, dass der Werkstatt-Verlag wobei das Glück gegenseitig war gesagt hat, o.k., so ein Fußballbuch können wir vielleicht machen, das ist ja auch ein bisschen politisch, es ist anspruchsvoll. Dieses Buch war so etwas wie die Initialzündung für eine neue Form von Fußballliteratur. Gemessen an den Rezensionen, hätte man davon ne halbe Million verkaufen müssen. Mitnichten, weit gefehlt! Aber es war der Anfang. Und es war auch der Anfang der Transformation dieses Verlags von einem primären Umwelt- und Politikverlag hin zu einem Sportverlag, der heute auf dem Gebiet der Fußballliteratur sicherlich der größte in Deutschland ist. Das Buch sah die Zukunft des Fußballs ziemlich pessimistisch und kam gerade heraus, als durch die WM 1990 der Boom einsetzte. Ich glaube, ein oder zwei Jahre vorher wäre es nicht so angenommen worden und zwei, drei Jahre später wären vielleicht andere am Start gewesen.              


Referenzen:

Heft: 29
ballesterer # 82

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 12. Juli 2013.

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