Roman Horak: Parallel zum »Abstieg« der Popmusik nimmt die Bedeutung des Fußballs für die Popkultur zu. Zugleich scheinen Künstler fast verzweifelt zu versuchen, mit ihrer Arbeit an einem sozial wichtigen Phänomen anzudocken. Was die Zugänge betrifft, so lassen sich die Arbeiten Fußball-affiner Künstler von jenen unterscheiden, die sich der Sache unbedarft nähern.
Fußball ist ein Spektakel zur Inszenierung von Männlichkeit. Dadurch bietet er Künstlern oft die Möglichkeit, sich gleichzeitig vom Spiel zu distanzieren und mit ihm zu identifizieren. Der Schotte Roddy Buchanan etwa, dessen Videoarbeit »Tombez la chemise« einen intimen Kommentar zum Leiberltausch darstellt, wechselt auch in seinen Auftritten kokett zwischen der Rolle des Künstlers und jener des Glasgower Fußballprolos.
Wie unterscheidet sich der »nichtfußballerische« Kunstblick vom fußballerischen?
Durch eine Verschiebung der Wahrnehmungsinteressen. Die Italienerin Grazia Toderi verwandelt in »Olympia« eine Totalaufnahme des Römer Olympiastadions in ein rhythmisch blinkendes Auge. Während Buchanan seine Arbeiten aus dem Sport heraus entwickelt, entsteht bei Toderi eine doppelte Distanzierung, indem sie die popkulturelle Oberfläche des Spektakels verfremdet.
Die Unterscheidung von involviertem und nicht involviertem Zugang wiederholt sich übrigens auch auf der Seite des Publikums: Fußballfans werden diese Arbeiten immer anders wahrnehmen als »unabhängige« Beobachter.
Sind nicht beide Zugänge auf ihre Weise Kommentare zu jenem Ort, der Kunst und Sport hervorbringt der Gesellschaft?
Darin liegt wohl ihre bedeutendste Schnittstelle. Wenn etwa der Künstler Anri Sala in dem Video-Loop »Missing Landscape« kleine Buben beim Gstettenkick in den albanischen Bergen beobachtet, dann wandert der Blick über die Grenze des Spiels hinaus in einen sozialen Raum, der das unsichtbare Hinterland des globalen Spektakels darstellt.
Liegt darin das Hauptmotiv für den Gebrauch des Spiels als Chiffre für Gesellschaft?
Schon in der Moderne gab es von Kunstseite Interesse am Sport: Brecht schrieb über Boxer, die Futuristen feierten die Radfahrer. Im Mittelpunkt stand ganz im Sinn des Epochengeistes die Faszination für Geschwindigkeit und Technik. Der Zugriff der Moderne auf den Sport spiegelt sich im überseeischen Siegeszug hochgradig kontrollierbarer, technoider Spektakel wider: Football, Basketball oder Eishockey. Dem Fußball haftet dagegen etwas Regelloses an. Den Bestrebungen, ihn der Kontrollgesellschaft zu unterwerfen, steht ein eigenartiger Konservativismus entgegen.
Ist Fußball demzufolge eine paradoxe Verschränkung von Ästhetik und Verwilderung?
Bereits in frühen Texten zum Fußball werden zwei Archetypen beschrieben: der Künstler und der Arbeiter. Man denke nur an die Spitznamen der zwei berühmtesten Wiener Kicker der Zwischenkriegszeit: Sindelar »der Papierene«, und Uridil »der Tank«, die diese Differenz illustrieren.
Wie stark hat sich aus kunstsoziologischer Sicht das Geschehen auf den Rängen verändert?
Die Aneignung der Kurven durch kreative Selbstinszenierung hat die Perspektive auf das Spiel gleichsam verdoppelt. Das im Fernsehen gesendete Spiel ist ein anderes als jenes vor Ort. Der Zuschauerraum wird vom Nebenschauplatz zur Hauptattraktion und das geht oft zulasten der Ausdrucksvielfalt. Die bildgerechte Homogenisierung der Fankultur erzeugt jedoch mittelbar eine größere Fadesse. Früher war der Support weniger beeindruckend, dafür abwechslungsreicher und vielschichtiger.






erscheint am 12. Juli 2013.
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