»Ich bin ein totales Mischmasch«

cache/images/article_1813__dsh0091_140.jpg Zoran Barisic war für den SK Rapid bereits als Spieler, Nachwuchs- und Amateurtrainer tätig. Nach der Trennung von Peter Schöttel nimmt er zum zweiten Mal als Cheftrainer auf der Bank der Hütteldorfer Platz. Mit dem ballesterer sprach »Zoki« im Mai 2012 über gegenseitigen Respekt, aussterbende Käfigkicker und verschlossene Kabinentüren.
Mathias Slezak | 12.03.2012
Ein ausgestopfter Löwe dominiert die Auslage des »Artificium«. Hier treffen wir »Zoki« Barisic, der an dem Möbelgeschäft in den Wiener Ringstraßengalerien beteiligt ist. Zum Interview setzen wir uns ins nahe Grand Hotel, wo sich Barisic der darauf besteht, geduzt zu werden einen Kaffee bestellt und eine Zigarette anzündet.

ballesterer: Hast du während deiner Spielerkarriere auch schon geraucht?
Zoran Barisic: Ich habe erst mit 28 Jahren das erste Mal geraucht. Damals bin ich in Tirol unter Trainer Frantisek Cipro erstmals auf der Tribüne gesessen. Da war ich so frustriert, dass ich zur Tankstelle gegangen bin und mir ein Packerl Marlboro Light und ein Feuerzeug gekauft habe. Ab da habe ich geraucht. Dann ist es sportlich wieder besser gelaufen, und beim Leistungstest waren meine Werte besser denn je. Ein halbes Jahr später waren sie noch besser, und da habe ich mir gedacht: »An der Zigarette liegt es nicht.« Aber ich will jetzt keine Werbung für die Tabakindustrie machen, natürlich ist es als Sportler absolut nicht förderlich zu rauchen.
Du kennst Rapid als Spieler, Co-, Jugend-, Interims- und Amateurtrainer. In welcher Rolle hast du dich am wohlsten gefühlt?
Ich habe mich immer wohlgefühlt, egal welche Position ich bekleidet habe. Als Spieler hast du es natürlich leichter, weil du nicht die Verantwortung für ein ganzes Team trägst, sondern nur für dich selbst. Da gehst du unbeschwert durchs Leben.
Was sind die Unterschiede zwischen dem Spieler und dem Trainer Barisic?
Wenn der Spieler Barisic das gewusst hätte, was der Trainer Barisic heute weiß, wäre er viel weiter gekommen.
Was weiß der Trainer Barisic heute?
Das ist sehr komplex und beginnt wahrscheinlich beim Trainingsfleiß. Wobei ich nicht sage, dass ich faul war, aber der Fußball hat sich so stark geändert, dass man heute viel mehr über die Grenzen geht. Wenn ich das damals im Bewusstsein gehabt hätte, hätte ich eine bessere Karriere einschlagen können.
Vergleicht man eure Mannschaft von 1996 mit der heutigen Generation, hat man den Eindruck, dass die Typen im Fußball aussterben. Siehst du das auch so?
Es gibt heute schon noch Typen, aber nicht mehr in dieser Form wie früher. Grundsätzlich will ich das aber nicht vergleichen. Was hat es denn damals gegeben? Du hast einen Fernseher gehabt, und sonst war der Ball das Einzige, das dich interessiert hat. Heute kommst du heim und hast gleich Internet, PlayStation, Wii und wie das Klumpert alles heißt. Die Kommunikationsmittel sind heute ganz anders, du wirst viel mehr abgelenkt. Was die Typen betrifft, darf man es sich als Trainer nicht so leicht machen. Es hat ja schon damals der Karl Stotz gesagt, dass es schwieriger ist, mit talentierten Spielern zu arbeiten als mit weniger talentierten. Und das ist heute auch noch so. Wenn ich einen Kreativspieler habe, muss ich schauen, wie ich das Beste aus ihm herauskitzeln kann, und kann ihn nicht immer nur in ein Konzept pressen. Sonst wird er seine Kreativität nicht auf den Platz bringen.
Dein Einstieg ins Trainergeschäft war 2006 der Job als Co-Trainer von Peter Pacult.
Das war damals ziemlich überraschend für mich. Ich war gerade mit der Trainerausbildung fertig, und bei Rapid hat es einen Trainerwechsel gegeben. Der »Funki« Feurer ist zu mir in die Firma gekommen und hat mich gefragt, ob ich mir das vorstellen kann. Natürlich habe ich Ja gesagt. Ich hätte mir nie gedacht, dass der Einstieg ins Trainergeschäft gleich eine Co-Trainer-Tätigkeit bei Rapid sein würde, aber da sieht man, dass im Fußball eigentlich gar nichts planbar ist.
Überraschend war auch deine Bestellung zum Interimstrainer im April 2012.
Ja, das ist alles im Minutentakt passiert. Für mich war es eine große Ehre, dass die Verantwortlichen auf mich zugekommen sind.
Wie hast du versucht, den Schritt vom kumpelhaften Co-Trainer zum Cheftrainer zu schaffen?
Ich bin so, wie ich bin. Ich glaube, es bringt auch nichts, wenn man vor der Mannschaft den Schauspieler gibt. Entweder man akzeptiert mich so, wie ich bin, oder eben nicht.
Kann man Cheftrainer sein, wenn man immer der »Zoki« und nicht der »Herr Barisic« ist?
Privat haben sie »Zoki« zu mir sagen können, aber am Platz war ich der Trainer. Es geht ja auch nicht um per Du oder per Sie, sondern um Respekt, und der war von Anfang an gegeben. In einer Gemeinschaft sind der Respekt, die Disziplin und der Teamgeist am wichtigsten.
Was war nach dem guten Beginn, als sogar vom »Zoki-Zauber« gesprochen wurde, der Knackpunkt?
Der absolute Knackpunkt war das Cup-Halbfinale in Ried. Wir haben in einem Spiel, das wir eigentlich nie verlieren hätten dürfen, 1:2 verloren. Durch diese Niederlage haben wir den Einzug ins Cupfinale gegen Austria Lustenau verpasst, wo sich die Mannschaft wahrscheinlich für einen internationalen Bewerb qualifiziert hätte. Das war für die Spieler die schlimmste Niederlage ihrer bisherigen Karriere. Auch Fußballer sind nur Menschen, und das hat man in dieser Phase gesehen. Da ist ziemlich viel eingebrochen.
Haben die Gerüchte über einen bevorstehenden Platzsturm beim Derby die Mannschaft beschäftigt?
Natürlich, wir sind ja schon in der Woche davor nach der Meisterschaftsniederlage in Ried von rund 250 Fans erwartet worden. Als ich mit der Mannschaft angekommen bin, hat man schon gemerkt, dass die Spieler verunsichert sind. Das hat sich dann wie ein roter Faden durchgezogen. Auch im Training hat man gesehen, dass die Spieler immer gehemmter werden, und schlussendlich kann man mit Angst nicht Fußballspielen. Grundsätzlich habe ich die Unzufriedenheit der Fans verstanden, aber die Geschichte mit dem Platzsturm hätte man vielleicht anders lösen können.
Du warst bei Rapid auch im Nachwuchs tätig. Können die heutigen Akademien noch einen Spieler wie »Zoki« Barisic produzieren?
Ich hoffe, sie können bessere Spieler als mich produzieren. Es wird heute viel professioneller gearbeitet, das ist mit damals überhaupt nicht zu vergleichen. Heute haben Akademiespieler die Möglichkeit, vormittags zu trainieren, es gibt Schulkooperationen, das hat es zu meiner Zeit alles nicht gegeben. Wir sind einer Lehre nachgegangen und dann im Schlossergewand mit der U-Bahn zum Training gefahren. Damals sind die Talente in einen Trichter hineingeschmissen worden, der immer schmäler geworden ist, und unten ist dann ein Talent herausgekommen. Wir wollen diesen Trichter jetzt ein bisschen größer machen, damit es mehr und bessere Talente als mich gibt.
Du hast noch im Käfig Kicken gelernt. Leidet Österreichs Fußball unter dem Aussterben der Käfigkicker?
Das glaube ich auf alle Fälle. Im Verein lernst du das organisierte Fußballspielen, aber im Käfig lernst du das Durchsetzungsvermögen. Du spielst auf ein paar Quadratmetern gegen 20 Leute, die meistens älter als du sind. Dort lernst du die Handlungsschnelligkeit und technische Fähigkeiten, die du im Verein einfach nicht lernen kannst.
Du bist ein Kind der sogenannten zweiten Generation. Wie ist dein Bezug zu Serbien, der Herzegowina und Wien?
Ich bin in Wien geboren, deswegen sehe ich mich in erster Linie als Wiener. Ich bezeichne mich aber als »Ex-Jugo-Wiener«, und zwar weil meine Mutter aus Serbien und mein Vater aus Herzegowina stammt. Das religiöse Bekenntnis meines Vaters ist römisch-katholisch, das meiner Mutter ist serbisch-orthodox. Meine Eltern sind nicht verheiratet, also habe ich den Namen von meinem Vater und das Religionsbekenntnis von meiner Mutter. Ich bin also ein totales Mischmasch.
Ist es für Fußballer der zweiten Generation heute leichter, in einen Profikader zu kommen, als zu deiner Zeit?
Ja, weil Österreich in der Denkweise heute viel globaler ist. Du warst damals zwar kein Mensch zweiter Klasse, aber doch irgendwie ein untergeordnetes Mitglied der Gesellschaft. Auch die Ausländerbeschränkungen gibt es nicht mehr, damals durften ja nur drei Ausländer pro Mannschaft spielen. Ich war bis zu meinem 18. Lebensjahr jugoslawischer Staatsbürger, und wenn ich damals die österreichische Staatsbürgerschaft nicht angenommen hätte, wäre es wohl viel schwieriger gewesen, in den Profibereich zu kommen. Das hat sich jetzt aber geändert, und deswegen haben es die Jungen aus der sogenannten dritten und vierten Generation etwas leichter als wir damals. Schlussendlich ist aber die Qualität entscheidend, ob du den Durchbruch schaffst oder nicht egal wie du heißt und welche Hautfarbe du hast.
Du hast es mit deiner Qualität einmal ins Nationalteam geschafft beim 0:5 in Israel. Warum nicht öfter?
Im Nachhinein muss ich sagen, Gott sei Dank nicht öfter, weil ich ziemlich enttäuscht war, was das Niveau des Nationalteams betrifft. Ich habe mir da viel mehr erwartet. Wir haben mit Tirol eine sensationelle Mannschaft gehabt, in der fast nur Österreicher gespielt haben. Wir haben die Liga dominiert und sind auch dreimal hintereinander Meister geworden, aber nur ich bin einberufen worden. Ohne jetzt irgendjemandem nahetreten zu wollen, die Unterschiede zwischen Nationalmannschaft und dem damaligen FC Tirol waren doch ziemlich groß zugunsten des FC Tirol.
War die Qualität der Spieler so schlecht?
Ich kann jetzt nicht sagen, ob die Qualität der Spieler ausschlaggebend war, aber was die mannschaftliche Qualität betrifft, waren ziemlich große Unterschiede zu erkennen. Ich bin nie der Spieler gewesen, der unbedingt im Team dabei sein wollte, um dann ein besseres Standing bei Vertragsverhandlungen zu haben. Das habe ich nie gewollt und auch nicht gebraucht.
Dein Standing hast du ohnehin dank deiner gefährlichen Freistöße gehabt. Wie hast du das gelernt?
Ich war ganz einfach ständig am Platz. Nach jedem Training wollte mich der Platzwart schon zweimal in die Kabine schicken, hat es aber nicht geschafft. Dann ist noch dreimal der Zeugwart gekommen, und ab und zu war dann schon die Kabinentür verschlossen und ich habe mich nicht mehr umziehen können, weil ich es einfach übertrieben habe. Früher hat es wohl mehr Spezialisten für Standards gegeben, vielleicht wird heute dahingehend zu wenig trainiert.

ZUR PERSON
Zoran Barisic (42) gewann mit Rapid 1995 den Cup, 1996 die Meisterschaft und erreichte im selben Jahr das Finale des Cups der Cupsieger. Mit dem FC Tirol konnte der Mittelfeldspieler noch drei weitere Meistertitel (2000, 2001, 2002) feiern. Nach dem Ende seiner aktiven Karriere war er als Co-, Jugend- und Interimstrainer für die Hütteldorfer tätig, seit Sommer 2011 ist er für die Rapid Amateure verantwortlich.

Referenzen:

Heft: 70
Rubrik: Spielfeld
ballesterer # 115

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Der nächste ballesterer fm erscheint am 20.10.2016.

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