Hapoel Tel Aviv: Arbeiter & Araber

Wo der Nahostkonflikt und ständige Kriegsgefahr das Tagesgeschehen bestimmen, hat auch der Fußball eine ganz andere Funktion. Die Ultras von Hapoel Tel Aviv zeigen dabei ein besonderes politisches Engagement. Der ballestererfm berichtet über eine Fankurve ohne Nationalfahnen.
Patrick Kroker, Jakob Rosenberg | 06.12.2007

Seit Ende der 90er Jahre hat sich in Israel eine stetig wachsende Ultrà-Szene entwickelt, deren Vorreiter die Fans der vier großen Vereine Maccabi Tel Aviv, Beitar Jerusalem, Maccabi Haifa und Hapoel Tel Aviv sind. Meist ist das Fantum eng an einen überschwänglichen Patriotismus gekoppelt - zahlreiche Nationalfahnen Israels begleiten fast jedes Fußballspiel. Spielt eine israelische Mannschaft in einem internationalen Wettbewerb, ist der nationale Stolz noch stärker wahrnehmbar.

Nicht so bei den Ultras von Hapoel Tel Aviv, die bei einem Auswärtsspiel gegen Paris St. Germain im vergangenen Jahr einem Israeli die Nationalfahne sogar entrissen. »Wir vertreten nicht Israel, wir repräsentieren Hapoel«, kommentiert dies Asaf Eyal, Mitglied der Hapoel-Ultras, im Gespräch mit dem ballestererfm. »Wir stehen für Koexistenz und gegen die rassistische und diskriminierende Haltung des Staates gegenüber unseren arabischen Mitmenschen. Es gibt keinen Grund, die israelische Nationalfahne im Stadion zu zeigen.«

Wegen dieser Haltung mangelt es den Ultras Hapoel, der einzigen dezidiert linken von insgesamt 15 Ultrà-Gruppen in Israel, nicht an Gegnern. Beschimpfungen als »Araber«, »Verräter« und »Hisbollah« hätten die Ultras Hapoel von den anderen Fangruppen hinzunehmen, berichtet Eyal. Auch die Polizei, ohnehin für ihr resolutes Vorgehen gegen die Fans bekannt, hat ein besonderes Augenmerk auf die roten Banner der Gruppe geworfen. »Die Polizisten, die zu Fußballspielen beordert werden, sind dieselben, die in den besetzten Gebieten agieren. Wenn die sehen, dass wir die israelische Flagge und die Nationalhymne nicht respektieren, sind sie nicht erfreut.«

Von der Arbeiterbewegung auf die Forbes-Liste

Die Wurzeln von Hapoel liegen in der Arbeiterbewegung. Eine zentrale Rolle spielte dabei die Gewerkschaft Histadrut, die auch die ersten Fußballvereine im britischen Mandatsgebiet Palästina gründete. 1927 fusionierten kleinere Vereine in Tel Aviv zu einem Fußballklub, dessen Name auch Programm sein sollte: »Hapoel« (»der Arbeiter«). Das Vereinslogo zeigt in bester realsozialistischer Tradition die Konturen eines Sportlers, der von Hammer und Sichel fest umschlossen wird.

Die britische, jüdische und (bis zur Revolte 1936) arabische Konkurrenz musste zusehen, wie der Arbeiterklub sechs Meistertitel der Liga unter britischem Mandat gewann. Nach der Proklamation Israels wurde die frühere Dominanz Hapoels durch die des Lokalrivalen Maccabi abgelöst. Die großen Erfolge wurden seltener, doch der Verein brachte immerhin Talente wie Rifaat »Jimmy« Turk und Moshe Sinai hervor. Turk debütierte 1976 als erster arabischstämmiger Spieler in der israelischen Nationalmannschaft und wurde damit zu einem Symbol der Koexistenz. Eine Rolle, die Hapoel schon länger innehatte, da laut Ultras-Capo Eyal »die meisten arabischen Muslime in Israel Hapoel unterstützen«. Ende der 80er Jahre schlitterte der Klub in die Krise und musste im symbolträchtigen Jahr 1989 den Abstieg in die zweite Liga hinnehmen.

Nach dem Wiederaufstieg und sieben mageren Jahren entdeckte 1997 Sami Sagol, Chef des größten Plastikherstellers des Landes, den Fußball als potenzielle Werbebande und übernahm die Mehrheit des Traditionsklubs von Histadrut. Die Aufregung war groß, als die Nummer 14 der israelischen Forbes-Liste das Vereinslogo durch ein Werbebanner seines Unternehmens Keter ergänzte. Damit »erreichte der moderne Fußball auch Israel« sagt Eyal, doch diese Vermarktung entfachte auch Widerstand.

1999 entstanden die ersten Vorläufer der heutigen Ultras Hapoel, die sich die Traditionspflege ganz anders vorstellen. Dabei importierten sie anfangs nicht nur den Ultrà-Gedanken aus Italien, sondern auch ihre Übergangsbezeichnung »Red Militia« als Hommage an die Roten Brigaden. Aus dieser gingen schließlich die Ultras Hapoel hervor. An der politischen Überzeugung änderte das aber wenig, wie fleißiges Hammer-und-Sichel-Schablonen-Basteln und ihr Leitspruch »Red or Dead« beweisen.

Der politische Gegenentwurf

Eine ausgeprägte Feindschaft pflegen die Ultras Hapoel mit dem Hauptstadtklub Beitar Jerusalem, vor allem seit dem Saisonfinale 1998: Beitar erzielte in der Nachspielzeit des legendären »Schnürsenkel«-Spiels das Siegestor ohne erkennbare Gegenwehr der gegnerischen Mannschaft - viele Hapoel-Spieler waren gerade dabei, sich die losen Schuhe zu binden. Beitar verdrängte Hapoel von Platz eins, wurde Meister und reagierte mit Schweigen auf Manipulationsvorwürfe.

Zurück geht die Feindschaft aber auch auf politische Differenzen, schließlich ist Beitar als Kind der gleichnamigen nationalistischen Jugendbewegung schon seit der Gründungszeit quasi der Gegenentwurf zu Hapoel, was sich bis heute in engen Verbindungen des Jerusalemer Vereins zur israelischen Rechten niederschlägt. Bei einem Spiel vor wenigen Wochen in Sachnin, einem mehrheitlich arabisch besiedelten Ort, bei dem zur Unterstützung der Heimmannschaft auch einige Hapoel-Ultras angereist waren, enthüllten Beitar-Fans das Banner der mittlerweile verbotenen rechtsextremen Terrorbewegung Kach. Und den Versuch des Klubeigentümers, erstmals einen arabischen Spieler zu verpflichten, quittierten Beitars Ultras mit so massiven Protesten, dass der russisch-israelische Milliardär vom Transfer absah.

Franco und Ceausescu

Deutlich ist auch die Rivalität Hapoels mit dem Lokalrivalen Maccabi ausgeprägt, die man nicht nur im Fußballstadion erleben kann. Die Aktivitäten der Ultras Hapoel umfassen auch den Schwesterverein in der Basketball-Liga. Jüngste Protestmaßnahmen konzentrierten sich auf den Abriss der historischen Basketball-Arena Ussishkin, den Klubpräsidenten und die lokale Stadtverwaltung. Die Hapoel-Ultras beließen es dabei nicht bei einem reinen Fanboykott, sondern gründeten sogar einen eigenen Fanverein namens Hapoel Ussishkin.

Die in Israel übliche Präsenz von Ultras in der Basketballszene zeigt die massive Bedeutung dieses Sports in der Gesellschaft. So haben die Ultras Hapoel auch den Basketballverein von Stadtrivalen Maccabi ins Visier genommen: »Franco hatte Real Madrid, Ceausescu hatte Dinamo Bukarest, und Israel hat Maccabi Tel Avivs Basketballklub.« Als europaweit erfolgreicher Spitzenklub ist Maccabi das Symbol für den nationalen Schulterschluss. »Jeder, der diese Mannschaft nicht unterstützt, wird sofort als Verräter oder Staatsfeind gebrandmarkt«, sagt Eyal. Und fügt nicht ohne Pathos hinzu: »Maccabi gegen Hapoel, das ist der Kampf zwischen der israelischen Mehrheit und der Minderheit. Der Arroganz und der Bescheidenheit. Das Gefecht zwischen den Reichen und den Arbeitern. Der Kampf der nationalistischen und rassistischen gegen die antifaschistischen Kräfte.«

Referenzen:

Heft: 31
Rubrik: Fansektor
ballesterer # 117

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