Glücklicher Diktator

cache/images/article_1828_totoschein_140.jpg Der spanische Faschistenführer Franco gewann 1967 im Toto. Wie viel er gewonnen und ob er noch öfter richtig getippt hat, ist unklar. Ein Fall von extremem Glück oder doch nur extremer Manipulation?
Hannes Gaisberger | 12.04.2012
Sein Name ist eindeutig zu lang für den Tippschein: Francisco Paulino Hermenegildo Teodulo Franco y Bahamonde Salgado Pardo. Der spanische Diktator unterzeichnet im Mai 1967 einen Totoschein genannt Quiniela bündig mit »Francisco Franco«. Als Wohnadresse gibt er schlicht »El Pardo« an, den königlichen Palast nordwestlich von Madrid. Als die Runde gespielt ist und die Ergebnisse vorliegen, stellt sich heraus, dass der »Generalisimo« zwölf Richtige getippt hat. Welch seltsame Wege das Glück oft nimmt. Oder wurde Fortuna etwas nachgeholfen, um den Führer zu erfreuen? Und über welchen Betrag durfte sich Franco freuen?

Das Glück des kleinen Mannes
Der britische Historiker Paul Preston, ­Autor mehrerer Standardwerke zur spanischen Geschichte, schreibt in seiner Franco-Biografie von einem beträchtlichen Gewinn in der Höhe von 900.000 Peseten. Damit hätte man sich seinerzeit locker zehn Seat-Kleinwagen kaufen können. Erste Zweifel an der Höhe des Gewinns stellen sich ein, wenn man bedenkt, dass der spanische Tippschein nicht in der zwölften Zeile endet, sondern 15 Spiele anbietet. 1967 waren es sogar 16. Manuel Jesus Prieto Martin, der in seinem Blog »Curistoria« absurden Details der Weltgeschichte nachspürt und sich auch mit Francos Quiniela beschäftigt hat, sagt dem ­ballesterer: »Zwölf Richtige zu tippen ist keine große Sache. Die Gewinnsumme dafür ist relativ niedrig. Ich glaube nicht, dass man damit 1967 fast eine Million Peseten bekommen hat.«


Prieto verweist auf die im Jahr 2006 anlässlich des 60-Jahr-Jubiläums der Quiniela veröffentlichten Zahlen, denen zufolge sich Franco nur über 2.838 Peseten freuen durfte. In der Aufstellung wird von weiteren kleinen Gewinnen berichtet, laut Prieto ein Beweis für die »baraka«, das legendäre Glück, das Franco zeitlebens zur Seite gestanden sein soll. Der Diktator habe regelmäßig Toto gespielt, das Vergnügen des kleinen Mannes, als der er sich gerne zu stilisieren pflegte. Anfangs gab er sich noch bedeckter und unterschrieb die Quiniela mit »Francisco Cofran«, später ließ er die Silbendrehung seines Nachnamens wieder bleiben.

So oder so ein Diktator
Aufgrund der geringen Summen, die Franco einstreifen konnte, dürfte das Thema Manipulation vom Tisch sein. Der Süddeutsche Zeitung-Korrespondent Javier Caceres hat in seinem Buch »Futbol« die Auswirkungen des faschistischen Regimes auf den Ligaalltag beschrieben. Schiedsrichter, Funktionäre, zum Teil auch Spieler wurden in den Anfangsjahren der Diktatur politisch durchleuchtet und wenn nötig mit regimetreuem Personal ersetzt. Franco selbst war kein eingefleischter Fußballfan und ging laut Caceres lieber angeln und jagen. Große Bedeutung maß er hingegen den internationalen Spielen bei, wo sportliche Erfolge zugleich als diplomatische Siege verkauft werden konnten.


»Für Franco waren Fußball und Toto grundlegende Bestandteile seines Brot und Spiele-Konzepts«, sagt »Curistoria«-Blogger Prieto Martin. Die Übertreibung bei der Gewinnsumme kann er sich kaum erklären. »Vielleicht sind diese Gerüchte gestreut worden, um den Ruf Francos zusätzlich zu beschädigen. Aber was macht es in der historischen Beurteilung eines Diktators für einen Unterschied, ob er im Toto eine Million oder nur knapp 3.000 Peseten gewonnen hat?«

Referenzen:

Heft: 71
Rubrik: Spielfeld
ballesterer # 117

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 13.12.2016.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png