Gedanken eines bösen Lehrmeisters

cache/images/article_1616_mungo2_140.jpg Domenico Mungo gehört zu den Pionieren des Genres Ultra-Literatur. Im Interview mit dem ballesterer spricht der Fiorentina-Fan über die letzten Bastionen gegen die Konsumgesellschaft, ödipale Beziehungen zu Mama Fiat und den dumpfen Klang von Knüppelschlägen.
Jakob Rosenberg | 10.04.2011
ballesterer: Die italienische Ultra-Bewegung setzt sich seit dieser Saison vor allem mit dem Fanausweis »tessera del tifoso« auseinander, der Voraussetzung für den Kauf von Saisonkarten und häufig Auswärtstickets ist. Wie lebt es sich heute als Ultra ohne die »tessera«?
Domenico Mungo: Wir haben im Sommer besprochen, dass wir, wenn wir keinen Widerstand leisten, vermutlich innerhalb von zwei Jahren aus dem Stadion gedrängt werden. Daher haben wir, also rund 400 Personen aus verschiedenen Zusammenhängen, die gegen die »tessera« sind, einen sehr losen Zusammenschluss gebildet. Wir verfolgen die Spiele im Parterre und machen unabhängig vom Rest der Curva Fiesole Stimmung, wir singen unsere Lieder und verkaufen kein Material. Wir versuchen, die Ultra-Avantgarde in Florenz zu sein.
Du bist Turiner mit kalabresischen Wurzeln, wieso bist du ausgerechnet Fiorentina-Fan?
Meine Eltern sind am Ende des Wirtschaftswunders nach Turin gekommen, mein Vater war fast 15 Jahre lang Fiat-Arbeiter. Obwohl er aus einem kalabresischen Dorf kommt, war er immer Fiorentina-Fan. Er hat sogar das unvorstellbare Glück gehabt, seinen Militärdienst mit dem damaligen Kapitän Claudio Merlo abzuleisten. Das ist ja fast ein feuchter Traum, wenn du mit deinem Idol im selben Zimmer schläfst. Ich habe diese Liebe zur Fiorentina von ihm geerbt und ab zwölf Jahren meine Wochenenden damit verbracht, nach Florenz zu fahren oder die Mannschaft auswärts zu begleiten. 1985 bin ich erstmals dem »Collettivo Autonomo Viola« beigetreten.
Bist du bis zur Selbstauflösung vor wenigen Wochen beim »Collettivo« geblieben?
Nein, ich war bei verschiedenen Gruppen Mitglied, Ende der 1990er Jahre bin ich zum »Collettivo« zurückgekehrt. Ich war sogar zwei Jahre lang Vorsänger, auch im letzten Jahr in der Serie A, vor der Pleite 2002. Doch nach der Neugründung hat das »Collettivo« eine Linie vertreten, die wir als unvereinbar mit dem Ultra-Gedanken gesehen haben. Das hat bei dem Einfluss der neuen Eigentümer und den Kontakten zur Polizei begonnen und bei den Profitmöglichkeiten in der Kurve und dem medialen Auftreten einiger Führungspersönlichkeiten geendet. 2003 bin ich mit einem Teil des »direttivo« (Führungsgruppe, Anm.) ausgestiegen und wir haben die »ACAB Firenze 1926« gegründet. Das Akronym ACAB (»All Cops Are Bastards«) war damals noch nicht so verbreitet, und wir haben uns zunächst frei bewegen können.
Warum habt ihr euch dann aufgelöst?
Wir sind vom Staat aufgelöst worden. Als die Fiorentina 2004 in die Serie A aufgestiegen ist, ist unser Doppelhalter verboten worden, und viele von uns haben Stadionverbote bekommen. Gemeinsam mit anderen Gruppen haben wir dann »Firenze ­Ultras« gegründet. Innerhalb von zwei Wochen haben wir das Vorsängerpult in der Curva Fiesole übernommen und unser Transparent über das des »Collettivo« gehängt. Das hat sowohl in der Kurve als auch bei der Polizei nicht allen gefallen, und nach ein paar Monaten ist gegen uns wegen Bildung einer kriminellen Organisation ermittelt worden. Auch diese Vereinigung ist also vom Staat aufgelöst worden.
Du hast den Bankrott der Fiorentina 2002 angesprochen: Wie hast du das erlebt?
Die Fiorentina ist für einen vergleichsweise geringen Schuldenbetrag von 80 Milliarden Lire (rund 40 Millionen Euro, Anm.) in den Bankrott geschickt worden. Natürlich hat Präsident Vittorio Cecchi Gori damals keine gute Figur gemacht, er hat mit all diesen Kokain- und Frauengeschichten eher an Tony Montana aus »Scarface« erinnert.
Welche Rolle hat sein Machtkampf um die TV-Rechte mit Silvio Berlusconi gespielt?
Er hat sich als ehemaliger Partner von Berlusconi in der Filmbranche mit ihm überworfen. Weil er eine starke Fiorentina aufgebaut hat, die mit Gabriel Batistuta und Rui Costa auch Berlusconis Milan nerven konnte. Außerdem ist er in die Politik gegangen und hat für die »Populari« kandidiert, die im Mitte-Links-Bündnis waren. Die Fiorentina wurde zweimal dafür bestraft: 1993, als sich Milan, Roma und Udinese ausgemacht haben, sie in die Serie B zu schicken. 2002 wurden wir mit der Bankrotterklärung ein zweites Mal bestraft.
Die Fiorentina hat aber nach einem Jahr in der Serie C2 die Serie C überspringen dürfen.
In Italien ist der Aufstieg am grünen Tisch üblich, weil jedes Jahr ein paar Mannschaften pleitegehen. Für die Fiorentina war das nur eine kleine Wiedergutmachung. Der italienische Fußball kann so große Mannschaften nicht in der Serie C lassen. Einerseits, weil damit ein großer Markt verloren geht, und andererseits ist das ein Problem der öffentlichen Ordnung. In der Serie C2 sind auch nach Forli 5.000 Zuschauer mitgekommen. Der Verband hatte jedes Wochenende Angst, es mussten immer mehr Einsatzkräfte angefordert werden, und die kleinen Mannschaften haben ihre Stadien wechseln müssen. Wenn du noch weitere Mannschaften wie Genoa, Catania und Salernitana in der Serie C hast, wird sie unkontrollierbar. Wir haben diesen Aufstieg dennoch nicht akzeptiert, weil das eine weitere Respektlosigkeit gegenüber dem Sport war.
Wie hast du den Schiedsrichterskandal Calciopoli gesehen? Fiorentina-Funktionäre haben ja auch um Hilfe gebeten, um den drohenden Abstieg zu verhindern.
Die Eigentümer Della Valle waren sicher sehr naiv. Als sie bemerkt haben, dass es viele eindeutige Fehlentscheidungen gegen die Fiorentina gibt, haben sie Angst bekommen. Doch statt zum Telefonhörer zu greifen, hätten sie diese Dinge anzeigen müssen. So ist der Verein Teil des Mechanismus geworden, dafür aber viel zu hart bestraft worden. Wenn wir die Bahnhöfe nicht blockiert hätten, wären wir vielleicht sogar in die Serie B versetzt worden. Und dafür, wie Luciano Moggi den italienischen Fußball kontrolliert hat, hätte Juventus nicht unbedingt aufgelöst, aber mindestens in die Serie C2 versetzt werden müssen.
Hätte es dir nicht leidgetan, wenn der größte Rivale aufgelöst worden wäre?
Nein, Juventus muss verschwinden. Mein Leben wäre ohne Juve um so manche Befriedigung reicher und so manche Frustration ärmer. Für ein Arbeiterkind wie mich ist das ein doppelter Hass, weil die Juventus auch Fiat und die Arroganz der Macht repräsentiert. Heute könnte man dasselbe über das Milan von Berlusconi sagen, aber ich weiß, dass viele Milan-Fans deswegen eine große innere Krise haben. Die »Gobbi« (Buckligen, Anm.) haben ihre Führung nie verachtet. Im Gegenteil: Sie haben aus der Arroganz von Juventus immer ihre Kraft gezogen.
Aber Juventus ist auch die Mannschaft der Massenarbeiter, die aus dem Süden emigriert sind.
Die Fiat-Arbeiter und Juventus-Fans aus dem Süden finden leider die einzige soziale Besserstellung in einer Mannschaft, die immer gewinnt. Du arbeitest in einer Fabrik und bekommst fünf Tage die Woche einen Arschtritt, aber am Sonntag bekommst du als Fan der siegreichen Mannschaft die Illusion, dass du kommandieren darfst. Wenn du das psychoanalytisch betrachtest, siehst du, dass diese Juventus-Fans auch im Privaten der Mama Fiat unterstellt sind. Da gibt es viele Berührungspunkte mit dem Ödipuskomplex...

 

Lesen Sie das gesamte Interview in der aktuellen Printausgabe des ballesterer (Nr. 61/April 2011) Ab sofort österreichweit in den Trafiken sowie im deutschen und Schweizer Bahnhofsbuchhandel!  

 

Zur Person: Domenico Mungo (40) ist Fiorentina-Ultra, Anarchist, Schriftsteller, Journalist und Lehrer. In der Curva Fiesole war der Turiner bei zahlreichen Gruppen wie dem »Collettivo Autonomo Viola« und »ACAB Firenze 1926« aktiv. Als Journalist war Mungo unter anderem für Supertifo und So Foot tätig. Neben den stark autobiografischen Romanen »Sensomutanti« und »Cani Sciolti« (dessen Übersetzung in Kai Tippmanns Ultra-Reihe im Verlag Burkhardt & Partner geplant ist), veröffentlichte der Literaturwissenschafter den Poesieband »Avevate Ragione Voi«. Im Juli erscheint sein Roman »Macelleria Diaz« zum G8-Gipfel 2001 in Genua.

 

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