Fußball unterm Hakenkreuz

Die Violetten zwischen Vertreibung und Vereinnahmung. DAVID FORSTER und GEORG SPITALER sprachen mit Franz Schwarz, Sohn des legendären Austria-Präsidenten Dr. Emanuel »Michl« Schwarz, über die Wiener Austria während der NS-Zeit.

Franz Schwarz ist einer der letzten Zeitzeugen der alten Austria. Als Kind erlebte er die sportlichen Höhenflüge der 1930er Jahre und die Zeit des Wunderteams. Er ist aber auch einer der wenigen Menschen, die noch darüber berichten können, wie es war, als sich der traditionell als »Judenklub« titulierte Verein nach dem »Anschluss« 1938 an die neuen Zeiten anpasste. Die Geschichte der Austria während der NS-Herrschaft weist die gesamte Bandbreite von Verfolgung, Resistenz, Ablehnung und Mitläufertum auf. Platz genug für Mythenbildungen nach 1945.

Kindheit auf dem Fußballplatz

Franz Schwarz wurde von seinem fußballverrückten Vater, der als Medizinalrat auch die halbe Wiener Fußball-Liga sportmedizinisch versorgte, quasi schon im Kinderwagen ins Stadion geschleppt. Nicht immer zu seiner Freude: »Wozu willst baden gehen? Kommt nicht in Frage. Wir gehen zum Match!«, bestimmte Schwarz Senior über die Freizeitgestaltung seines Filius. »Ich sah, wenn es gut geht, während der Saison vielleicht einmal ein Bad. Mein Vater war ein Diktator«. Emanuel Schwarz, seit 1932 Austria-Präsident, verkörperte aber auch einen Typus von Fußballfunktionär, wie es ihn heute nicht mehr gibt. »Seine« Spieler, an die er je nach Leistung »Watschn« oder Prämien verteilte, zählten für ihn zum erweiterten Familienkreis.

»Judenklub« Austria

Der Wiener Amateur-Sportklub, die Abspaltung der Wiener Cricketer und nachmalige Austria, war nicht zuletzt der Verein des assimilierten, bürgerlichen Wiener Judentums. Seit seinem ersten Präsidenten Erwin Müller wurde der Klub gerade in seinen Vorstandsetagen immer auch durch jüdische Funktionäre geprägt.
Franz Schwarz kann sich noch an viele Kollegen seines Vaters erinnern. So an den Textilkaufmann Heinrich Bauer: »Der hatte ein Herrenmodengeschäft in der Rotenturmstraße. Dorthin schickte mein Vater den Nausch oder den Sindelar, wenn sie gesagt haben: ?Herr Präsident, des Bindl [die Krawatte] da hätt i gern?. Dann antwortete er: ?Du gehst zum Heinrich?. ?Das hab i g'hofft?, hat er dann g'sagt, der Motzl [Sindelar]«.
Unser Gesprächspartner will sich keiner Anfeindungen gegen jüdische Austrianer bereits vor dem »Anschluss « entsinnen: »Das hat damals überhaupt keine Rolle gespielt. Erst im Jahr 1938 wurde das schlagend. Vorher hat keiner gewusst, wer was ist. Warum hätte es auch so sein sollen? Fußball war Fußball«.
Im März 1938 wurde alles anders - auch für die Austria. Kurz nach der vorläufigen Sperre des »nicht unter arischer Führung stehenden Vereins« wurde SASturmbannführer Hermann Haldenwang, ein ehemaliger Amateure- Spieler, mit der Leitung des Klubs beauftragt. Dazu Franz Schwarz: »Auf einmal ist der Haldenwang da gewesen, und hat gesagt, ich bin der Kommissarische Leiter. Das erste, was ich 1938 erlebt habe, war, wie der Herr Haldenwang und unserer Centerhalf Mock in SA-Uniform gekommen sind. Da haben sie meinem Vater einen Goldpokal, eine Nachbildung des Mitropa-Cups, weggenommen«. Der Pokal wurde von Haldenwang kurzerhand als Siegesprämie für ein freundschaftliches Duell mit Schalke 04 ausgelobt. Nach einigen Umwegen gelangte er nach dem Krieg wieder in den Besitz der Familie Schwarz.
Im April 1938 wurde der FK Austria auf Haldenwangs Anweisung in SC Ostmark umbenannt. Bemerkenswert ist weniger die Tilgung des Verweises auf Österreich aus dem Vereinsnamen, sondern vielmehr die bereits im Juli 1938 erfolgte Rücknahme der Zwangstaufe. Johann Skocek und Wolfgang Weisgram betonen in ihrem Buch »Wunderteam Österreich« den Umstand, dass es »während der gesamten Naziherrschaft allein die Austria war, die offiziell an Österreich erinnern durfte«.

Flucht und Vertreibung

Nach dem »Anschluss« musste ein Großteil des Austria-Vorstands ins Ausland fliehen. Robert Lang, der Vereins-Manager, rettete sich nach Jugoslawien, wurde dort aber von den Nationalsozialisten eingeholt und 1941 ermordet. Präsident Schwarz blieb - durch seine »Mischehe« mit einer Nichtjüdin vorerst geschützt - zunächst in Wien und wartete auf ein Affidavit für die USA. Als dieses nicht eintraf, entschloss er sich zur Flucht nach Bologna, die ihm durch seine guten Kontakte zum italienischen Fußballverband auch gelang. Mit Unterstützung des FIFA-Präsidenten Jules Rimet erlangte er 1939 eine Einreiseerlaubnis für Frankreich, wo er nach dem deutschen Einmarsch untertauchte. Sein Sohn wurde von der Gestapo verhört und »gehaut wie ein Tanzbär«, verriet aber nicht, wo sich der Vater aufhielt: »Ich hab das nie gewußt, so konnte ich auch keine Adresse weitergeben«. Kontakt mit der Familie in Wien stellten von Zeit zu Zeit Fußballer wie Hans Safarik her, der als Soldat in Frankreich Briefe in die »Ostmark« schmuggelte. Im Jahr 1944, so Franz Schwarz, wurde sein Vater gefasst und interniert. Doch ein unbekannter Helfer ermöglichte ihm die Flucht. Zu Fuß schlug er sich von der Kanalküste bis Paris durch.

»Von Ruhm und Glanz ist wenig über«

Im »Anschlussspiel« 1938 hatten mit dem »Papierenen« und dem »Bladen «, wie Matthias Sindelar und Karl Sesta (Szestak) im Volksmund genannt wurden, noch zwei Austrianer die Siegestore für »Deutschösterreich « geschossen. Der »Anschluss« bedeutete jedoch nicht nur das Ende des österreichischen Teams, sondern führte auch zum Zerfall der Mannschaft des Mitropacup-Siegers 1933 und 1936. Camillo Jerusalem und Karl Gall gingen nach Frankreich, letzterer starb nach seiner Rückkehr im Dienst der Deutschen Wehrmacht. Der spätere österreichische Teamchef Walter Nausch und Karl Geyer verließen mit ihren jüdischen Ehefrauen Wien.
Mit der Ablöse Haldenwangs im Herbst 1938 hatte sich die Lage im Verein zwar wieder etwas beruhigt, die Austria blieb allerdings bei den Machthabern unbeliebt und litt ab dem Kriegsbeginn 1939 insbesondere unter den Einberufungen von Spielern. In der »Gauliga« der Jahre 1939 bis 1944 dümpelte der zweifache österreichische Meister stets im Tabellenmittelfeld herum. Die letzte - nicht mehr gewertete - »Kriegsmeisterschaft « schloss die Austria gar auf dem vorletzten Rang ab. Auch im »Tschammer-Pokal« gab es für die Violetten, mit sieben Titeln Rekordhalter im Wiener-Cup, nichts zu holen.

Opfer Austria, Opfer Österreich

1945 kehrte Emanuel Schwarz nach Wien zurück. Der provisorische Vorstand der Austria, allen voran der langjährige Klubsekretär Egon Ulbrich, hatten ihrem »letzten ordnungsgemäss gewählten Präsidenten« einen Brief nach Paris gesandt, in dem sie der »Hoffnung Ausdruck« gaben, ihn »sehr bald in unserer Mitte persönlich begrüßen zu können«. Ab 1946 und bis 1955 übte Schwarz wieder das Amt des Austria-Präsidenten aus.
Der Opferstatus, den die Austria nach 1945 im Blick zurück zugesprochen bekam, hat angesichts der Vertreibung und des Exils von Funktionären und Spielern durchaus seine Berechtigung. Konfiszierungen und Benachteiligungen stand aber die »Täterseite« gegenüber. Diese kam, ebenso wie das Mitläufertum oder die Vereinnahmung von Austria-Idolen wie Sindelar und Sesta durch das NS-Regime, im späteren Geschichtsbild des Klubs kaum vor. Bei Austrianern wie SASturmbannführer Haldenwang oder dem SA-Mann Hans Mock, Spieler des Wunderteams und der »großdeutschen« WM-Auswahl, handelte es sich nicht um so genannte Märzveilchen, sondern um Illegale, die sich schon vor dem »Anschluss« für die NSDAP betätigt hatten.
Die Parallelen zwischen der Austria und dem Staat Österreich, dessen Umgang mit der NS-Vergangenheit jahrzehntelang nur von der eindimensionalen »Opferthese« bestimmt war, sind offenkundig. Der erfolgreichste Fußballverein der Zweiten Republik war in dieser Hinsicht also durchaus »typisch österreichisch«.

Die Autoren danken Franz und Thomas Schwarz sowie Matthias Marschik.

Referenzen:

Heft: 10
Rubrik: Spielfeld
ballesterer # 121

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