Nahe dran, eingeschränkte Sicht
Der Ordner am Eingang ist streng darauf bedacht, dass nicht mehr als eine Begleitperson mitkommt. Das ist einer der Nachteile der zumeist beneidenswert nahe an der Outlinie positionierten Rollstuhlplätze: Mit einer Gruppe von Freunden gemeinsam das Spiel zu verfolgen, ist nicht möglich.
Das Personal der Wiener Austria ist hilfsbereit, pünktlich zum Anpfiff sitzt Maria Grundner am Spielfeldrand hinter den Werbebanden. In der ersten Viertelstunde fallen zwei Tore für die Austria. Sprechchöre da, Choreographien dort, die Rollstuhlfahrerin ist begeistert. »Nur der Ordner steht ein bisserl im Weg«, ärgert sie sich über einen Aufpasser, der ihr Sichtfeld einschränkt. Auch ist ihr Platz etwas zu tief unten, als dass sie das Spielgeschehen gut überblicken könnte.
Besser sieht sie, was sich auf den Rängen abspielt: Raketen und Rauchbomben fliegen aus dem Austria-Sektor auf den Rasen, eine trifft Rapid-Tormann Payer. Dann Schlägereien auf der Osttribüne. Polizisten werfen Pyrotechnika zurück in den Sektor, Rapid-Fans zerlegen die Tribüne und werfen die Einzelteile auf die Ordnungshüter. »Schrecklich«, sagt Maria Grundner und schüttelt den Kopf.
Das Fußballinteresse der Salzburgerin geht auf den seinerzeitigen Höhenflug der dortigen Austria in UEFA-Cup und Champions League zurück. Jedes Spiel wurde aufgesogen, und als der Boom vorbei war, »hab ich mich weiter mit Fußball befasst«. Also: Regeln gelernt, Spiele im Fernsehen angeschaut meist internationale. Als echten Fan will sie sich aber nicht bezeichnen.
Ein blinder Fan sieht fern
Ganz anders Bruno Etzenberger vom Verein Blickkontakt. Trotz der 2:0-Pausenführung der Austria bleibt der blinde Rapid-Fan auf der Nordtribüne optimistisch. »Das wird wieder ein 2:2«, spielt der 55-Jährige auf den vorangegangenen Spieltag an. Da hatten die Veilchen eine 2:0-Führung gegen Wacker Tirol in der Schlussphase vergeigt.
Anpfiff zur zweiten Spielhälfte. Bruno Etzenberger dreht seinen mitgebrachten Minifernseher auf. Relativ zentral auf der Tribüne sitzt er günstig: Von links kommen die grünweißen Gesänge, rechts hat er die Austrianer im Ohr. »Die Zuschauer höre ich mehr als den Reporter«, meint der Sozialarbeiter und deutet auf das TV-Gerät, »überhaupt bei Thomas König. Der sagt ja nie viel, zu Hause schlafe ich manchmal ein, wenn der kommentiert. Bei Robert Seeger und Peter Elstner war das ganz anders. Und die Radioreportagen gibt es ja leider auch nicht mehr.«
Dass man im Horr-Stadion so nahe am Geschehen ist, gefällt Bruno Etzenberger. Ansonsten kann die Infrastruktur beim Wiener Derby nicht mit dem mithalten, was in anderen Profiligen üblich ist. Begeistert erzählt der Fan von seinem Ausflug zum Spiel Nürnberg gegen Leverkusen im November. Von speziellen Kopfhörern, über die die Kommentierung spezialisierter Reporter zu empfangen ist; oder von Leitlinien als Orientierungshilfe am Boden.
Barrieren beim Ticket-Verkauf
Erlebnisse wie jenes in der deutschen Bundesliga brachten den umtriebigen Aktivisten auf die Idee, eine Plattform ins Leben zu rufen, die sich für eine barrierefreie EURO 2008 einsetzt. So wurde Anfang des Jahres football 4 all ins Leben gerufen, ein Zusammenschluss österreichischer und schweizerischer Behindertenorganisationen. »An die zwanzig Plätze mit Kommentar für sehbehinderte Fans sollte es bei einem EM-Spiel schon geben«, konkretisiert Etzenberger eine der Forderungen. Der Weg dahin ist allerdings noch weit. Weder die Ausrüstung, noch extra ausgebildete Reporter gibt es derzeit in Österreich.
Erste Erfolge kann football 4 all aber schon vorweisen. Nach Gesprächen mit den Veranstaltern wurden EM-Karten für behinderte Zuschauer in der billigsten Kategorie aufgelegt, bei freiem Eintritt für eine Begleitperson. Dennoch tauchten Probleme beim Start des Kartenverkaufs auf. So gab es bei Bestellungen in der ersten Verkaufsphase im März ausschließlich die Kategorie Rollstuhlfahrer. Am Bestellformular fand sich keine Option für andere geh- oder sehbehinderte Interessenten. Die Ticket-Hotline verwies per Band lediglich auf die EURO 2008-Homepage die für blinde Benutzer nicht zugänglich ist. In der Folge wandten sich etliche Fans an die verschiedenen Behindertenorganisationen, die ihnen mangels Informationen der Veranstalter auch nicht weiter helfen konnten. Eine barrierefreie Website von football for all soll solche Informationen demnächst anbieten, damit auch blinde Fans selbstständig zu Karten kommen können.
Wie diese Anlaufschwierigkeiten zeigen, bedarf es intensiver Kommunikation zwischen dem Veranstalter und Behindertenorganisationen, um allen Fans den Zugang zu den Spielen zu ermöglichen. Deshalb laufen derzeit Gespräche zwischen football 4 all und EURO-Verantwortlichen wie Erich Weißkircher, der für bauliche Fragen zuständig ist.
ÖNORM-Standards, zum Beispiel die vorgesehenen 155 Rollstuhlplätze in einem 30.000er-Stadion, werden trotz intensiver Verhandlungen aus derzeitiger Sicht dennoch ein Wunschtraum bleiben. Das alte Happel-Stadion ist sowieso weit davon entfernt, aber selbst die neuen EM-Arenen wie jene in Salzburg werden dieses Ziel voraussichtlich deutlich verfehlen. Rechtlich bindend ist die ÖNORM nicht, wie die Ziviltechnikerin Maria Grundner erklärt.
Der blinde Rapid-Fan im Horr-Stadion hat im Moment andere Probleme. Grünweiß sieht wie der sichere Verlierer aus, zu allem Überdruss gibt die Batterie des Minifernsehers den Geist auf. »Macht nichts«, sagt Berufsoptimist Etzenberger, reißt den Kopfhörer aus dem Ohr und konzentriert sich auf das unmittelbare Geschehen im Stadion. Noch mehr als zuvor geht er mit den kollektiven Wellen von Begeisterung, Hoffnung, Angst, Entsetzen mit, schnappt Kommentare auf, fordert Torschüsse, klatscht mit 5.000 Gleichgesinnten die Rapid-Viertelstunde ein. Das scheint zu helfen, denn sieben Minuten später erzielt Josef Valachovic den Anschlusstreffer.
Dritte Halbzeit
Auch wenn es nichts mehr wird mit dem angekündigten 2:2, zeigt sich der Grünweiße beim Verlassen des Stadions zufrieden mit dem Fußballnachmittag. Sein erster Stadionbesuch in Österreich seit den 60er-Jahren, als er noch nicht vollständig erblindet war, ließ zumindest an Spannung nichts zu wünschen übrig.
Allein, der Nachmittag ist noch nicht zu Ende. Auf dem Weg zur Straßenbahn vernehmen Bruno Etzenbergers Ohren plötzlich ungewohnte Geräusche. Das Trampeln Dutzender Menschen im Vorbeilaufen, Schreie, hektische Anweisungen seiner Begleiterin. Mit Glück vermeiden die beiden, in Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Fans und der Polizei zu geraten. »Ein mulmiges Gefühl war das schon«, bekennt der Rapid-Fan nachher. Die Lust auf die EURO 2008 kann ihm der Zwischenfall aber nicht verderben.






erscheint am 12. Juli 2013.
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