Fliegende Gambier

MIGRATION Nach neun Monaten Schubhaft in Slowenien kamen Mitte August die letzten vier der im Vorjahr in Slowenien abgesprungenen gambischen Nationalspieler frei.
Kerstin Kellermann | 09.05.2008
Unerwartete Großzügigkeit der Behörden in Slowenien: Die restlichen vier gambischen Fußballspieler, die bereits im November 2005 um Asyl angesucht hatten, wurden aus dem »Lager für Ausländer« in Postojna entlassen. Zwei Spieler waren schon zuvor vom slowenischen Klub Domzale engagiert und aus der Schubhaft geholt worden. Das Wiener Straßenmagazin »Augustin« hatte berichtet, auch auf die gambische Botschaft in Wien war Druck ausgeübt worden. Zudem hatte sich die Organisation »Fairplay Fußball gegen Rassismus« für die eingesperrten Fußballer eingesetzt.
Im Rückspiel gegen Liberia hatte Gambia die Qualifikation für die WM in Deutschland verpasst. Trotzdem fuhren die Nationalspieler zu einem Vorbereitungscamp nach Rogla in Slowenien. Hier suchten einige von ihnen die Chance, in Europa zu bleiben.
»Die Gambier durften in der Schubhaft pro Tag nur eine halbe Stunde auf Betonboden Fußball spielen. Für Profifußballer ein Wahnsinn«, erzählt Darij Zadnikar. Professor Zadnikar von der Universität Ljubljana macht mit 50 anderen Aktivistinnen und Aktivisten Gefangenenbetreuung im »Zentrum für Ausländer« in Postojna. Neun Monate litten die Fußballer unter den schlechten Lebensbedingungen. »Bei den Befragungen wurde uns von Folter berichtet, schlimmer als in einem Gefängnis. In der Nacht wird angeblich alle 15 Minuten das Licht eingeschaltet und von den Wärtern gezählt, ob noch alle Flüchtlinge da sind«, behauptet Zadnikar. Nachdem im Essen Würmer gefunden wurden, organisierten die externen Betreuer einen Essensdienst der »Kooperation Eurest«.
»Die Fußballer wurden wie Kriminelle behandelt. So haben sie sich das sicher nicht vorgestellt. Die wollten wohl zur Weltmeisterschaft in Europa sein,« schmunzelt Zadnikar. Während man in Italien nur einen Monat in einem »detention camp« fest gehalten werden darf, sind es in Slowenien zwei Mal sechs Monate. Die Anfrage des slowenischen Präsidenten an den Innenminister, ob nicht  das »gelindere Mittel« (Aufenthalt in offener Betreuung) für die Fußballer besser geeignet wäre, wurde nicht beantwortet.
Die Aktivisten organisierten ein Freundschaftsspiel gegen Journalisten des Nachrichtenmagazins »Mladina«. Die Gambier erhielten dafür T-Shirts mit ihrer neuen Mannschaftsbezeichnung: »Flying Gambians«.
Es leben nicht besonders viele Afrikaner im heutigen Slowenien, obwohl sie im Sozialismus noch Studien-Stipendien erhielten. »Die Behörden wollen keine Schwarzen in der Stadt haben. Denn die Leute rufen die Polizei an, wenn sie irgendwo einen Afrikaner sichten.«, erklärt Darij Zadnikar. Der Professor organisiert gerade Schlafplätze und Sportkleidung für die frei gekommenen Ex-Nationalspieler.
Slowenische Klubs zeigen großes Interesse, die restlichen Kicker zu engagieren. Profis aus Gambia in europäischen Ligen sind auch keine Neuigkeit. So ist zum Beispiel der 26-jährige Edrissa Sonko seit sechs Jahren beim niederländischen Erstdivisonäre Roda Kerkrade unter Vertrag; Ebou Sillah hat Erfahrung in drei ersten Ligen Europas: Er spielte bei Rapids russischem UEFA-Cup-Gegner von 2004, Rubin Kasan, sowie beim FC Brugge und wechselte kürzlich von Roosendaal zum FC Brussels.

Referenzen:

Heft: 24
Rubrik: Spielfeld
ballesterer # 82

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