Fiesta Granate

ARGENTINIEN 1980 grundelte der Club Atlético Lanús in der dritten argentinischen Liga herum und stand kurz vor der Auflösung. 27 Jahre später fuhr »El Granate« mit dem Gewinn des Torneo Apertura den größten Erfolg seiner Geschichte ein.  Hintergründe zum Coup des Außenseiters.
Thomas Zsifkovits | 08.05.2008
Das Wunder ist möglich«, verkündet ein Fetzen auf dem Zaun des Auswärtssektors der Bombonera, des Heimstadions der Boca Juniors. Konkret hoffen die offiziell 3.000 dort hineingepferchten Fans von Atlético Lanús auf den ersten Meis­tertitel in der 93-jährigen Vereinsgeschichte. Um sich Sensationsaufsteiger Tigre, der zeitgleich gegen die Argentinos Juniors spielt, vom Leib zu halten, braucht es im letzten Spiel der Meisterschaft einen Punkt im Hexenkessel des Boca-Stadions.
Erst fünfmal in der Geschichte der argentinischen Liga haben sich zwei »kleine« Mannschaften den Titel untereinander ausgemacht. Klein bezieht sich dabei vor allem auf das Budget: Während Lanús über einen Jahresetat von zwei Millionen Euro verfügt, ließ sich Boca alleine den neuen Vertrag von Spielmacher Juan Román Riquelme bis 2010 das Fünffache kosten. Kluge Klubpolitik, ein ungewöhnlicher Trainer und konsequente Nachwuchsarbeit brachten Lanús in diese Position, während Boca in der Apertura schlussendlich mit Platz vier vorliebnehmen musste.
 

Ramón und die jungen Wilden


»Oy, oy, oy, es el equipo de Ramón«, singen die Lanús-Anhänger immer wieder, um ihren Trainer Ramón Cabrero hochleben zu lassen. Der heute 60-Jährige war in den 80ern von einem unterklassigen Verein gefeuert worden und verdiente seinen Lebensunterhalt daraufhin zehn Jahre lang mit dem Verkauf von Kinderbekleidung in Lanús. Erst 2005 bekam der zwischenzeitlich in der Nachwuchsabteilung tätige Coach seine Chance als Cheftrainer.
Ramón Cabrero lebt seit 50 Jahren in diesem im Süden des Capital Federal gelegenen Barrio, das vordergründig relativen Wohlstand aufweist. Acht Blocks trennen sein Haus vom Stadion. »Lanús ist mein Barrio, und ich wünsche mir diesen Titel für all die Leute aus der Nachbarschaft«, sagte Cabrero vor dem Ligafinale. Von den 26 von ihm im Laufe der Meisterschaft eingesetzten Spielern stammen 16 aus dem eigenen Nachwuchs. Alleine gegen Boca laufen sechs davon auf. Der Rest sind Routiniers, die schon seit einer halben Ewigkeit im Verein dienen. Einen Coup landete man mit der Verpflichtung des Stürmers José Sand, der zuvor in der halben Liga herumgereicht worden war. Lanús legte Anfang der Saison 1,5 Millionen Dollar für ihn aus viel für die Verhältnisse des Viertelklubs. Sand zahlte es mit 15 Toren in 16 Spielen zurück. Nun ist er das Zehnfache wert.
Mit Lauturo Acosta und Leonardo Sigali haben die Granatroten auch zwei U20-Weltmeister in ihren Reihen. Während Acosta die Nummer zehn trägt und als hängende Spitze einer der Schlüsselspieler ist, konnte sich Sigali keinen Stammplatz sichern. Dafür sorgen der Teenager Sebastián Blanco und der 21-jährige Diego Valeri für eine gefürchtete Flügelzange. Valeri gilt überhaupt als Spieler der Saison. Acosta und Blanco wurden mit nur einem Tag Unterschied geboren. Sie spielen für Lanús, seit sie acht Jahre alt sind. »Diese Erfahrung gemeinsam mit meinen Freunden zu machen, die mich ein ganzes Leben lang begleiteten, ist unbezahlbar«, meinte Acosta im Interview mit der Sporttageszeitung Olé. Der Altersschnitt von 24 Jahren wirkt noch sensationeller, wenn man weiß, dass erst vor Kurzem die Eigenbauspieler Rodrigo Archubi und Sebastián Leto an Olympiakos Piräus bzw. den FC Liverpool verkauft wurden Aderlässe in Richtung des finanzkräftigen Europa, denen der argentinische Fußball permanent ausgesetzt ist.

 

Gorosito sorgt für die Würze


2005 wurde die ehemalige Innsbruck-Legende Nestor »Pipo« Gorosito als Trainer von Lanús davongejagt. Seine Beziehung zum Ex-Klub ist seither nachhaltig gestört. Mit Aussagen wie »70 Prozent im Süden von Buenos Aires sind ohnehin Fans von Banfield« goss er im Vorfeld des letzten Spiels weiteres Öl ins Feuer. Ist doch der Club Atlético Banfield der Stolz des Nachbar-Barrios und Erzfeind von Lanús. Als Pipo hinzufügte, dass ihm ohnehin Tigre als Meister lieber wäre, war die Fehde perfekt. Vergaß er doch glatt, dass er am letzten Spieltag als zwischenzeitlicher Trainer der Argentinos Juniors noch gegen Tigre antreten musste.
Gorositos Aussagen riefen keinen Geringeren als Diego Maradona auf den Plan. Der oberste Argentinier gab ihm einen verbalen Verweis und meinte seinerseits, dass er sich Lanús als Meister wünsche, weil er sich dem Barrio verbunden fühle. Maradona war seinerzeit in der Poliklinik von Lanús auf die Welt gekommen. Diese befindet sich unweit von Villa Fiorito, jenem Elendsviertel, in dem er aufgewachsen war. Der Segen von höchster Stelle war somit gesichert.
60 Stunden bevor der Verkauf der 2.800 Karten für den Auswärtssektor begann, fanden sich die ersten sehnsüchtigen Lanús-Fans vor den Kassen ein. Mit Zelten, Klappsesseln und Planen für Notunterkünfte ausgestattet, harrten sie ganze zwei Nächte aus, um live dabei zu sein, wenn ihr sehnlichster Wunsch in Erfüllung gehen sollte. In dieser bald über zwei Blocks langen Schlange nisteten die unterschiedlichsten Träume. Allesamt hatten sie jedoch nur einen Ausgang: Lanús als Meister. »Verzeih mir, Juan«, diktierte ein Vater in die Notizblöcke der anwesenden Journalisten in Richtung seines Sohnes, »aber dieser Titel wäre für mich wie ein weiteres Kind.« Beim Verkauf der Tickets kam es unweigerlich zu jeder Menge Gedränge und Unregelmäßigkeiten. Viele gingen leer aus. Ein Kartenloser klagte seinen Frust in die Kamera: »Ich glaube, ich habe nicht einmal so viel geweint, als letztes Jahr mein Vater starb.«

Tränen, Freude und Spott für den Rivalen


Um seine dermaßen enttäuschten Fans zumindest etwas zu entschädigen, stellt Lanús für das Match gegen Boca kurzerhand eine riesige Leinwand ins eigene Stadion. Und es scheint, als wäre das gesamte Barrio gekommen, um diesen Moment miteinander zu teilen. Es herrscht feierliche, aber gedämpfte Stimmung. Man will nichts verschreien. Als das 1:0 für Lanús fällt, springt Boca-Fan Maradona in seiner VIP-Loge auf, schlägt mit der Faust gegen sein Herz und wirft dem Torschützen José Sand Kusshände zu. Eine absurde Situation, die in ganz Argentinien wohl nur »El Diez« nachgesehen wird.
Als der 1:1-Endstand feststeht, brechen alle Dämme. Der Titel ist fixiert, die 0:1-Niederlage von Tigre gegen Argentinos Nebensache. In der Bombonera wankt Ramón Cabrero vor seiner Bank herum, beide Hände verdecken das tränengebadete Gesicht. Auch vor der Leinwand sind sie nicht mehr zu halten. Ein kollektives In-den-Armen-Liegen ist die einzige Antwort auf dieses historische Großereignis. »Das ist für meinen Vater. Er kam vor 50 Jahren hierher und starb im letzten Jahr, ohne Lanús jemals Meister werden zu sehen«, bricht es tränenreich aus einer nicht mehr allzu jungen Señora hervor.
Die Mannschaft will sich unterdessen im Boca-Stadion mit dem erkämpften Pokal auf die obligatorische Ehrenrunde begeben. Ein Unterfangen, das durch einen Wurfgeschoßhagel von allen Tribünen unterbunden wird. Der Teamarzt des neuen Meisters erleidet sogar eine Schnittwunde. Das würdevolle Verlieren und die Anerkennung des siegreichen Gegners gehören eben nicht zu den Tugenden des argentinischen Fußballfans. Die Ehrenrunde wird im eigenen Stadion nachgeholt, wo sich mittlerweile das halbe Barrio eingefunden hat.
Den Sieg vollends zu genießen heißt in Argentinien unweigerlich auch, seinen Erzfeind lächerlich zu machen. In diesem Fall ist dies Banfield, das weiterhin ohne Titel dasteht. Bereits wenige Minuten nach dem Triumph schallt der gesangliche Spott von Lanús in Richtung des Nachbarklubs, der eigentlich auch eine sehr erfolgreiche Meisterschaft gespielt hat. Der dritte Tabellenrang kann die Verbitterung der Banfield-Fans über den großen Coup der in ihren Augen Verdammten aber nicht lindern. Am nächsten Tag prasselt der Hohn voll auf sie nieder: Im Internet zirkuliert die »Virgen de Títulos«, die Titeljungfrau. Neben zwei real existierenden Heiligkeiten haben Lanús-Fans diese neue Gesegnete ins Gewand von Banfield gehüllt.

Referenzen:

Heft: 32
Rubrik: Spielfeld
ballesterer # 82

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Der nächste ballesterer fm erscheint am 12. Juli 2013.

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