Falscher Sieger im Freistilringen

Brasilien schickt das B-Team zur Copa America und gewinnt trotzdem. Allerdings unverdient. Der ballestererfm hat mitgelitten.
Peter Ruch | 01.09.2004
Spätestens seit der Leistung des Ecuadorianers Byron Moreno bei der vergangenen WM, als er die Italiener verpfiff und Südkorea den Sieg schenkte, weiß man um die oft eigenwilligen Regelinterpretationen mancher lateinamerikanischer Schiedsrichter. Doch was die Männer in Schwarz (oder Leuchtorange) bei der Copa America, dem mit seiner 88-jährigen Geschichte traditionsreichsten aller großen Fußball-Länderturniere, zusammenpfiffen, das war der Gipfel der Inkompetenz.
In 26 Spielen verteilten die dreizehn Verwirrten 110 Karten. Der grottenolmblinde Mexikaner Marco Rodriguez kam in drei Spielen auf die satte Zahl von 19 Gelben. Dass die Pfeifenmänner ihre Spiele deshalb besser im Griff gehabt hätten, ist allerdings ein Trugschluss: Selten noch wurde bei einem Turnier derart übel zugelangt wie in Peru. Im Strafraum wurde zumeist im Freistil gerungen, ein Paraguayer empfahl sich mit einer geflogenen Grätsche in Weichteile und Gesicht des Brasilianers Diego für die Bruce-Lee-Gedenkmedaille, Diego revanchierte sich mit einem erstklassigen Ellbogen-Unterarmschlag auf das Näschen des Kontrahenten. Der Bayern-Peruaner Pizarro verließ das Spielfeld mit angebrochener Schädeldecke, Luizâo fasste im Finale eine Gehirnerschütterung aus, stolperte noch eine halbe Stunde weiter über das Feld und legte sich erst nach einem zweiten Zusammenstoß endgültig darnieder.
Der legendäre Moreno hätte gut zur völlig indisponierten Schiri-Truppe gepasst, doch die Pfeife darf ja nicht mehr, nachdem er in einem Spiel der ecuadorianischen Meisterschaft zwölf Minuten hatte nachspielen lassen, bis die ihm passende Mannschaft endlich das Siegestor schoss.

 

Auferstehung eines Totgeglaubten

 

Auch im Finale zwischen Brasilien und Argentinien spielte die Nachspielzeit die entscheidende Rolle. Kily Gonzalez hatte Argentinien in der 20. Minute nach einem gerechtfertigten Elfmeter in Führung gebracht. Doch in der Nachspielzeit der ersten Hälfte erzielte der schon am Kopf angeschlagene Luizâo per Ebendiesem den Ausgleich. In der 87. Minute ging Argentinien wieder in Führung, diesmal durch Delgado.
Alles schien klar, die brasilianische Legende Falcao sinnierte als Fernsehkommentator über den Tod und lobte die Argentinier, die klar besser und torgefährlicher gewesen seien als seine Landsleute. In der 90. Minute durfte der beste Argentinier, Carlito Tevez, noch einmal einen Freistoß knapp außerhalb der Strafraumgrenze treten: Zwei Dinger hatte er aus ähnlichen Positionen in vorangegangen Spielen schon wunderbar reingehauen. Doch dieses Mal hieb er den Ball daneben. Weil alle schon ziemlich gereizt und nervös waren und Tevez die Stimmung mit dummen Mätzchen noch anheizte, kam es im Anschluss an diesen Freistoß zu Rangeleien und trotz Sprachbarriere unmissverständlichen Worten. Diese Situation gab den Brasilianern, die den Spielverlauf vorher kaum beeinflussen hatten können, einen Ruck. Vehement suchten sie jetzt den Ausgleich. Irgendwie kam der Ball in der 93. Minute zum Inter-Mailand-Rambo Adriano, der zog das Leder mit links an, machte eine Körperdrehung und haute es unhaltbar in die linke Ecke. Falcao fehlten nach der schon erfolgten Leichenrede vorerst einmal die Worte, und der Schiri war dermaßen verwirrt, dass er vergaß, das Spiel abzupfeifen.
Im direkt folgenden Elfmeterschießen in Lateinamerika werden keine Verlängerungen gespielt avancierte der auch sonst überzeugende Keeper Luis Cesar wie schon im Halbfinale gegen Uruguay zum Matchwinner. Er hielt gleich den ersten Elfer des Wolfsburger Andres DAlessandro, und weil Heinze den zweiten argentinischen Elfmeter in die Wolken über Lima schickte, vier Canarinhos (Adriano, Edu, Diego, Juan) aber locker trafen, war Brasilien plötzlich Copa America-Meister. Dabei waren die Gauchos über das gesamte Spiel gesehen nicht eine, sondern manchmal drei Klassen besser gewesen. Sie hatten konzentriert gespielt, clever die Breite des Spielfelds genutzt, Tevez seine Mitspieler immer wieder mit feinen, überraschenden Pässen in die Tiefe des Raums geschickt was die Brasilianer noch und noch ins Schwimmen, Rudern und Hinterherschlagen brachte. Hätte Luis Cesar keine so solide Partie gespielt, hätte Saviola, nach drei ganz trockenen Treffern gegen Ecuador, nicht verletzt auf der Tribüne sitzen müssen, hätte der schwache Rosales auch nur eine seiner vielen Hundertprozentigen gemacht, dann... Hätte der Hund nicht geschissen, dann hätte er den Hasen erwischt.

 

Überraschungen und Memmenfußball

 

Dass Brasilien den Pot mit nach Hause nehmen konnte, kam eher überraschend. Trainerlegende Parreira und Teammanager Zagallo reisten mit einem B-Team an, verzichteten auf die Superstars Ronaldo, Ronaldinho, Kaka, Cafu und Roberto Carlos. Doch die Gelben kamen immer besser ins Spiel, je länger das Turnier andauerte. Sturmtank Adriano schoss sieben Tore in sechs Matches, Luis Cesar könnte Dida den Platz im Tor streitig machen, Juan dürfte sich in die erste Mannschaft gespielt haben. Von überschäumender Spielfreude war allerdings nicht viel zu sehen, Parreiras System lässt den Spielern nicht viel Freiheit, dafür wird hinten kräftig geholzt.
Ganz anders Argentinien. Das erste Spiel gegen Ecuador gewann die Gauchos locker 6:1, dann folgte ein dummer Taucher samt unnötiger Niederlage gegen Mexiko mit 0:1, schließlich wurden im letzten Gruppenspiel die Uruguayer 4:2 vom Platz gefegt. Im Viertelfinale gewannen die Argentinier einigermaßen locker gegen Gastgeber Peru mit 1:0, und im Halbfinale setzten Tevez & Co. den Hoffnungen von Titelverteidiger Kolumbien mit einem sehenswerten 3:0 ein deutliches Ende.
Die Kolumbianer hatten bis dahin eine beeindruckende Leistung gezeigt und mit einer soliden Defensive alle Spiele gewonnen. Argentinien deckte aber die offensiven Schwächen der Gelbblauen gnadenlos auf; der Gaucho-Keeper Abbondanzieri wurde nicht ein einziges Mal ernsthaft belästigt. Dafür schickte der schwache Schiri den Valencianer Ayala für zwei fiktive Fouls frühzeitig in die Kabine. Geschickt, aber wohl eher in die Wüste, wird wohl bald auch Trainer Bielsa: Der Mann macht zwar alles richtig, hat ein feines Team zur Verfügung, aber er gewinnt einfach nix.

 

Neue Hoffnung für Uruguay

 

Überraschend gut hielten sich auch die Urus. Längst nicht mehr die fiesen Säbler von einst, hatte sich das Team um Abwehrgenie Montero im Vorfeld heftig mit dem eigenen Verband gestritten und die Teilnahme erst im letzten Moment zugesagt. Im Viertelfinale spielten sie ihr bestes Spiel gegen Paraguay, da Silva von Sevilla schoss zwei sehenswerte Tore und schlug danach je einen Salto. Im Halbfinale beherrschten die Uruguayer Brasilien fast nach Belieben, erreichten aber nur ein 1:1 und mussten nach dem Penaltyschießen mit dem kleinen Finale vorlieb nehmen. Das gewann Uruguay gegen Kolumbien und tankte damit wohl wieder Hoffnung für die bisher völlig verunglückte WM-Quali, wo die Mannschaft in ihrer Gruppe nach drei Niederlagen hintereinander auf dem drittletzten Platz liegt.
Die größten Enttäuschungen boten die Mannschaften von Chile und Mexiko. Chile musste schon nach der Vorrunde wieder nach Hause reisen, konnte aber als Entschuldigung anbringen, von drei sagenhaft schlechten Schiedsrichterleistungen betroffen gewesen zu sein. Mexiko belegte nach der Vorrunde zwar noch den ersten Gruppenrang (und das immerhin gegen Argentinien und Uruguay), doch die Jungs aus Aztekistan boten ihren üblichen Memmenfußball: technisch zwar hochstehend, aber völlig ideen- und kraftlos. Im Viertelfinale mussten die Mexen, bei denen das enfant terrible Cuathemoc Blanco wegen einer Sperre nach einer wüsten Schlägerei fehlte, gegen die Brasilianer mit einem 0:4 eine ihrer schlimmsten Niederlagen seit Jahren einstecken. Doch es war nicht zu übersehen, dass das Team von de la Volpe in einer tiefen Sinnkrise steckt und der Barcelonese Marquez mehr mit seiner Frisur denn mit dem Fußballspielen beschäftigt ist.

Referenzen:

Heft: 14
Rubrik: Spielfeld
ballesterer # 82

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Der nächste ballesterer fm erscheint am 12. Juli 2013.

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