"Es geht ans Eingemachte"

cache/images/article_2269_img_9377_140.jpg Die Vienna kämpft nicht nur gegen den Abstieg aus dem Profifußball, sondern ums Überleben. Das wissen auch die Fans. Sie haben einen Dachverband gegründet und wollen dem Verein helfen - wenn er sie denn lässt.
Moritz Ablinger | 10.04.2014

Auf den ersten Blick geht bei der Vienna alles seinen gewohnten Gang. Die Stimmung auf der Hohen Warte bei der Partie gegen Liefering ist gut, der Fanblock voll. Nach Abpfiff verlassen die Döblinger allerdings bereits zum neunten Mal in Serie den Platz nicht als Sieger, der Abstand auf den Relegationsrang neun wird immer größer. Sieben Punkte sind es zehn Runden vor Saisonschluss der Ersten Liga geworden - und doch hat die Vienna im Moment größere Sorgen. Mehr als 570.000 Euro Minus habe Österreichs ältester Fußballverein im Geschäftsjahr 2012/13 erwirtschaftet, berichtete das Internetportal 90minuten.at am 20. Februar unter Berufung auf den Kreditschutzverband von 1870. Das negative Eigenkapital habe sich damit auf mehr als eine Million Euro erhöht.

Döblinger Gründerzeit
Auch wenn Vienna-Präsident Herbert Dvoracek betont, in der Zwischenzeit Schulden abgebaut zu haben, wollen die Fans diesen Entwicklungen nicht tatenlos zusehen. Seit Sommer 2013 trifft sich die aktive Fanszene deswegen zu regelmäßigen Gesprächsrunden. Mitte Februar wurden die "First Vienna Football Club 1894 Supporters" ins Leben gerufen, ein Dachverband für alle Anhänger und Fanklubs. "Jeder weiß, dass es ans Eingemachte geht. Sonst wären auch nicht so viele Leute zu unseren Treffen gekommen", sagt Alexander Fontó, Obmann der Fanvereinigung. Waren es bei den ersten Zusammenkünften im Spätsommer nur zehn, kamen beim letzten im März mehr als 30. Thomas Tesar, der Ende der 1980er Jahre den Fanklub "Döblinger Kojoten" mitgegründet hat, war einer von ihnen. "Es gibt heute eine viel größere Notwendigkeit, sich in den Gremien des Vereins zu engagieren als früher", sagt er.


Die Fans wissen über die finanzielle Situation ihres Vereins kaum mehr, als in den Medien berichtet wird. Aus dem Präsidium dringt selten etwas nach außen. "Die Informationslage ist sehr schlecht, genau kann die wirtschaftliche Lage niemand einschätzen", sagt Rosa vom Fanklub "Antifa Döbling". Selbst der Termin für die nächste Generalversammlung blieb lange im Dunkeln, laut Präsidium soll es im Mai so weit sein, ein genauer Termin wurde aber noch nicht kommuniziert. Bis dahin wollen die im Dachverband organisierten Anhänger dem Vorstand erste Ideen zur Fan- und Mitgliederbetreuung präsentieren. "Wir wollen dem Präsidium vermitteln, dass an vielen Stellen Handlungsbedarf besteht", sagt Fontó. "Um Posten geht es uns dabei nicht. Wir verlangen lediglich, dass wir ernstgenommen werden."


Doch zuletzt hatte sich die institutionelle Einbindung der Fans verringert. Mit Teammanager und Presse-chef Niko Ostermann und Vizepräsident Christian Tesar legten seit Jahresbeginn bereits zwei Funktionäre ihre Ämter nieder, die selbst aus der Fanszene stammen. Die Beziehung zwischen Fanszene und Präsidium verschlechterte sich weiter.

Studienreise nach Manchester
Um in Zukunft wieder mehr Gehör beim Verein zu finden, wollen die "Supporters" zunächst innerhalb der Kurve für eine bessere Kommunikation sorgen. Ein geeintes Auftreten nach außen ist das Ziel - bislang keine Selbstverständlichkeit in der aktiven Fanszene. "Wenn in letzter Zeit in der Kurve etwas vorangegangen ist, dann ist es von den ,Vienna Wanderers' ausgegangen", sagt Fontó, selbst führendes Mitglied in diesem Fanklub. "Aber es gibt sehr viele Leute in unserem Block, die kaum oder gar nicht organisiert sind, für die wollen wir mit dem Dachverband eine Anlaufstelle und Plattform schaffen."


Unterstützung erhielten die neu gegründeten "Vienna Supporters" von der "Koordination Fanarbeit Österreich", die bei der Initiative FairPlay angesiedelt ist. Der Leiter der Koordinationsstelle, Thomas Gaßler, hat einschlägige Erfahrung auf dem Gebiet, er hat bereits in Innsbruck einen Fandachverband mitaufgebaut. "Die Arbeit von Gaßler war extrem wichtig", sagt Fontó. "Für unsere Treffen haben wir die Räumlichkeiten von FairPlay nutzen können. Das macht schon einen anderen Eindruck, als wenn du dich in Hinterzimmern von irgendwelchen Gasthäusern triffst." Zudem ermöglichte FairPlay einer Delegation von Vienna-Fans im März eine Reise nach Manchester, wo sie die Verantwortlichen des Fanvereins FC United of Manchester traf. Neben zwei Matchbesuchen stand ein ausführlicher Lokalaugenschein beim englischen Siebtligisten im Mittelpunkt der Reise. Als Investor Malcolm Glazer 2005 Manchester United übernommen hatte, wandte sich ein Teil der Fans von ihrem Klub ab und gründete einen eigenen Verein mit demokratischen Strukturen. "Was United of Manchester macht, kommt meiner Idealvorstellung eines Vereins sehr nahe", sagt Gaßler, der die Vienna-Fans nach England begleitete. "Die Einbindung der Mitglieder und die Arbeitsteilung zwischen haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern funktionieren wahnsinnig gut."


Auf dem Reiseprogramm stand auch eine Vorstellung der Nachbarschaftsprojekte, an denen sich der FC United beteiligt. Seit der Gründung sei der Verein extrem gut in seinen Stadtteil eingebunden und biete neben einer Nachwuchsabteilung auch Erwachsenenbildung und Programme für alleinstehende ältere Menschen an, erzählt Gaßler. Im Sommer wird ein eigenes Stadion eröffnet - teilfinanziert durch die Stadtverwaltung. "Die Verantwortlichen wissen, was sie an dem Verein haben, der Stadionbau ist nur eine Folge davon", sagt Gaßler. "Das zeigt aber auch, wie sich die Arbeit in der Community für einen Verein auszahlen kann."

Hohe Warte, große Sorge
Welche Konzepte aus dem englischen Nordwesten in Wien-Döbling umsetzbar sind, darüber möchte die Fandelegation in den nächsten Wochen mit den restlichen Anhängern diskutieren. Dabei geht es auch um die Zukunft des Stadions. Sollte der Verein aus der Ersten Liga absteigen, droht das Aus für die Hohe Warte. Vereins-präsident Dvoracek wälzte in den vergangenen Jahren stets neue Pläne für das einst größte Stadion Kontinentaleuropas - von der Errichtung einer Skisprungschanze bis zu einer Mitnutzung durch eine internationale Eliteschule. Währenddessen zog sich die Schlinge immer enger. Die Erhaltungskosten für das 1921 eröffnete Stadion liegen bei 500.000 Euro im Jahr, das 66.000 Quadratmeter große Areal befindet sich in attraktiver Lage im noblen 19. Wiener Gemeindebezirk. "Die Vereinsführung hat es leider verabsäumt, sich geeignete Verbündete zu suchen", sagt Fontó. "Wir haben Angst, dass uns die Stadt im Falle eines Abstiegs das Stadion abnimmt." Dabei spielt die "HoWa" für die Identifikation der Fans mit dem Verein eine große Rolle. "Früher wäre ein Abstieg für mich das Schlimmste gewesen, inzwischen sehe ich das nicht mehr ganz so drastisch", sagt Rosa von der "Antifa Döbling". "Aber nur, solange wir auch weiterhin auf der Hohen Warte spielen könnten."

 

Noch schlimmer wäre für die Fans nur der Konkurs. Dass die Gründung eines Fanvereins in einer niedrigeren Spielklasse in diesem Worst Case Szenario eine Option wäre, verheimlichen die "Supporters" nicht. Viel mehr wollen sie dazu aber nicht sagen, erst Anfang April haben sie sich auf einer eigenen Generalversammlung konstituiert. Die zarten Pflänzchen der Zusammenarbeit mit der Vereinsführung sollen nicht gefährdet werden, schließlich hoffen die Fans auf den Fortbestand des Vereins. Und so hören sich auch die ausgegebenen Ziele bescheiden an. Im nächsten Jahr will der Dachverband einen eigenen Raum für Besprechungen und die Vorbereitung von Choreografien gefunden haben. Schon im Herbst steht eine andere Bewährungsprobe an: "Da geht unsere ehrenamtliche Fanbetreuerin in Pension, und wir wollen dem Verein einen Vorschlag machen, wer ihr nachfolgen soll", sagt "Supporters"-Obmann Fontó. Mit dem Fandachverband im Rücken erhofft er sich größere Chance, solche Anliegen beim Präsidium durchzusetzen. "Darüber hinaus wollen wir den Vereinsspitzen aber auch klarmachen, dass es uns nicht egal ist, wenn der Verein in die Pleite getrieben wird."

Referenzen:

Heft: 91
Rubrik: Fansektor
Verein: First Vienna FC
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