Entführt vom Stadtrivalen

ZÜRICH Die Rivalität zwischen den Anhängern des FC Zürich und der Grasshoppers ist bekannt. Anfang des Jahres kam es zu einer Eskalation: Auf einen offensichtlich geplanten Überfall folgte eine versuchte Entführung. Ein Konflikt, in dem auch die Polizei über die Stränge schlug.

Romina Lenzlinger | 12.05.2008
Es war kurz vor sieben Uhr, als sich die Kantonspolizei an einem Jännermorgen den ersten FC-Zürich-Fan holte und in die Zelle steckte. Tags darauf klickten zweimal die Handschellen, wenig später wurden weitere drei Fans verhaftet einer an seinem Arbeitsplatz, vor den Augen seines Lehrmeisters. Am Ende saßen sechs Fans des Schweizer Meisters hinter Gittern. Die Vorwürfe: Hausfriedensbruch, Körperverletzung, Sachbeschädigung, Freiheitsberaubung.

Im November vergangenen Jahres war rund ein Dutzend vermummter FCZ-Fans in die Wohnung eines Anhängers des Stadtrivalen Grasshoppers eingebrochen. Mit einem Schal von Juventus Turin verbanden sie ihm die Augen. Er sei dabei immer wieder mit Fäusten geschlagen worden, sobald er sich gewehrt habe, gab der GC-Fan später zu Protokoll. Waffen waren bei der Aktion nicht im Spiel. Schließlich zerrten die FCZler den GC-Fan in ein Fahrzeug und zwangen ihn, sie an den Ort zu führen, an dem er und seine Kollegen mehrere gestohlene FCZ-Utensilien versteckt hielten.

Keine 24 Stunden zuvor hatten GC-Anhänger Fahnen, Wimpel und Schals aus einem FCZ-Lokal gestohlen, darunter eine historische Zaunfahne, der die Zürich-Fans eine starke symbolische Bedeutung beimessen. Angeblich hatten die Grasshoppers in den Monaten zuvor ihrerseits Opfer zahlreicher Übergriffe die FCZ-Fans über mehrere Tage beschattet, um herauszufinden, wo diese ihre Fanutensilien lagerten.

 

Die Polizei greift durch


Die Entführung nahm für die Zürich-Fans eine unerwartete Wende. Während sie im Auto saßen, alarmierte ein Nachbar des GC-Fans die Polizei. Er hatte die Aktion beobachtet. Die Polizei rief den entführten GC-Fan auf seinem Handy an, das er immer noch bei sich trug. Als die FCZ-Fans realisierten, dass die Polizei ihnen auf den Fersen war, bekamen sie es mit der Angst zu tun und ließen den GC-Anhänger laufen.

Die Ermittlungen verliefen zunächst schleppend. Da alle FCZler vermummt waren, konnte der GC-Fan keine Angaben über seine Entführer machen. Die Polizei schlug erst zwei Monate später zu. Unter dem Vorwand der »Verdunkelungsgefahr« hielt die Behörde die Inhaftierten teilweise über 14 Tage fest. Weder die Eltern der Gefangenen noch deren Anwälte waren über den Haftverlauf im Bild. Die Untersuchungsrichter verwehrten den Rechtsbeiständen die Akteneinsicht und den Eltern das Besuchsrecht.

Mit diesem Vorgehen stieß die Polizei auf massive Kritik. Selbst Strafrechtsprofessoren sahen die angebliche Verdunkelungsgefahr zwei Monate nach der Entführung als nicht mehr gegeben an. Und ein fehlendes Geständnis ist noch kein Haftgrund, auch dann nicht, wenn die Verdächtigen die Namen der mutmaßlichen Mittäter nicht herausrückten. Der Vorwurf der Beugehaft wurde laut.

Nach über zwei Wochen setzte die Polizei alle Inhaftierten auf freien Fuß und ermittelt seither gegen insgesamt 14 Fans des FC Zürich. Fans beider Seiten glauben, dass mit der Aktion Härte demonstriert werden sollte, um vor der Euro 2008 weitere Verhaftungen zu legitimieren. Dass die Fanfehde über den Lausbubenstreich hinausging, hatten die Fanoberen des FC Zürich längst erkannt und deshalb kurz nach der Tat den Kontakt zu den GC-Anhängern gesucht. Man habe sich einigen können, ließen sie verlauten. Dieser aus dem Ruder gelaufene Konflikt scheint also beigelegt, doch die Rivalität lebt weiter.

Referenzen:

Heft: 33
ballesterer # 82

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Der nächste ballesterer fm erscheint am 12. Juli 2013.

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