Die Stars von YouTube

POLEN In der zweiten Runde des diesjährigen UI-Cups scheiterte Legia Warschau nicht am Gegner Vetra Vilnius, sondern am Gewaltpotenzial seiner Hooligans. Das Hinspiel in Litauen musste nach Ausschreitungen in der Pause abgebrochen werden. Ein unrühmlicher Höhepunkt für eine Entwicklung, der immer engere Grenzen gesetzt werden.


Andreas Kump | 13.05.2008
Anders als in Litauen blieb den polnischen Hooligans in Deutschland der große Showdown versagt. Der Fußballsommer vor einem Jahr wurde entgegen monatelanger Ankündigungen und Befürchtungen weder zur »Hooligan-Schlacht um WM-Vorherrschaft« (Der Spiegel) noch eröffnete sich die »polnische Front« (FAZ) in bundesdeutschen Fußgängerzonen. Zwar blieben die erwarteten Krawalle von und mit polnischen Hooligans während der WM 2006 nicht ganz aus. So gab es etwa in Dortmund vor dem Gruppenspiel Deutschland gegen Polen laut Medienberichten immerhin 429 Festnahmen, waren rund um diese Partie offenbar »mehrere Tausend Polizisten« nötig, um eine Eskalation größeren Stils präventiv zu unterbinden. Gemessen an den im Vorfeld via Medien sowie einschlägigen Foren verkündeten Drohungen, galten die Konfrontationen im Ruhrpott aber selbst für Polizisten als »keine übermäßige Sache«.

»Während der Weltmeisterschaft in Deutschland auf Fights aus zu sein, wäre für polnische Hooligans eine Art Selbstmordaktion gewesen, erklärt Krzysztof Gosz. »Die Polizei war perfekt vorbereitet, Strafen wurden akkurat angewandt und die Hooligans haben gar nicht daran gedacht, sich dem auszusetzen. Abgesehen davon wurde an der Grenze schon abgefangen, wer auch nur ein Lonsdale-Sweatshirt trug.«

Krzysztof Gosz, 26, ist heute Wirtschaftsberater in Danzig. Vor dieser Tätigkeit hat er an der Danziger Universität Soziologie studiert. Das Thema seiner Diplomarbeit aus dem Jahr 2005 lautet: »Die Welt der Hooligans in Polen in ihrer eigenen Wahrnehmung« (Übersetzung Marcin Dobrowolski), wofür er unter anderem ausführliche Interviews mit Hooligans der Vereine Lechia Gdansk und Arka Gdynia führte. Goszs Interesse an den erlebnisorientierten Jungs geht auf Beobachtungen bei seinem örtlichen Stammverein aus der dritten Liga zurück und hat ihn mit veranlasst, sich überhaupt an das Soziologiestudium zu wagen. Seither ließ ihn das Thema nicht mehr los auch zwei Jahre nach Ende seines Studiums verfolgt er die aktuellen Entwicklungen rund um den polnischen Hooliganismus sehr genau.


Wie vom Stamme Jean-Claude Van Damme


Damit ist Gosz nicht alleine. Die polnische Ekstraklasa und ihre Publikumsfolklore werden speziell im deutschsprachigen Raum seit einigen Jahren genauestens verfolgt. Ob über die Website goalgate.de, das Fanzine »Der Grenzgänger« oder Dutzende Amateur-Clips auf dem Videoportal Youtube. In erster Linie geschieht das vermutlich nicht wegen der Spielklasse der Ekstraklasa, sondern wegen dem, was abseits des Spielfelds in vielen Stadien Polens passiert.

Wer die zahlreichen auf Youtube hochgeladenen Miniaturvideos betrachtet, dem wird die Polen-Paranoia vor der letzten WM nachvollziehbar. Man wird mit übelsten Schlägereien konfrontiert, ausgeführt von hochtrainierten Kerlen, die in ihrem Erscheinungsbild rein gar nichts mehr mit den Codes und Stilen ihrer westeuropäischen Vorgänger gemein haben. Auf die Seiten der mittlerweile verblichenen Stylebibel The Face hätten es diese Boxer im Gegensatz zu ihren englischen Kollegen aus den 1980ern nie gebracht, in Kampfsportmagazine hingegen mit größter Selbstverständlichkeit. Die Clips auf Youtube zeigen Gruppenbilder martialischer Männervereine, uniformes, militärisches Aussehen; Jean-Claude Van Damme-Klone noch und nöcher, dazu immer wieder Sequenzen mit arrangierten Kämpfen abseits der Stadien und Anleihen aus amerikanischen HipHop-Videos. Darstellungen und Inszenierungen, bei denen klar wird, dass die bis dato üblichen Erklärungsmodelle für Krawalle hier nicht greifen.

 

Der Oberarzt als Hooligan


An Erklärungen hat sich daher auch Krzysztof Gosz in seiner schon erwähnten Diplomarbeit versucht. »Die Mehrheit der Hooligans trainiert Kampfsportarten oder macht Bodybuilding. Manche von ihnen werden nur wegen ihrer Kampfkunst in die Gruppen hineingezogen, oft interessieren sie sich gar nicht für Fußball«, bestätigt Gosz und erwähnt die damit zusammenhängende »Tendenz, Alkohol zu meiden, da er zu Reaktionsverlangsamung und Schwächung der Kampfkraft führt«. Über die Zusammensetzung der hermetisch geschlossenen Gruppen lässt sich hingegen nichts Generelles sagen. Während die polnische Presse den Hooliganismus als ein Unterschichtsphänomen behandelt, hat der Soziologe im Rahmen seiner Interviews herausgefunden, dass sich bei den Hooligans unter anderem »Manager, Lehrer, Unternehmer, Studenten, Sicherheitskräfte, Arbeiter und Arbeitslose« einfinden. Beim Krakauer Verein Cracovia würde sogar ein Oberarzt unter den Gewalttätern mitmischen, wie Gosz eine Quelle zitiert. Und dass sich sämtliche der Befragten als gläubige, wenn auch nicht praktizierende Katholiken bezeichneten, darf in einem Land, wo Auswärtsfahrten jahrzehntelang mit Messebesuchen verbunden waren, ebenfalls nicht verwundern.

Ein Sonderstatus gebührt den Städten Krakau und Warschau. In beiden Fällen existieren starke Rivalitäten zwischen lokalen Gruppierungen. In Krakau sind das die Hooligans der Vereine Wisla und Cracovia, in Warschau jene von Legia und Polonia. Längst wurden dort die Konflikte in den Alltag übertragen. »Krankenhausreife Prügel« und der Gebrauch »scharfer Waffen« sind keine Seltenheit, im Jahr 2004 starben in Krakau drei Menschen auf Grund dieser Konflikte. Nicht anders das Bild in der Hauptstadt: »In Warschau kam es zu einer kompletten Durchmischung der kriminellen Welt mit der Welt der Hooligans«, schreibt Gosz. Mit nahezu bizarren Auswirkungen auf Fanrivalitäten: »Fans werden von der Straße entführt und in den Wald gefahren, wo sie zusammengeschlagen werden«.

Trotz solcher Einschätzungen spiegelt das gewalttätige Auftreten der Legia Warschau-Ultras in Vilnius keineswegs die Entwicklung im polnischen Fußball wider. Auch wenn es in der abgelaufenen Saison der Ekstraklasa vereinzelt zu Ausschreitungen und Spielunterbrechungen kam, werden die Chaostage in Polen weniger. Im Interview mit dem ballestererfm führt Gosz dies auf das Zusammenwirken vieler Faktoren hin. Zum einen sei die wachsende Popularität der Ultrà-Bewegung dafür verantwortlich. Gerade nachwachsende Kräfte würden ihre Energie lieber aufwändigen Choreografien widmen, anstatt sich zu prügeln. »Die Zeiten haben sich geändert. Früher wollten die Polen in Europa als Hooligans berühmt sein, jetzt geht es eher darum, die besten Choreografien zu organisieren«, sagt Gosz. Parallel dazu scheinen auch die Modernisierung der Stadien in der Ekstraklasa sowie effektivere Polizeimaßnahmen und Gesetze Wirkung zu zeigen. Den Wendepunkt der Gewaltwelle markierte ein Zwischenfall 2003 in Wroclaw, bei dem ein Fan erstochen wurde und es in der Folge zu Verhaftungen von 150 Personen kam. Ein weiterer Faktor lautet schlicht: Emigration. Im Zuge des EU-Beitritts zogen viele junge Polen in alle Ecken Europas, darunter auch aktive Hooligans. Mit dem Nebeneffekt, dass länderübergreifende Freundschaften und Kooperationen entstanden, etwa zwischen Legia Warschau und Juventus Turin, und heute kaum noch Hooligans das polnische Nationalteam bei Auswärtsspielen begleiten. Ein Trend, der allerdings nicht für die einzelnen Vereine gilt. Ebenso sind die früher so häufig gefilmten Kämpfe auf der Blutwiese zurückgegangen.

Diese Entwicklung mit dem Zuschlag an Polen für die Ausrichtung der EM 2012 (gemeinsam mit der Ukraine) in Verbindung zu bringen, erscheint vermessen. Mit Sicherheit wird jedoch die Vorbereitung dieses Sportevents in den nächsten Jahren die eine oder andere präventive Maßnahme nach sich ziehen. Besonders jetzt, da die Legia-Hooligans dem Land eine internationale Bühne beschert haben, die es so nicht gesucht hatte.        

Referenzen:

Heft: 29
ballesterer # 120

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