Die Schule der Niederlagen

cache/images/article_1821_schmidt-de_140.jpg »Hamlet oder Happel?« Diese und ähnliche Sinnfragen stellte sich der Germanist Wendelin Schmidt-Dengler, wenn er seine Leidenschaft für den Fußball mit jener für die Literatur verknüpfte. Vier Jahre nach seinem Tod erscheint Ende März ein Sammelband mit seinen wichtigsten Fußballtexten.
Helmut Neundlinger, Wendelin Schmidt-Dengler | 23.03.2012
Kurz nach seinem Tod widerfuhr dem Wiener Germanisten Wendelin Schmidt-Dengler am 18. September 2008 eine Ehre, die Männern seines Faches kaum zu teilwird: Der SK Rapid würdigte den bekennenden Grün-Weißen vor dem Bundesliga-Spiel gegen Ried im Hanappi-Stadion mit einer Schweigeminute. Schmidt-Dengler hatte aus seiner Fußballleidenschaft schon kein Hehl gemacht, als das in Intellektuellenkreisen noch als unschick galt. Ab 1998 wagte er sich über die publizistischen Grenzen seiner Zunft hinaus und verfasste regelmäßig Kolumnen, Kommentare und Essays zum Thema Fußball und Literatur.

 

Schmidt-Denglers Texte erzählen von einer lebenslangen Leidenschaft. »Fußball ist für mich primär Sprache«, schreibt er und benennt damit sein Bindeglied zwischen Profession und Passion. Der Germanist kommentiert das Spiel, wie er es zuvor an zahllosen Romanen, Gedichten und Theaterstücken erprobt hat, und nimmt die hohlen Phrasen des Fußballjargons aufs Korn. Sprache und Ereignis begegnen sich in einem tragikomischen Zweikampf: »Hamlet oder Happel?«, lautet die Frage, die sich Schmidt-Dengler stellt. Und im Zweifelsfall tendiert er meist zu Letzterem.

Ödipales Aufbegehren
Ich gebe gerne zu, dass für mich, in meinen jungen Jahren, eines der Hauptmotive meines Interesses für Fußball doch die Sehnsucht war, dazuzugehören, nicht draußen zu stehen, sondern einer von denen drinnen zu sein. Meine familiäre Disposition für den Fußballfan war denkbar ungünstig. Selbst spielte ich nicht gut, eher verbissen Fußball, mein Vater verachtete den Fußball, war mehr auf meine humanistische Ausbildung bedacht und drillte mich in der deutschen und lateinischen Grammatik und schleppte mich am Sonntag ins Kunsthistorische Museum. Ganz offen gestanden, bin ich ihm heute noch dankbar, dass er dies tat und seine Erziehungsarbeit nicht auf die Mitnahme auf den Fußballplatz und anschließend in das Wirtshaus zu den endlosen Diskussionen über das Menschsein im Zigarettenqualm und Bierdunst beschränkte. Nein, meine Entdeckung des Fußballs war ein ödipales Aufbegehren gegen die väterliche Autorität, es war das Andere, es war das Feld, auf dem ich mich autodidaktisch bewähren konnte, die Möglichkeit, eine secret knowledge jenseits dessen zu erwerben, was in der Schule gefordert wurde.

 

Natürlich schloss ich mich sofort dem Sportklub Rapid an, er glänzte damals, hatte Arsenal London mit 6:1 vom Platz gefegt und hatte mit Hanappi und Happel zwei Weltklassespieler und mit Walter Zeman einen Tormann, der ein legendäres 1:0 in Glasgow gegen Schottland gerettet hatte und in Budapest die damals beherrschenden Ungarn bei einem 1:1 zur Verzweiflung brachte, wie es in den Sportberichten hieß. Bei den Interviews im Radio fiel mir bereits auf, dass sie in ihrer Ausdrucksweise alle etwas unter meiner Sprachkapazität lagen. Ich war damals zwischen zehn und zwölf Jahren, und mich beeindruckte diese seltsame Art der Wortlosigkeit, diese sublime Form der Aphasie, die offenkundig ahnen ließ, dass die Menschheit in zwei Teile zerfiele, in solche, die über das Wort verfügten, und in solche, die ihr Leben außerverbal besser bewältigen konnten als die Wortkünstler.

Gebrochener Alltag
Es ist möglich, die Aggressionen zu kanalisieren, ihnen eine Bahn zu verschaffen, ohne allzu großen Schaden anzurichten. Daher halte ich es nur für eine snobistische Überheblichkeit, über den Rapid-Anhang die Nase zu rümpfen, ihn, wie das immer wieder geschah, faschistoider Tendenzen zu zeihen. In der Tat haben zeitweilig Rechtsradikale dort ihr Gedankengut nicht ganz ohne Erfolg zu verbreiten versucht, aber irgendwie sind sie damit in eine ideologisch bereits gesättigte Atmosphäre eingedrungen, denn das hat etwas von Parteizugehörigkeit. Im Wesentlichen lässt sich sagen, dass die Fußball-Ideologie die Parteiideologie überwölbt und immer noch verschiedene Weltanschauungen doch auf dem Fußballplatz nebeneinander bestehen können. Wichtiger aber erscheint mir noch etwas anderes: Wir identifizieren uns mit den Spielern, die da unten herumrennen, und das ist wie im Theater. Was die Spieler da unten mitmachen, das machen wir in unserem Alltag auch dauernd und in mehrfacher Brechung mit. Wir erleben uns sowohl als Individuum wie auch als Team, und das Fußballspiel verbindet auf eine idealtypische Weise die Einzelleistung mit der des Teams, besser als in jeder anderen Sportart wird dieses Ineinander hier anschaulich: Es macht anschaulich, was Leistung und Ausdauer bedeuten, es macht anschaulich, was Glück und Zufall bedeuten.

Wer will schon siegen?
Das Entscheidende am Fußball scheint mir zu sein, dass er die Vertreter-Rolle übernehmen kann, dass er für etwas stehen kann, dass er (und ich weiß, dass das wesentlich nur für die Männer zutrifft) ein unerhört großes Identifikationsangebot bereithält, dem nicht so bald etwas anderes gewachsen ist. Er vertritt uns, vor allem durch die Niederlagen. Wir müssen lernen, mit den Niederlagen zu leben, und diese Schule der Niederlage ist eine der wichtigsten Lebensschulungen, und es gibt kein Terrain, auf dem man dies so anschaulich lernen könnte wie auf dem Fußballplatz. Und wir Österreicher haben auch in unserer politischen Geschichte diese Schule der Niederlagen durchgemacht; seit Napoleon eigentlich keine größere Schlacht gewonnen, und im Fußball verhält es sich auch allmählich so. Wer will schon siegen?, kann man fragen, Überstehen ist alles. Und Hand aufs Herz, wie sympathisch sind diese Österreicher, die da in den Cup-Runden kaum weiterkommen?; doch viel sympathischer als diese sieggewohnten Bayern-Löwen.


Das österreichische Schicksal
Das berühmteste Spiel, das die österreichische Nationalmannschaft je durchgefochten hatte, war eine Niederlage: das 3:4 in Stamford Bridge gegen England 1934 (eigentlich 1932, Anm.), wo die englische Presse die österreichische Mannschaft als die eindeutig bessere anpries. Es ist dies das Musterbeispiel für den glorious defeat, die glorreiche Niederlage, so wie bei den Thermopylen, auf dem Amselfeld oder in Alamo. Aber auch die Niederlage Deutschlands im Finale der Weltmeisterschaft 1966 mit 2:4, wo den Deutschen ein rechtmäßiges Tor aberkannt wurde, oder der 2:1-Sieg Deutschlands über die Niederlande 1974 hat die Unterlegenen in einem besseren Licht dastehen lassen als die Sieger.


Am 15. April 1954 notiert Doderer in seinem Tagebuch: »Die Österreicher haben kürzlich ein Länderwettspiel im Fußball abgeführt, bei welchem sich erwies, daß die gefürchtete ungarische Elf Österreich nicht zu schlagen vermochte. Man spielte 2 mal 45 Minuten unentschieden. Aber schließlich schossen die Österreicher durch das Pech eines ihrer prominentesten Spieler sich selbst ein Tor, ein Eigen-Goal, wie man auch sagt. Und so gingen denn die Ungarn als nicht eben rühmliche Sieger vom Platze. Das ist österreichisches Schicksal. Und gewiß bin ich in diesem Sinne ein giltiger Repraesentant meines schönen und liebenswürdigen Vaterlandes, denn das entscheidende Tor hab ich mir selbst geschossen: nie die Anderen.« Der legendäre Torschütze war niemand anderer als Ernst Happel, der mit einem wuchtigen Schuss den eigenen Tormann testen wollte. Warum, wird man, da Happel nun tot ist, nie so genau wissen.

 

Zum Buch:

Wendelin Schmidt-Dengler: »Hamlet oder Happel. Eine Passion« herausgegeben von Helmut Neundlinger (Klever-Verlag, 2012)

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