Wenn das Team Great Britain am 20. Juli in Middlesbrough gegen Brasilien sein einziges Testspiel vor den Olympischen Spielen bestreitet, kann man von einem historischen Ereignis sprechen. Denn seit 1960 in Rom hat keine britische Mannschaft an einem olympischen Fußballturnier teilgenommen. Genauso lange gab es auch kein gesamtbritisches Fußballteam mehr.
Schottland ohne Appetit
Teamchef Stuart Pearce hatte bei der Auswahl seiner Spieler nicht nur eine sportliche Aufgabe zu lösen, er sollte auch ein in sich zerstrittenes Königreich wieder näher zusammenrücken lassen. Geglückt ist das wohl nicht: Der Kader muss nicht nur ohne Englands EM-Kicker auskommen, schwerer wiegt der Verzicht auf Spieler aus Schottland und Nordirland. Dafür stehen entgegen manchen Erwartungen fünf Waliser in Pearces Aufgebot. Der allerdings will gar keine Nationen mehr kennen: »Um ehrlich zu sein, ich weiß gar nicht, wie viele Spieler aus England oder Wales kommen. Die 18 Spieler sind jetzt alles Olympioniken, und ich betrachte sie ausschließlich als solche.«
Der schottischen FA wird Pearces Entscheidung nur recht sein, hatte deren Vorstandsvorsitzender Stewart Regan doch zuletzt versichert, dass Fans und Spieler »absolut keinen Appetit« auf Olympia hätten. Selbst eine offizielle Bestätigung von FIFA-Präsident Joseph Blatter, dass eine Teilnahme den autonomen Status der Landesverbände nicht beeinträchtigen würde, konnte Schottland nicht umstimmen. Sogar ein Eröffnungsspiel im Glasgower Hampden Park wollte das britische olympische Komitee den traditionell antibritischen Schotten schenken, doch auch dieser Vorschlag war für sie nicht von Interesse.
Becks nur Fan
Aus der langen Abwesenheitsliste von Team Great Britain sticht ein Name hervor: David Beckham. Londons Olympiabotschafter hat schon vor Jahren erklärt, 2012 in seiner Heimatstadt unbedingt dabei sein zu wollen. Immerhin durfte der 37-Jährige bei der Bewerbung noch als Galionsfigur dienen für Stuart Pearce war der ins Alter gekommene Beckham aber nicht mehr gut genug für einen der drei Ü23-Plätze. Beckham gab sich diplomatisch: »Natürlich bin ich sehr enttäuscht, aber ich werde der größte Fan des Teams sein. Ich hoffe, dass sie Gold gewinnen.«
Dabei hätte es im Team ein kitschig-schönes Wiedersehen mit Ryan Giggs geben können: 20 Jahren nach ihrem ersten gemeinsamen Spiel für Manchester United wäre Olympia für eine Ehrenrunde kurz vor dem Karriereende gerade richtig gekommen. Pearce vergab die zwei weiteren Seniorenkarten jedoch an Giggs Landsmann Craig Bellamy und Micah Richards von Manchester City. Für Giggs und Bellamy werden die Olympischen Spiele das erste und einzige große internationale Turnier ihrer Karriere sein. Ein weiterer Waliser kann aus anderen Gründen nicht dabei sein: Gareth Bale von Tottenham Hotspur musste drei Tage vor Kaderbekanntgabe absagen, ihn plagen Rückenprobleme. Der Flügelflitzer hätte eine echte Integrationsfigur des Teams werden können: Er machte sich schon vor einem Jahr für eine gemeinsame Mannschaft des Vereinigten Königreichs stark und posierte zu Werbezwecken im Shirt des Team Great Britain. So bleibt der Eindruck, Stuart Pearce habe seine sportliche Aufgabe als Teamchef vielleicht befriedigend gelöst, am Ende aber eine Mannschaft nominiert, die an der symbolischen Vereinigung des Königreichs scheitern muss.






erscheint am 12. Juli 2013.
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