Die braunen Eminenzen

cache/images/article_1992_spruchband_bremen-foto-sc_140.jpg In Deutschland ist die rechtsextreme Szene erstarkt. Auch im Fußball besitzen rechte Hooligans im Stadion noch das Gewaltmonopol und weisen neue linke Gruppen in die Schranken. Derweil kämpfen die deutschen Ultras um ihre Fankultur, die klare Abgrenzung nach rechts fällt dabei unter den Tisch.
Nicole Selmer | 11.12.2012

Wiederholte Angriffe von rechten Fans auf eine antirassistische Ultra-Gruppe in Aachen. Ein Transparent auf der Dortmunder Südtribüne, das Solidarität mit einer soeben verbotenen lokalen Neonazi-Organisation proklamiert. Rassistische Parolen und ein Hitlergruß aus dem Duisburger Fanblock. Eine 80-seitige Broschüre, die Verbindungen der Braunschweiger Fanszene zu rechtsradikalen Gruppen samt Attacken auf politische Gegner in Stadion und Stadt beschreibt. Diese Meldungen erschütterten in den vergangenen Monaten bei Fans und Funktionären die Selbstgewissheit, im deutschen Bundesliga-Fußball gehöre die Allianz aus Gewalt, offenem Rassismus und organisiertem Rechtsextremismus der Vergangenheit an oder sei lediglich ein ostdeutsches Problem.

Rechte Offensive
»Es war ein Irrtum, zu glauben, dass der Rechtsextremismus dank besserer Überwachung aus den Stadien verschwunden sei. Es hat immer wieder Vorfälle gegeben«, sagt Patrick Gorschlüter, Sprecher des »Bündnisses aktiver Fußballfans« (BAFF), das sich seit 1993 gegen Rassismus und Diskriminierung im Fußball engagiert. »In den letzten ein, zwei Jahren sind die Rechten allerdings deutlich offensiver geworden.« Auch der Politikwissenschaftler und Fanforscher Jonas Gabler spricht von einem gefühlten Rollback. In den Jahren zuvor habe es eine andere Tendenz gegeben, sagt er. Ultras, die sich als unpolitisch verstehen, hätten rassistische Gesänge auf den Tribünen unterbunden, andere Ultra-Gruppen sogar auf Transparenten klar Stellung gegen Diskriminierung bezogen.

Angst in Aachen
Hinter der rechten Präsenz im Stadion und dem Umgang damit steht ein Gewaltproblem. Das Einschreiten gegen rassistische Parolen oder die Anwesenheit von organisierten Rechten unterbleibt auch aus schlichter Angst. Denn das Gewaltmonopol der Kurve liegt häufig nicht bei den Ultras, sondern bei den braunen Eminenzen: den Hooligans der 1980er Jahre. Rechte Gruppen wie die »Borussenfront«, die »Division Duisburg« und die »Standarte Bremen« melden sich nur scheinbar zurück. In Wirklichkeit sind sie nie ganz weg gewesen. Stadionverbote oder ein bürgerliches Leben mögen Althooligans vom regelmäßigen Stadionbesuch abhalten, für besondere Anlässe lassen sie sich dennoch weiter mobilisieren.


Im Dortmunder Westfalenstadion sind Kleidung und Utensilien mit dem Aufdruck »Borussenfront« seit dieser Saison verboten. Aber es gibt längst Nachwuchs: Die »Northside«, die ebenso wie die Ultras der »Desperados« nach Meinung von Polizei und Szenekennern enge Verbindungen in die lokale rechte Szene hat. Die bei »The Unity« organisierten Dortmunder Ultras mögen zahlenmäßig überlegen sein, kräftemäßig sind sie es nicht. Hinzu kommt: Die aktuell vielerort schwelenden Konflikte werden meist nicht im Stadion ausgetragen. Es ist zu Angriffen auf der Straße, in Fanprojekträumen und zu sogenannten Hausbesuchen gekommen. »Die Gewalt, auch die zwischen Fans, hat sich bis in die nichtöffentlichen Räume verlagert«, sagt Gabler. »Das macht es für die Betroffenen viel brisanter.«


Die größte Dramatik haben die Konflikte in Aachen erreicht, wo die Ultras der »Karlsbande« gemeinsam mit Hooligans etwa vom »Westwall« die antirassistischen »Aachen Ultras« bedrohen. Aktuell boykottiert die »Karlsbande« das Stadion, dort ist es für die »Aachen Ultras« friedlich. Im Rest der Stadt nicht, Anzeigen bei der Polizei bleiben dennoch oft aus. Patrick Gorschlüter sagt: »Es gibt das szenetypische Misstrauen gegenüber der Polizei, aber auch die Angst, dass durch eine Anzeige Namen und Adressen in Umlauf kommen und die Gefahr noch weiter wächst.« In Aachen scheint die Situation vollends verfahren. Der Großteil des Publikums samt Präsidium hat andere Sorgen als den Schutz der Ultras in Stadt und Stadion, der Verein hat im November Insolvenz angemeldet.

Neue Linke
Auch wenn das Beispiel Aachen in seiner Schärfe einzigartig ist, die Dynamik ist es nicht: Die deutsche Ultra-Szene hat sich nach den ersten zehn Jahren des Bestehens vieler großer Gruppen ausdifferenziert. Dabei ist es nicht nur in Aachen, sondern auch in Städten wie Braunschweig, Duisburg, Fürth, Köln und Münster zu Spaltungen gekommen. Prozesse, die nicht nur, aber teils auch politische Hintergründe haben. »Es sind Gruppen entstanden, die sich stärker politisch und nicht nur fanpolitisch engagieren«, sagt BAFF-Sprecher Gorschlüter. Das Engagement kann ein antirassistisches Bekenntnis im Stadion sein oder Veranstaltungen zu Themen wie Antiziganismus und Homophobie.


Derartige Positionierungen sorgen nicht nur schnell für Reaktionen rechter Platzhirsche, sondern sind für die Gruppen auch eine interne Gratwanderung, wie man in Duisburg zu Beginn der Saison beobachten konnte. Dort sind Ultras der »Kohorte« seit längerem im Arbeitskreis »Ultras gegen Rassismus« aktiv. Im Interview mit Blickfang Ultra berichtete ein Mitglied der Gruppe, dass man sich uneins gewesen sei, ob ein antirassistisches Statement auch in die Kurve getragen werden sollte oder ein kurvenübergreifender Support wichtiger ist, der nicht nach politischen Standpunkten fragt. Die gruppeninterne Debatte zog auch außerhalb Kreise. Ein langjähriger Duisburg-Fan, der anonym bleiben will, sagt: »Nach diesen Diskussionen hatte der politisch rechte Teil der Fans wohl Sorge um den Ruf des MSV Duisburg und das Standing in der Kurve. Sie haben gedacht, sie müssten sich mal wieder deutlicher positionieren.« Der Höhepunkt war der Auftritt beim DFB-Pokalspiel in Halle: Althooligans zeigten Hitlergrüße, pöbelten gegen die »Kohorte« und riefen antisemitische Parolen. »Das ist nach hinten losgegangen, auch die Normalo-Fans haben sich an diesen Aktionen gestört«, sagt der MSV-Fan. In »Zick, zack, Zigeunerpack«-Rufe fallen bei weitem nicht alle ein, das offensive Unterbinden durch die Fans würde den kurveninternen Frieden jedoch stören.

Radikalisierung unter Druck
So wie in Duisburg ist beim Thema Politik fast jede Fankurve sorgfältig austariert, kaum eine Veränderung bleibt ohne Reaktion. Zusätzlich stehen die Gruppen unter Druck von außen. Politiker haben den Fußball als Abenteuerspielplatz für immer neue restriktive Forderungen entdeckt, das Verhältnis zwischen Fangruppen und Verbänden ist am Gefrierpunkt. Und das hat Folgen, sagt Jonas Gabler: »Die Selbstreflexion der Ultras über das eigene Gewaltverständnis hat umso mehr abgenommen, je stärker die öffentliche Debatte um Fangewalt geführt worden ist.« Nicht massive Gewalttaten oder Rechtsextremismus stehen im Fokus dieser Debatte, sondern Platzstürme und Pyrotechnik. »Das hat zu einer Radikalisierung geführt«, sagt Gabler. »Es hat diejenigen gestärkt, die sagen: Wir können machen, was wir wollen, wir werden ohnehin abgestempelt.«


Die aktuellen Proteste gegen die geplanten Sicherheitsmaßnahmen der Deutschen Fußball Liga sind auf den szeneübergreifenden Zusammenhalt angewiesen. An den letzten Spieltagen des Jahres wird in den Stadien zu Beginn für zwölf Minuten geschwiegen. Ein derartiger Massenprotest scheint ohne eine Allianz mit nach rechts offenen Gruppen nicht umsetzbar. Nach außen dringen diese Differenzen nur selten, etwa in einem knappen Statement von »Ultra Sankt Pauli«: »Obgleich wir so unsere Problemchen mit einigen Gruppen und Akteuren haben, möchten wir dem Protest daher nicht im Weg stehen, indem wir die gewollte Stille zerstören.« Offen verhandelt werden diese Problemchen nicht, schließlich geht es um die großen Probleme: die Zukunft der deutschen Fankultur.


Die Fankultur wird durch die Bindungskraft von Verein, Stadt oder Gruppe zusammengehalten. Auch über große politische Differenzen hinweg kann man sich als »Wir Borussen, Alemannen, Eintrachtler« miteinander arrangieren. Dieses Wir-Gefühl ist eine der größten Stärken der Fankultur und eine ihrer größten Schwächen. BAFF-Sprecher Gorschlüter sagt: »Eine Fangruppe, die sagt: Wir akzeptieren jeden, kommt erst einmal besser an als eine, die Woche für Woche gegen etwas protestiert und sagt Wir sind Ultras und haben keinen Bock auf Nazis.«

 

Foto: schwatzgelb.de


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Referenzen:

Heft: 78
Rubrik: Fansektor
ballesterer # 117

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