Der vergessene Propagandist

GESCHICHTE Das publizistische Multitalent Leo Schidrowitz schrieb einst das Standardwerk zur österreichischen Fußballgeschichte. Der ballestererfm begab sich auf seine Spuren.
1951 erschien im Welser Traunau-Verlag ein Buch, das bis heute den Blick auf die ersten 50 Jahre des österreichischen Fußballs nachhaltig prägt, gerade  jenen auf den Fußball in der NS-Zeit. Mit der Sachkenntnis eines offensichtlichen Insiders schildert der Autor, Leo Schidrowitz, in seiner »Geschichte des Fußballsportes in Österreich« die Entwicklung der Verbände, Vereine und Auswahlteams von den Urzeiten bis zum Wiederaufbau nach 1945. Und so wie sich Schidrowitz, was die Urzeit des Fußballs betrifft, an Willy Schmiegers »Der Fußball in Österreich« von 1925 orientierte, haben sich seither viele ÖFB-Chronisten an Schidrowitz angelehnt, oft auch nur von ihm abgeschrieben. Wer aber war dieser Autor?

 

Chronist

 

Die »Geschichte des Fußballsportes« gibt selbst wichtige Hinweise: Schidrowitz war kein Wissenschaftler, kommt doch sein Buch ohne jede Quellenangabe aus. Er war auch nicht Journalist, dazu ist das Buch zu strukturiert und chronologisch aufgebaut, mit Statistiken und Tabellen versehen. Vielmehr müssen wir ihn uns als Chronisten vorstellen, der rund um Daten und (Jahres-)Zahlen die Geschichte und »Gschichten« des Fußballs gruppiert.
Dabei geht er durchaus mit selektivem Blick vor. Etwa, wenn er die Geschichte des Fußballs aus Wiener Sicht beschreibt und die Entwicklungen in den Kronländern ebenso nur streift wie jene im übrigen Österreich. Zudem erweist sich Schidrowitz als Vertreter des Spitzensportes: Der Profifußball nimmt einen Großteil des Raumes ein, und Spiele gegen auswärtige Teams (von Länderspielen über den Mitropacup bis hin zu Tourneen) werden weit prominenter besprochen als die Geschehnisse der Meisterschaft; der Arbeiterfußball ist ihm nicht einmal eine Zeile Wert. Drittens erweist sich Schidrowitz als Funktionär, handelt er doch die Geschichte des Verbandes in mehreren Kapiteln ausführlichst ab. Und viertens kann er sportliche Antipathien kaum verbergen, so fehlt etwa in den ansonsten detaillierten Vereinsbiografien jene der Hakoah, immerhin erster Profimeister Österreichs. Das wäre eine Randnotiz, hätten diese Sichtweisen nicht über Jahrzehnte (und zum Teil bis heute) den Blick auf Österreichs Fußball maßgeblich geprägt.

 

Multitalent

 

Leo Schidrowitz war ein Schreiber mit vielen Talenten. Damit war er gerade für den Wiener Fußball der Zwischenkriegszeit nicht untypisch. Erstmals auf sich aufmerksam machte der 1894 in Wien geborene Autor während des Ersten Weltkrieges: Er ist Theaterkritiker des »Wiener Mittagblattes« und publiziert in der Zeitschrift »Die Ernte« Erbauungsliteratur für die Soldaten an der Front. Nach 1918 wird er Redakteur der Programmzeitschrift des »Deutschen Volkstheaters« und schreibt nebstbei Theaterkritiken und Literaturrezensionen.
Mitte der 1920er-Jahre beginnt Schidrowitz gleich zwei Karrieren als Buchautor, zum einen eine germanistische mit Büchern wie »Der unbegabte Goethe«, zum anderen eine sexualwissenschaftliche. In enger Zusammenarbeit mit dem »Wiener Institut für Sexualforschung« und seinen berühmten Mitarbeitern Magnus Hirschfeld oder Wilhelm Reich gibt Schidrowitz eine zehnbändige »Sittengeschichte der Kulturwelt«, sowie weitere Bücher, etwa »Der lasterhafte Herr Biedermeier«, heraus. Innerhalb weniger Jahre gründet er für die Publikation seiner Bücher fünf verschiedene Verlage.
Zur gleichen Zeit wird Schidrowitz auch im Fußball aktiv. 1923 wird er in den Vorstand von Rapid gewählt und Herausgeber der klub-eigenen Zeitschrift. Daneben gibt er ein Journal namens »Das Urteil« heraus, in dem er sich kritisch mit dem lokalen Sportgeschehen auseinander setzt. Bald betätigt er sich auch im Wiener Fußball-Verband als Funktionär. 1937 übernimmt er die Chefredaktion der ÖFB-Wochenzeitung »Fußball-Sonntag«.
Dann folgt ein Bruch: Der »Anschluss« im März 1938 war für den Juden Schidrowitz, der enge Verwandte im Nationalsozialismus verlieren sollte, ein eindeutiges Zeichen zur Flucht. Ziel war Porto Alegre in Brasilien. Auch dort blieb er, der sich nun Leo Jerônimo Schidrowitz nannte, publizistisch tätig. Bereits 1940 taucht er als Mitherausgeber eines Werkes zum 200. Jahrestag der Stadtgründung auf.
Seine Rückkehr nach Wien dürfte 1949 auf Einladung des ÖFB-Präsidenten Josef Gerö erfolgt sein, der ihm den Posten des »Propagandareferenten« des Fußball-Bundes anbot. In dieser Eigenschaft stürzte sich Schidrowitz abermals in rege Schreibtätigkeit. Neben der neuen ÖFB-Zeitung verfasste er eine Vielzahl von Büchern, außer der Fußballgeschichte auch etliche ÖFB-Jahrbücher und Werke etwa zum Sport in Niederösterreich. Eine enorme Textproduktion, die erst durch seinen frühen Tod 1956 beendet wurde.

 

Blick auf die NS-Zeit

 

Leo Schidrowitz hat nicht zuletzt den Blick auf den Wiener Fußball unter der nationalsozialistischen Herrschaft wesentlich mitbestimmt. Seine Fußballgeschichte wurde in vielerlei Hinsicht zum Vorbild späterer Darstellungen, vor allem was Elemente einer impliziten Opfer- und Widerstandserzählung betrifft. So endet die Chronologie im Buch  1938 mit den Worten »Finis Austriae« und setzt erst wieder mit dem Jahr 1945 fort. Die nationalsozialistische Ära wird stattdessen am Seitenrand in Kolumnenform abgehandelt. Kontinuitäten werden allerdings im Klubfußball geschildert, wo auch die Statistik der österreichischen Meisterschaften durch die Zäsur 1938 bzw. 1945 nicht beeinflusst wird.
Aufgelistet werden sportliche Daten und Ereignisse, die in manchen Nebensätzen in einen oft nur angedeuteten politischen Kontext gesetzt werden. So beginnt das »tragische Zwischenspiel« 1938-45 mit einem Satz zum Ende der Hakoah, berichtet u.a. von der zwischenzeitlichen Umbenennung der Wiener Austria in »Ostmark« oder der Abschaffung des Berufsfußballs, um danach wieder eine Reihe von Spielergebnissen anzuführen. Beschrieben wird auch die Einflussnahme des Regimes auf den gewohnten Ablauf des Fußballs. In der Schilderung von sportlichen Ereignissen ist dabei eine implizite Abgrenzung des Wiener Fußballs von jenem des »Altreichs« spürbar. Berichtet wird von den großen Erfolgen der Wiener Klubs, aber auch von jenen der hiesigen Spieler im großdeutschen Nationalteam. Gleichzeitig wird in mancher Episode eine tendenzielle Benachteiligung des österreichischen Fußballs angedeutet.
In Hinblick auf Opfer und Täter erscheint meist der Fußball selber als Opfer der politischen Verhältnisse. Vereine werden behindert, der Krieg stört den Spielbetrieb und einzelne Spieler geraten in Konflikt mit der Obrigkeit. Matthias Sindelars »tragisches Hinscheiden« im Jänner 1939 wird allerdings nicht explizit in diesen Zusammenhang gestellt: »23. Jänner: Matthias Sindelar plötzlich gestorben (Selbstmord?)«, heißt es da. Auf Täterseite werden auch einige österreichische NS-Fußballfunktionäre erwähnt. Allgemein dominiert aber ein Blick, der die »Tragik« der Ereignisse betont. In der »Trauerbotschaft« zu verstorbenen Funktionären stehen z.B. der ehemalige jüdische Verbandspräsident Ignaz Abeles, »der 1944 im Altersheim der Kultusgemeinde die Augen schloß«, neben dem NS-Parteigänger Oberlandesgerichtsrat Richard Eberstaller, »der 1945 durch Selbstmord endete«.
Schidrowitz selber wurde  vom ÖFB nach seinem Ableben 1956 ausführlich gewürdigt. Doch so einflussreich seine Fußballchronik war, so vergessen ist der Autor heute. Das sagt einiges über die Geschichtsvergessenheit des heimischen Fußballs aus. Die Ära der feuilletongeschulten und über den sportlichen Tellerrand blickenden Fußballpublizisten war in Österreich mit seinem Tod jedenfalls vorerst vorbei.

Referenzen:

Heft: 26
Rubrik: Kunstrasen
ballesterer # 96

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Der nächste ballesterer fm erscheint am 11.11.2014.

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