Der sentimentale Capo

NEAPEL Unweit des Stadions San Paolo im Viertel Loggetta haben die Brüder Cannavaro ihre ersten Bälle getreten. Auch die älteste neapolitanische Ultrà-Gruppe ist dort beheimatet.Ultras-1972-Capo Enzo Busiello über die Kurve, seinen Gefängnisaufenthalt und die unmögliche Auferstehung von Napoli.


Jakob Rosenberg | 12.05.2008
ballestererfm: Ultras sprechen derzeit ja nicht viel mit den Medien. Umso mehr freut uns deine Gesprächsbereitschaft.

Enzo Busiello: Ich bin immer dafür eingetreten, die Welt der Ultras bekanntzumachen. Wenn du zurückgezogen bleibst, können dich die Menschen von außen nie verstehen. Sie sehen dich dann nur als Verbrecher, Ignoranten oder Nichtstuer. Ich bin aber der Überzeugung, dass die Ultras feste Werte haben. Ultrà ist man sieben Tage die Woche. Es reicht nicht, wenn ich nur am Sonntag den Ultrà spiele. Ich muss auch im Alltag Ultrà sein.

Welchen Stellenwert haben die Ultras 1972 in der Napoli-Kurve?

Wir haben ein Direttivo von 50 Personen und rund 10.000 Sympathisanten, das ist der größte Teil der Curva B. Neben uns gibt es noch die Fedayn 1979, mit denen wir die historische Kurve Napolis repräsentieren. Anfang der 90er füllte sich auch die Curva A, dabei handelt es sich um eine neue Generation, mit der wir bei einigen Dingen Unstimmigkeiten haben. Früher gab es Konfrontationen mit den Gegnern, die mit Choreografien, Trommeln und Fahnen geführt wurden. Es gab zwar auch Handgreiflichkeiten, aber die blieben fair. Heute hat sich das alles verändert, die physischen Konfrontationen sind zur reinen Mode verkommen. Vor ein paar Monaten haben sich etwa Genoani und Doriani beim Derby in Genua einen Kampf geliefert, das gefilmt und auf YouTube gestellt. Das ist eine Form von Selbstverherrlichung, ansonsten gäbe es keine Notwendigkeit zu zeigen, dass ich mit einem gegnerischen Fan gestritten habe.

Eure Gruppe durchlebt derzeit eine schwierige Phase. Kannst du die Probleme kurz schildern?

Die neapolitanische Staatsanwaltschaft ermittelt gegen uns. Am 10. Oktober haben sie drei Leute verhaftet: mich, Alberto Mattera, der immer noch im Gefängnis sitzt, und Vittorio Puglisi, der derzeit unter Hausarrest steht. Sie haben uns vorgeworfen, Gratiskarten vom Verein erpressen zu wollen, aber wir haben den Verein nie um einen einzigen Euro gebeten. Mir haben sie zudem unterstellt, 2005 eine Tribüne in Brand gesetzt zu haben. Zum Glück haben mich die Untersuchungen entlastet. Alberto ist nur noch im Gefängnis, weil er noch alte Vorstrafen hat. Leider hat er ein paar Telefonate geführt, die er nicht hätte führen sollen, und sie haben das so interpretiert, als wäre er für die Vorfälle bei Napoli gegen Frosinone in der vergangenen Saison verantwortlich. Aber das stimmt nicht. (Das Spiel wurde nach massiven Knallkörperwürfen aus dem Familiensektor unterbrochen und das Stadion daraufhin für ein Spiel gesperrt, Anm.) 

Worauf führst du die Verhaftungen zurück?

Ich glaube, dass wir als Gruppe und Persönlichkeiten für unsere Kritik an dem ehemaligen FIGC-Vorsitzenden (Italienischer Fußballverband, Anm.) Franco Carraro, am Präsidenten der Provinz Kampanien, Antonio Bassolino, und an Neapels Bürgermeisterin Rosa Russo Iervolino zahlen müssen. Nach zwei Jahren haben sie uns dafür die Rechnung präsentiert. Tatsächlich gibt es keine realen Vorwürfe gegen uns. Du kannst doch eine Person nicht verhaften, nur weil sie sich in der Nähe des Stadions befand, als in dieser Nacht eine Tribüne angezündet wurde. Wir sind diesen Leuten unangenehm, und sie haben diese Sache erfunden. Aber ich habe das Gefängnis nach 17 Tagen als freier Mann verlassen.

Sind deine Probleme mit der Justiz damit gelöst?

Nein. Zwei Tage nach meiner Entlassung war das Heimspiel gegen Juve, und sie haben mir meine Stadionsperre noch im Gefängnis zukommen lassen. Wenn Busiello in ein volles Stadion mit 70.000 Leuten zurückgekehrt wäre, hätte die Staatsanwaltschaft eine schlechte Figur gemacht. Aber ich habe Berufung eingelegt und sollte bald wieder ins Stadion dürfen. Ich hatte schon im Vorjahr eine Sperre für drei Jahre, die mir nach sieben Monaten vom Gericht gestrichen wurde. Aber solche Verfahren sind sehr teuer und kosten bis zu 2.500 Euro. So viel Geld können viele Jugendliche nicht aufbringen, um sich zu verteidigen.

Du musst jetzt zweimal pro Spiel eine Unterschrift auf der Wachstube abgeben

Ja. Bei meiner ersten Unterschrift bin ich hingekommen, habe meine Saisonkarte, für die ich ganz regulär 225 Euro bezahlt habe, genommen und den Inspektor gefragt: »Entschuldigen Sie, wo ist da der Einlass?« Der Polizist hat angefangen zu lachen und mir bestätigt, dass ich eine Gemeinheit erleiden muss. So etwas ist für mich unbezahlbar.

Wie finanziert ihr eure Gruppe?

Wir betreiben kein Merchandising, weil sich Leidenschaft nicht kaufen lässt. Leider verwenden viele Kurven in Italien ihr Material, um ihren Interessen nachzugehen. Wir finanzieren uns nur über einen Mitgliedsbeitrag von 20 Euro pro Monat, das Geld kann für Verfahren gegen Stadionsperren oder andere Aktionen eingesetzt werden. In der Kurve verkaufen wir nur Sticker um einen Euro, um einige Kosten der Gruppe abzudecken.

Da hat sich aber auch in Neapel etwas geändert?

Ja, mein Vorgänger Palumella hat seine persönlichen Interessen sehr stark verfolgt. Er hat Schals verkauft und Karten und Geld vom Verein angenommen. Ich habe diese Praxis aber abgestellt, denn wenn du ein Glas Wasser vom Verein akzeptierst, wirst du zum Sklaven des Systems. Außerdem: Wenn morgen ein 16-Jähriger mit unserem T-Shirt vor dem Stadion Krawall macht, kann die Polizei zu Enzo Busiello kommen und mir Probleme bereiten. Die T-Shirts geben wir also nur denjenigen, die wirklich involviert sind, also den 50 Mitgliedern des Direttivo.

Wie habt ihr den Bankrott Napolis 2004 und den Zwangsabstieg in die Serie C verkraftet?

Ich persönlich habe das nie akzeptiert. Das war eine politische Entscheidung. Sie haben Napoli wegen Schulden von sieben Millionen Euro in den Konkurs geschickt, während sie Lazio mit 150 Millionen Schulden durch eine Sondergesetzgebung gerettet haben. Der Bankrott ist wie der Tod. Wenn du stirbst, kannst du nicht wiederauferstehen. Mein Napoli existiert nicht mehr, das ist ein anderes Napoli. Wir mussten uns zwei Jahre lang »Soccer« nennen. So etwas kann ich doch nicht akzeptieren. Wegen der Werte der Kurve und den Farben meiner Mannschaft gehe ich aber weiterhin ins Stadion.

Wie ist euer Verhältnis zur aktuellen Vereinsführung?

Der Verein setzt uns unter Druck, weil er Strafen zahlen muss. Aber wir haben gesagt, dass wir das System kritisieren werden und uns das nicht interessiert. Nach den Strafen nach dem Perugia-Spiel (Ende der Saison 2005/06, Anm.) ist der Präsident ausgezuckt, weil er den Aufstieg in die Serie B feiern wollte. Aber wir haben schon Meistertitel und den UEFA-Cup gewonnen und da gibt es dann nichts zu feiern. Das war immer noch ein Trauerspiel, weil Napoli andere Bühnen verdient. Das ist der Kern des Problems zwischen uns und der Lebenswelt des Präsidenten. Er denkt mit seinen Interessen, ich bin im Gegensatz dazu ein sentimentaler Mensch. Ich kann nicht emotional werden, nur weil wir in die Serie B oder die Serie A aufsteigen. Ich habe den wahren Fußball schon gelebt. Aber ich fürchte, dass wir so ein Napoli wie zu Maradonas Zeit nicht mehr sehen werden.

Der Aufstieg in die Serie A hat eine erhebliche Erhöhung der Kartenpreise mit sich gebracht. In der Kurve des Aufsteigers zahlt man mehr als bei Meister Inter. Wie habt ihr darauf reagiert?

Wir haben die Konfrontation mit der Geschäftsführung gesucht. Der Präsident hatte allen einen Treuebonus versprochen, die Napoli von der Serie C bis zur Serie A gefolgt sind. Zu diesen 20.000 Saisonkartenbesitzern, die seit der Serie C das Geld in die Kassen gebracht haben, gehören auch wir Ultras. Diesen Treuebonus hat er uns dann gegeben, indem er den Preis von 143auf 225 Euro erhöht hat. Das habe ich im Sommer kritisiert, aber ich bin auf taube Ohren gestoßen. Die Zeiten haben sich geändert: Vor 20 Jahren haben sich die Klubs noch über die Zuschauereinnahmen finanziert. Heute nehmen die Präsidenten das Geld von den TV-Sendern und es interessiert sie nicht mehr, ob du ins Stadion gehst oder nicht.

Wie geht der Verein mit eurer Kritik um?

Nach dem Aufstieg im Sommer habe ich ein Transparent gegen die Versprechen des Präsidenten gemalt. Er spricht viel vom virtuellen Fußball, also habe ich geschrieben: »Es reicht mit der Virtualität, wir wollen eine Mannschaft, die dieser Stadt würdig ist.« Kurz darauf wurden wir verhaftet. In der Kurve repräsentiere ich mehr als 20.000 Personen, und der Präsident weiß, dass dich das Volk stark macht, dich aber auch zerstören kann. Da ich Bewegung schaffe, wird er sich gedacht haben: »Schafft mir diesen Busiello von den Eiern!« Er hat keine faire Konfrontation gesucht, und es ist ja nicht so, dass ich ihn mir auf der Straße schnappe, und verprügle. Ich protestiere mit einem Transparent. Er ist aber daran gewöhnt, sich alle kaufen zu können, und akzeptiert Kritik nicht. Deshalb bereitet er uns diese Probleme, und wir zahlen einen sehr hohen Preis, den wir nicht verdienen.

Du zeichnest ein düsteres Bild. Wo siehst du dich und die Ultras in ein paar Jahren?

Ich wünsche der Welt der Ultras, nicht Enzo Busiello, ein langes Leben. Gott möge die Ultras segnen, weil sie das Herz des Fußballs sind.



Referenzen:

Heft: 33
ballesterer # 82

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Der nächste ballesterer fm erscheint am 12. Juli 2013.

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