Der letzte Strohhalm

cache/images/article_2466_img_2042_140.jpg Konflikte zwischen Fanszene und Vereinsführung sind in Hannover schon fast Tradition. Nach Verhandlungen haben die „Ultras Hannover“ nun ihren monatelangen Stadionboykott beendet und wollen die Mannschaft im Abstiegskampf unterstützen. Doch nicht alle trauen dem neuen Frieden. 
Nicole Selmer | 20.05.2015

Zwischen Schrebergärten und gutbürgerlichen Wohnhäusern im Hannoveraner Stadtteil Ricklingen liegt das Beekestadion. Hier spielt die zweite Mannschaft von Hannover 96 in der viertklassigen Regionalliga Nord an diesem Samstagvormittag gegen den TSV Havelse. Es tropft leicht von den Bäumen, als sich zahlreiche, meist männliche Fans im klassischen Kapuzenpullischwarz vor dem Stadion einfinden. Die 96-Amateure können sich in dieser Saison auf den Support der „Ultras Hannover“ verlassen. Große Teile der aktiven Fanszene haben die Heimspiele der Profis im drei Kilometer entfernten Niedersachsenstadion boykottiert. Bis heute. Denn nach Gesprächen mit dem Verein haben die Ultras vor wenigen Tagen zur Rückkehr ins Stadion aufgerufen. Damit sich das volle Samstagprogramm ausgeht, ist der Anpfiff des Amateurspiels um eine halbe Stunde vorverlegt worden.

Erstligastimmung im Unterhaus
„Das Ganze muss sich natürlich nachhaltig beweisen“, sagt ein Sprecher der „Ultras Hannover“ vor dem Spiel. „Aber wir haben den Eindruck, dass beim Klub die Wertschätzung für die Fans gestiegen ist.“ Allzu viel Luft nach unten war allerdings auch nicht mehr vorhanden: Einschränkungen des Fandachverbands „Rote Kurve“, Kollektivstrafen wie Preiserhöhungen nach Pyrotechnikvorfällen und ein Präsident, der Teile der Fanszene als Arschlöcher beschimpft.


Viele Klubführungen überwerfen sich mit ihren Ultras, nur wenige bringen jedoch die gesamte Breite der Fanszene so gegen sich auf, wie es 96-Präsident und Hörgerätehersteller Martin Kind gelungen ist. Die Konflikte füllen ganze Blogs, Fanforen und Gerichtsakten. Den letzten Anstoß zum Stadionboykott lieferte im April 2014 die erzwungene Anreise per Bus zum Derby gegen Eintracht Braunschweig. Hannover 96 ließ sich die Maßnahme zahlreiche Gerichtsverfahren kosten, die der Verein allesamt verlor. Da habe man Fehler gemacht, räumen die Verantwortlichen nun ein. Auch die „Ultras Hannover“ jedoch, so das miteinander abgesprochene Statement, hätten nicht immer fehlerfrei gehandelt, insbesondere was Pyrotechnik angehe.

 

Im Beekestadion wird es heute nicht brennen. Allmählich füllt sich die Haupttribüne, Zaunfahnen werden befestigt und grüne, weiße und schwarze Folien in Stellung gebracht. An der Längsseite steht ein Container, davor der bunt besprühte Verkaufsstand der „Ultras Hannover“. Die Infrastruktur habe man aus dem Stadion transferiert, erzählt der Sprecher der Ultras. Die Amateure bieten keine große Bühne für Choreografien und Gesänge, und gegnerische Fans gibt es auch nur in Ausnahmefällen. „Aber die Fans sind nah dran, Hier gehen Dinge, die im Profifußball eher die Ausnahme sind, inklusive einer großen Nähe zur Mannschaft“, sagt Michael Anolke vom Fanprojekt Hannover. Zwischen Supportvorbereitung und Aufwärmen der Mannschaft kickt der Capo Bälle zum Tormann zurück. Zwei, drei Polizisten in Uniform schlendern herum.

Verhandlungserfolge
Hinter dem Begrenzungszaun an der anderen Längsseite stehen einige Bäume. Von dort verfolgen die Stadionverbotler das Spiel. Die, die es noch gibt. Denn zu den Ergebnissen der Gespräche zwischen Ultras und Verein gehörte die Aussetzung zahlreicher lokaler Stadionverbote ebenso wie die Wiedereinführung der freien Platzwahl im Fansektor. Der Verein habe einer ganzen Liste von Punkten zugestimmt, sagt Fananwalt Andreas Hüttl, der sich ebenfalls im Beekestadion eingefunden hat. Er hat zahlreiche Fans im Konflikt um die Busreise nach Braunschweig vertreten und war an den jüngsten Verhandlungen beteiligt. „Ich bin zufrieden. Wer mehr und anderes herausholen will, muss es selbst versuchen.“ Der Verein möchte Details der Absprache nicht veröffentlichen. „Dinge, die wir mit der aktiven Fanszene besprechen, behandeln wir vertraulich“, sagt Pressesprecher Alex Jacob.


Ziel der Gespräche sei die Rückkehr der aktiven Fans ins Stadion gewesen. Dort steht Hannover 96 sportlich unter Druck: Vor dem heutigen Spiel gegen Hoffenheim trennen den Klub drei Punkte vom Abstiegsplatz. Die Stimmung in den vergangenen Wochen war schlecht, denn auch ohne Ultras protestieren die verbliebenen Fans. Immer wieder haben sie ihren Unmut durch „Kind muss raus“-Rufe und Protestplakate kundgetan.

Kritik statt Wertschätzung
Heute soll es anders werden. Vom improvisierten Vorsängerpodest verkündet der Capo, dass man nach Abpfiff gemeinsam zum Niedersachsenstadion marschieren werde. Aber nicht alle gehen mit. Denn während sich Ultras und Verein aufeinander zubewegt haben, sind andere außen vorgeblieben. Das wissen auch die „Ultras Hannover“: „Es gibt unterschiedliche Verletzungen bei unterschiedlichen Leuten“, so ihr Sprecher. „Die Schäden, die der Dachverband ‚Rote Kurve‘ erlitten hat, sind nicht behoben worden“, sagt Fanprojekt-Mitarbeiter Anolke.


Einer, der bei der „Roten Kurve“ seit der Gründung 2004 dabei war, ist Christian „Chrischi“ Brehm. Er ist vom Spiel der Amateure nicht ins Niedersachsenstadion gewechselt, sondern ins Irish Pub. Dort läuft auf dem Fernseher der Vorbericht zum Spiel: 96-Sportdirektor Dirk Dufner erklärt, wie wichtig die Unterstützung der Fans sei. Brehm schüttelt den Kopf. „In den Gesprächen mit Klubverantwortlichen habe ich immer wieder gemerkt, dass das Grundverständnis für das fehlt, was Fansein ausmacht“, sagt er. Jahrelang habe die „Rote Kurve“ versucht, unterschiedliche Strömungen der Anhängerschaft zu bündeln. Von Verhandlungen über Dauerkartenpreise, die Organisation von Auswärtsfahrten, Aktionen gegen Rassismus bis zum Betrieb des Fanladens, wo Eintrittskarten für den Fansektor im Stadion verkauft wurden. Viel und meist ehrenamtliche Arbeit, für deren Erfolge es, so Brehm, kaum Wertschätzung gab, bei negativen Vorfällen jedoch umso schneller Kritik.

Spielball der Pyrodebatte
Immer wieder stand dabei das Thema Pyrotechnik im Fokus. Wenn der Klub nach Bengalen im Fansektor mit Strafen belegt wurde, sollte die „Rote Kurve“ als ein-getragener Verein dafür haften. Schließlich habe sie die Tickets im Fanladen verkauft und müsse daher auch für Ordnung sorgen oder eben zahlen, argumentierte der Verein in der Saison 2012/13. „Es gab freie Platzwahl im Sektor, wir hätten das nicht kontrollieren können – und wollten es auch nicht“, sagt Brehm. „Aber wir waren ein Spielball in der Pyrotechnikdebatte, der Druck baute sich bei jeder Fackel auf.“


Schließlich schloss der Fanladen, die „Rote Kurve“ besteht heute nur noch als Interessengemeinschaft. Zwar habe auch ein Vertreter der „Roten Kurve“ an den jüngsten Gesprächen teilgenommen, aber das Hauptgewicht sei woanders gelegen. „Stadionverbote waren für uns nie ein so beherrschendes Thema wie für die Ultras“, sagt Brehm. Die ungelösten Konflikte der Vergangenheit machen ihn misstrauisch gegenüber der nun verkündeten Einigung. Während des Gesprächs hat das Spiel begonnen – mit einem Tor gegen Hannover nach 61 Sekunden. Er schaut nur kurz zum Fernseher: „Abstiegskampf halt.“

Fanfreundlich aus Kalkül
Es sind viele Risse im Verhältnis zwischen Hannover 96 und seinen Fans zu kitten, Gespräche sollen nun regelmäßig stattfinden. Auf die Frage, ob darin auch die „Rote Kurve“ einbezogen werde, sagt 96-Pressesprecher Jacob: „Wenn wir von der aktiven Fanszene reden, machen wir keinen Unterschied, ob es um ‚Ultras Hannover‘ oder ‚IG Rote Kurve‘ geht.“ Während Christian Brehm nicht sicher ist, ob und wann er wieder ins Stadion geht, sind andere Fans dort geblieben. Maren Hellemann und Stephanie Fleig vom Fanklub „Rote Mädels“ sind seit mehr als zehn Jahren Dauerkarteninhaberinnen, die aktuelle Entwicklung haben sie auf dem Blog ihres Fanklubs kritisch kommentiert. Ein jahrelanger Konflikt sei auf eine Auseinandersetzung zwischen Verein und Ultras reduziert worden, die nun plötzlich beigelegt sei. „Wir haben immer versucht, deutlich zu machen, die Fanszene besteht nicht nur aus Ultras“, sagt Hellemann beim Gespräch im Stadion während der zweiten Halbzeit. Zwar ist Hannover 96 noch vor der Pause der Ausgleich gelungen, das Interesse der „Roten Mädels“ am sportlichen Geschehen ist aber derzeit begrenzt.


„Wir sind frustriert, und daran kann ein kurzes Statement, das die Ultras wieder ins Stadion bringen soll, nichts ändern“, sagt Fleig. Der Klub müsse auch auf jene zugehen, die nicht mit aufwendigen Choreografien für Stimmung sorgen. „Der Verein muss klar sagen, dass er Fehler gegenüber der ‚Roten Kurve‘ gemacht hat. Dadurch sind bewährte Strukturen einfach plattgemacht worden“, sagt Hellemann. Zwar gebe es erste Verbesserungen wie die Wiederöffnung des Fantreffs hinter der Nordkurve, doch bei den „Roten Mädels“ ist die Skepsis groß. „Ich glaube nicht, dass dahinter ein Umdenken steht“, sagt Fleig. „Das war der letzte Rettungsversuch im Abstiegskampf.“ Ob sie in der kommenden Saison ihre Dauerkarten verlängern werden? „Wissen wir noch nicht.“ Auf dem Platz fällt in der 83. Minute das 2:1 für Hoffenheim, der Abstiegsplatz ist nur noch einen Punkt entfernt. Vor einer Stunde im Irish Pub hat Christian Brehm gesagt: „Manchmal erwischst du dich dabei zu denken, dass ein Tor gegen die eigene Mannschaft auch ein Tor gegen die Klubverantwortlichen ist. Trotzdem trifft es dich total.“

Referenzen:

Heft: 102
Rubrik: Fansektor
Thema: Deutschland
Verein: Hannover 96
ballesterer # 113

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 18.08.2016.

Abo bestellen

Newsletter


RSS Feed abonnieren

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png