Man wurde nicht gefragt
Ein Jahr war Fritz König im KZ Buchenwald interniert. Im Sommer 1938 musste er sich in der Elisabethpromenade im Polizeigefangenenhaus melden, dann wurde er abtransportiert. 21 Jahre war er damals, ein junger Angestellter in einem Geschäft für Herrenkonfektion, kein Traumberuf, aber man wurde nicht gefragt. Als Lehrling kam er zur Gewerkschaft, vor allem wegen der Schülermannschaft im Zentralverein, dem Fußballklub der Angestelltengewerkschaft. Es folgte der Aufstieg zur Jugendmannschaft von Red Star, eine höhere Weihe im Wiener Fußball.
»Die Hosen hab ich mitbringen müssen, die hat die Mutter genäht, aber die Leiberln, die hat der Verein zur Verfügung gestellt. Strahlendweiß waren die.« Wollte er damals nicht Fußballprofi werden wie der Papierene, der Sindelar, das große Vorbild, Held des Wunderteams? Komische Frage, antwortet Fritz König und lächelt milde. Man wurde nicht gefragt. Man verdiente ja nichts als Amateur, und das Gehalt im Geschäft für Herrenkonfektion waren 18 Schilling, das musste er daheim abgeben, bis auf 1,50 Schilling. Damit konnte er einmal in der Woche tanzen gehen.
Und eben an diesem Morgen im 38er-Jahr war mit einem Schlag alles vorbei. Das Tanzen, Red Star, die Jugend. Weil er Halbjude war, vielleicht auch weil er Gewerkschaftsmitglied war, eine Begründung hat Fritz König nie bekommen.
Legionär in Frankreich
Auch im KZ Buchenwald spielte Fritz König Fußball. Die Mannschaften stellte die SS zusammen. Deutsche gegen österreichische Juden, die Politischen gegen die Berufsverbrecher. Auch weil er dadurch in der Wäscherei arbeiten durfte, meldete König sich zum Sport hinter Stacheldraht. So bekam er einen angenehmeren Job als bei den Maurern im Freien. »Da hat mir der Fußball das erste Mal geholfen.«
Mit einem Visum für Italien, das die Mutter in Wien besorgen konnte, wurde König 1939 aus dem Konzentrationslager entlassen. Mit zehn Mark in der Tasche bestieg er den Zug in Wien Richtung Süden das Ziel war die freie Zone in Südfrankreich. In Mailand meldete er sich am französischen Konsulat für die französische Armee, das verschaffte ihm ein Reisevisum, eine Uniform und Verpflegung. In der Nähe der Stadt Nantes, wo Fritz König als Prestataire (Hilfsarbeiter) im Sold der englischen und französischen Truppen stand, sollte ihm der Fußball das zweite Mal zu Hilfe kommen.
»Wir waren zu Straßenarbeiten eingeteilt, und durch Zufall kam ich mit einem jungen Soldaten, der uns bewachen musste, ins Gespräch. Wir haben über Fußball gesprochen, er konnte ein bisserl Deutsch und hat mich zur Fußballmannschaft des Dorfes gebracht, weil es einen Mangel an Spielern gab. Ich hab mit denen Matches gespielt und von da an nicht mehr gearbeitet, ich durfte sogar frei herumgehen. Wir sind auf Tournee gefahren, aber es hat nicht sehr lange gedauert, dann hat der wirkliche Krieg begonnen.«
Nicht nur die Engländer flüchteten vor den deutschen Truppen. Auch Fritz König wusste, dass er mit seinem österreichischen Pass in Lebensgefahr war, und machte sich zu Fuß auf den Weg nach Marseille. Eine Kiste Zigaretten war das Marschgepäck, damit schlug er sich durch Südfrankreich. Seinen Pass warf er fort und gab sich als Soldat der tschechischen Armee aus, wenn er angehalten wurde.
In einem Lager bei Marseille sammelte man die Versprengten des Krieges ein, um sie später in ihre Ursprungsländer zurückzuschicken. Fritz König log sich eine neue Biografie zusammen. »Als sie mich gefragt haben, woher ich denn gekommen wäre, habe ich gesagt: Aus Casablanca, weil ich hoffte, dass ich von dort nach Portugal oder sonstwohin komme. Als Adresse habe ich die Rue de Paris genannt. Zum Glück hats die gegeben.«
Talent, sonst gar nichts
1940 ging es mit dem Schiff nach Casa-blanca. Fritz König suchte dort die jüdische Hilfsorganisation auf und erbettelte sich die 15 Franc für eine Carte dIdentité. Damit galt er als anerkannter Flüchtling, konnte sich unter den zahlreichen Gestrandeten frei bewegen, durfte aber nicht legal arbeiten. Er meldete sich beim Fußballverein Racing Club Morocco und überzeugte als flinker Flügelspieler. Zu seinen Gegnern damals zählten Weltklassespieler wie der Marokkaner Larbi Ben Barek und der spätere französische WM-Torschützenkönig Just Fontaine: die Erfüllung eines Wiener Bubentraums, wenn auch nicht auf heimischem Boden.
Dorthin, nach Wien, kehrte er erst 1962 endgültig zurück. »Dann habe ich geheiratet, habe eine Trafik geführt. Bis man eine Bowlingbahn in Hernals aufgemacht hat, und da wurde ich Manager dieser Bowlingbahn. Plusbowling, die exisiert ja noch heute, der Besitzer ist gestorben und in der Zwischenzeit bin ich alt geworden.«
Aber die Leidenschaft für den Fußball, dem er so viel zu verdanken hat, ist bis heute ungebrochen. »Der ganze Sport ist ja revolutioniert worden. Den Trainer hat damals niemand gekannt, der hat auch nix gemacht, der hat nur gesagt: Spielts schneller, spielts langsamer. Man hat ganz anders gestoppt, als man heute stoppt, man war nie so schnell, man war auch nicht so athletisch. Es zählte das Talent, sonst gar nichts!«






erscheint am 12. Juli 2013.
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