Das Geheimnis des Dorfs

cache/images/article_1831_ballester__140.jpg Die SV Ried wird heuer 100 Jahre alt. Interimstrainer und SVR-Urgestein Michael Angerschmid und Florian Jetzinger, langjähriger Einpeitscher der Westtribüne, sprechen im Interview über das familiäre Umfeld, die Rivalität zum LASK und ihre persönlichen Highlights.
Mathias Slezak | 12.04.2012
Nach dem Cupsieg im Vorjahr konnte die SV Ried zum zweiten Mal in Folge den Herbstmeistertitel gewinnen und hat sich zum 100-Jahr-Jubiläum endgültig vom Außenseiterimage befreit. In einem Café in der Rieder Innenstadt nur wenige Meter vom Hauptplatz entfernt, auf dem im vergangenen Mai die erfolgreiche Cupsieger-Mannschaft empfangen wurde treffen wir den langjährigen Mittelfeldmotor Michael Angerschmid, der seit dem Abgang von Paul Gludovatz Mitte März gemeinsam mit Gerhard Schweitzer das Trainerduo bildet, und Florian Jetzinger, den Capo des Fanklubs »Supras 96«.

ballesterer: Die SV Ried wird heuer 100 Jahre alt. Welche Erinnerungen haben Sie an Ihren ersten Stadionbesuch?
Florian Jetzinger: Meine ersten Erinnerungen sind, dass ich mit vier oder fünf Jahren unter der Holztribüne im alten Rieder Stadion herumgeklettert bin und Becher
Michale Angerschmid: und Schillinge gesucht hast.
Jetzinger: Ja, genau. Da habe ich Becher und Schillinge gesucht. Das erste Mal war ich aber schon im Kinderwagen am Fußballplatz. Ich bin jetzt bald 31 Jahre alt und gehe genauso lange zur SV.
Angerschmid: Bei mir war es ähnlich, meine Eltern waren eigentlich immer am Platz und haben mich mitgenommen. So etwas prägt einen, und dadurch bin ich mit dem Ball aufgewachsen. Egal wo wir hingefahren sind, es war immer ein Ball dabei, und nach der Schule war es dasselbe: Hausaufgaben gemacht, die Schultasche ins Eck geworfen und hinunter auf die Wiese, wo um die 20 Kinder jeden Tag von zwei am Nachmittag bis um sieben am Abend gespielt haben.
Jetzinger: Wir beide kennen uns ja auch vom Fußballplatz. Der Michi war immer dort und hat meine Eltern gekannt, deshalb war ich ganz einfach der »Bua vom Fidi«. Wir kennen uns also sicher schon seit 25 Jahren.
Wie lange haben Sie nach dem Aufstieg 1995 gedacht, dass die Mannschaft in der Bundesliga bleiben wird?
Angerschmid: Ganz ehrlich, wir haben keine Idee gehabt. Uns hat im ersten Jahr jeder prophezeit, dass wir postwendend wieder absteigen. Was uns damals ausgezeichnet hat, war der Zusammenhalt, obwohl die Qualität der Mannschaft sicher nicht Bundesliga-tauglich war. Es hat nie Schuldzuweisungen gegeben, jeder war für den anderen da, und wenn es irgendwo eine Feier gegeben hat, waren alle mit dabei.
Welche Erinnerungen haben Sie an das erste Bundesliga-Heimspiel gegen Rapid?
Angerschmid: Ich habe mir das vor einem Monat wieder einmal auf YouTube angeschaut. Das war unglaublich: Die Leute sind auf der Laufbahn gestanden, die Kinder hinter dem Tor gelegen. Heute wäre das undenkbar. Ich kann mich an ein Interview zwei Tage vor dem Spiel erinnern, als der Peter Stöger gesagt hat: »Wir fahren rauf, holen uns die drei Punkte und fahren wieder heim.« Unser Spielertrainer Klaus Roitinger hat uns dann nicht mehr motivieren müssen. Dass wir dann 2:1 gewonnen haben, war natürlich das Tüpfelchen auf dem i. Ab dann haben wir gewusst, dass wir dabei sind und zu Hause auch Rapid schlagen können. Das war für uns ein wichtiges Aha-Erlebnis.
Wie hat zu dieser Zeit die Fanszene ausgesehen?
Jetzinger: Die ersten Anfänge hat es schon in der Landesliga auf der alten Holztribüne gegeben. Damals ist das mit den »Rieder Wikingern« losgegangen. Das war toll, da hat es ein paar Leute gegeben, die mit der Trommel einen Wirbel gemacht haben. Das war für Landesliga-Verhältnisse sehr gut, hat aber einige Zeit später wieder aufgehört. In der 2. Division haben sich dann ein paar Leute zusammengetan und 1995 den Fanklub »Schwarz-Grün« gegründet, wo auch ein paar von uns »Supras« kurz Mitglied waren. Wir haben uns dann 1996 abgespalten, weil wir in eine andere Richtung gehen wollten. Von dort weg ist es mit der Fanszene eigentlich bis jetzt immer bergauf gegangen. Wobei es natürlich zwischenzeitlich durch Stadionverbote, Polizei und Staatsanwaltschaft immer wieder Rückschläge gegeben hat. Da tust du dir in einem kleinen Dorf wie Ried schwer, und wir haben dadurch einige Leute verloren, die wegen ihrer beruflichen Laufbahn nicht mehr in der Fanszene aktiv sein wollten.
Mittlerweile zählt die 12.000-Einwohner-Stadt Ried sportlich zu den Top Fünf Österreichs. Was ist das Geheimnis des Dorfs?
Angerschmid: Ganz wichtig ist sicher, dass das Familiäre immer erhalten geblieben ist. Rundherum hat sich alles weiterentwickelt, sei es das neue Stadion oder das Trainingszentrum im alten Stadion mit dem neuen Kunstrasenplatz. Da sind die Möglichkeiten viel größer geworden, und das hat dazu beigetragen, dass auch das Niveau gestiegen ist. Wir haben es geschafft, den Verein in eine Position zu bringen, wo viele junge Spieler froh sind, wenn sie hier spielen können. Früher wollte keiner nach Ried, weil es geheißen hat, dass es dort keine Perspektive gibt. Das hat sich geändert, Ried wird als Ausbildungsverein wahrgenommen. Dadurch bekommt der Verein bessere junge Spieler als noch vor zehn Jahren. Außerdem arbeiten seit Jahren dieselben Leute im Verein und haben durch diese Kontinuität eine ganz enge Bindung zur SV Ried. Das ist enorm wichtig.
Spielt das familiäre Umfeld auch in der Fanszene eine Rolle?
Jetzinger: Sicher, auch wenn es früher vielleicht noch etwas bedeutender war als heute. Jetzt kommen schon viele Junge dazu, die mit dem Familiären nichts mehr zu tun haben, sondern einfach davon begeistert sind, wie sich die Ultra-Szene entwickelt hat. Ich selbst bin damals nur deshalb zum Fußball gekommen, weil meine ganze Familie schon in der Landesliga auf den Platz gegangen ist. So ist es auch bei einem Großteil der Kurve, der schon über 25 Jahre dabei ist.
Wie intensiv ist der Kontakt zwischen Fans und Spielern?
Jetzinger: Zu einigen Spielern ist noch immer Kontakt vorhanden, aber natürlich ist es nicht mehr so wie früher, weil viele Spieler nur ein Jahr lang beim Verein bleiben. Wir hatten viel Kontakt zu Spielern, die immer da waren, wie der Michi (Angerschmid, Anm.), der Oliver (Glasner, Anm.) und der Wiggerl (Herwig Drechsel, Anm.). Junge Spieler wie der Anel (Hadzic, Anm.) und der Reifeltshammer suchen den Kontakt zu den Fans das ist sehr positiv.
Angerschmid: Der Kontakt zu den Fans wird natürlich weniger, wenn du mehr Spieler von außerhalb hast. Außerdem war es früher gang und gäbe, dass du nach dem Spiel in die Stadt gegangen bist. Mit der gestiegenen Professionalität ist das weniger geworden. Die Spieler gehen heute nach dem Match vielleicht auf ein, zwei Getränke, aber das wars dann. Zu meiner Zeit war nach jedem Spiel irgendwo eine Party.
Jetzinger: Früher war es klasse, da hast du gewusst, dass nach dem Spiel die ganze Mannschaft ins »Wikingertreff« oder ins »Innvierterl« kommt und gemeinsam bis in die Früh gefeiert wird.
Angerschmid: Ich war auch einige Male bei der Weihnachtsfeier der »Supras«. Da entsteht dann eine engere Bindung, weil du mehr Zeit hast, um dich mit den Fans zu unterhalten. Das macht es auch leichter, den Unmut zu verstehen, wenn es nicht gut läuft. Sonst stehst du als Spieler dort, siehst den Fan, der auf die Mannschaft runterschimpft, und denkst dir: »Was ist denn das für ein Koffer? Wir geben ja unser Bestes!«
Jetzinger: Wenn es über längere Zeit schlecht gelaufen ist, dann ist das Problem aufgetaucht, dass die Leute zum Schimpfen angefangen haben: »Ihr versoffenen Hunde, gehts lieber trainieren und nicht bis um vier in der Früh ins Wirtshaus.« Das war sicher ein Grund, dass einzelne Spieler woanders hingefahren sind. Es hat eine Zeit gegeben, wo es häufig Anschuldigungen an die Mannschaft gegeben hat.
Was ist damals passiert?
Angerschmid: Das war nach dem Abstieg, als Peter Segrt Trainer war. Er ist mit dem Ziel Wiederaufstieg gekommen, aber es ist nicht so gelaufen, wie wir uns das vorgestellt haben. Da hat es die Regel gegeben, dass nach elf Uhr abends kein Spieler mehr in der Stadt sein durfte. Wenn dann um halb zwölf ein Spieler meistens war es der Angerschmid in irgendeinem Lokal gesehen wurde, hat es einen Anruf an den Trainer gegeben. Die Mannschaft hat dann gesagt, dass es nicht sein kann, dass irgendwelche Fans beim Trainer anrufen. Ein Mannschaftskollege, der Thomas Nentwich, und ich haben uns dann mit dem Jetzi und ein paar Leuten vom Fanklub getroffen, uns ausgesprochen, und ab dem Zeitpunkt ist es wieder einigermaßen gelaufen.
Welche Erinnerungen haben Sie an den Abstieg im Jahr 2003? Ried hat damals noch als Vierter überwintert.
Angerschmid: Ja, es war damals schon die Rede von einem Europacup-Startplatz. Wir haben im Frühjahr auch nicht so schlecht gespielt, aber zum Schluss oft unglücklich verloren. Irgendwann waren wir in einer Lage, aus der wir nicht mehr herausgekommen sind. Für uns war das damals eine Katastrophe. Im Nachhinein war es für den Verein aber vielleicht gar nicht so schlecht, weil die Leute gemerkt haben, dass es nicht selbstverständlich ist, dass die Kleinstadt Ried immer in der Bundesliga spielt.
Jetzinger: Ich habe bis zum letzten Tag nicht an den Abstieg geglaubt. Ich war mir sicher, dass wir die letzte Partie zu Hause gegen die Admira gewinnen würden. Das Stadion war damals ja auch fast ausverkauft. Wir waren damals sehr enttäuscht, weil wir den Eindruck gehabt haben, dass die Mannschaft das gar nicht unbedingt schaffen möchte. Bei den Spielern war der Saft heraußen. Im Nachhinein sehe ich es wie der Michi: Es hatte auch etwas Positives. In der zweiten Liga hat es auch beim Fanklub eine Reinigung gegeben. Manche Leute sind nicht mehr gekommen, weil sie offensichtlich nur Bundesliga-Fußball sehen wollten.
Kommen wir zum Positiven. Was waren die schönsten Momente Ihrer Laufbahn?
Angerschmid: Der Aufstieg in die Bundesliga 1995, beide Cupsiege und der Wiederaufstieg 2005 waren die Highlights. Wenn du solche Entscheidungsspiele gewinnst, dann sind das Glücksgefühle, die sich einprägen.
Wenn Sie die Cupsiege von 1998 und 2011 vergleichen: Welcher war der emotionalere?
Angerschmid: Für mich waren beide sehr emotional, sowohl der erste als Spieler als auch der zweite im Betreuerstab. Ich weiß noch, als wir letztes Jahr mit dem Bus zum Finale gefahren sind und unser Teammanger Rudi Zauner am Handy ein Foto bekommen hat, wie die Fans gerade durch den Prater zum Stadion marschieren. Das hat ausgeschaut wie bei der Europameisterschaft, da waren überall Leute. Und dann kommst du ins Happel-Stadion und weißt, dass du 250 Kilometer von deiner Heimatstadt weg bist und auf der Tribüne trotzdem nur Rieder sind. Das war schon ein Erlebnis der besonderen Art.
Was waren die Highlights aus Fansicht?
Jetzinger: Neben den Landesmeistertiteln, den Aufstiegen und den Cupsiegen sind sicher auch die mittlerweile 21 Jahre Profifußball in Ried zu nennen und das ohne Politiker und Staatsbetriebe im Hintergrund. Es gibt zwar Vereine, die mehr erreicht haben, aber das zumeist nur durch politische Unterstützung und große Betriebe. Von der Stimmung her waren neben dem Cupfinale vor allem die Derbys gegen den LASK immer gut, wobei die Stimmung auswärts meistens noch besser war als daheim.
Wie ist die Rivalität zum LASK entstanden?
Jetzinger: Für uns hat es die ersten Rivalitäten schon früh gegeben. Es hat schon bei den ersten Landesliga-Partien und in der 2. Division Auseinandersetzungen gegeben. Der LASK, der damals noch viel größer war, ist mit unzähligen Leuten ins Rieder Stadion gekommen. Die haben im Stadion und nachher in der Stadt Wirbel gemacht. Unsere Polizei war mit der Situation, dass da ein Haufen Leute vom Bahnhof reinmarschiert und unzählige Fensterscheiben eingeschlagen werden, komplett überfordert. Das bekommst du als Kind und Jugendlicher mit, und dadurch wird das dann aufgestachelt. Den LASKlern tut es jetzt natürlich sehr weh, dass sie mitbekommen müssen, dass die Rieder Fanszene in den letzten Jahren höher anzusiedeln ist als ihre.
War die Rivalität unter den Spielern ein Thema?
Angerschmid: Für mich war ein Derby ein Spiel wie jedes andere. Gegen den LASK war es anfangs noch oft ein Duell David gegen Goliath. Da bist du um einen Tick motivierter, aber sonst habe ich mit vielen LASK-Spielern ein gutes Verhältnis gehabt. Nach dem Spiel musst du dir in die Augen schauen können.
Wer ist euer Jahrhundert-Rieder?
Angerschmid: Für mich kommen drei Spieler in Frage. Der Wiggerl, weil er den Verein über Jahre mitgetragen hat, der Oliver und der Klaus Roitinger, der auch als Spieler einen maßgeblichen Anteil daran hatte, dass wir heute da stehen, wo wir sind.
Jetzinger: Einen Spieler zu nennen ist schwer. Für mich gibt es eine Jahrhundertmannschaft, wo Spieler wie der Michi, der Oliver und der Wiggerl dabei sind. Beim Klaus Roitinger hoffe ich, dass er das Rennen zum Jahrhunderttrainer macht. Das Problem mit der Internetwahl ist, dass viele Junge täglich vor dem Internet sitzen und abstimmen, obwohl sie die Spieler, die vor 15 Jahren gespielt haben, gar nicht mehr kennen. Ich hoffe, dass es trotzdem ein paar ältere Spieler in die Jahrhundertmannschaft schaffen, denn bei 100 Jahren SV Ried sollten in erster Linie Spieler aus der Vergangenheit dabei sein.
Muss nach zwei Herbstmeistertiteln und dem Cupsieg nicht der Meistertitel das ­logische Ziel sein?
Angerschmid: Natürlich denkst du dir nach zwei Herbstmeistertiteln, dass die Zeit vielleicht reif ist, aber man muss die Kirche im Dorf lassen. Es hat uns nach den Abgängen im Sommer keiner zugetraut, vorne mitspielen zu können. Du weißt bei einer jungen Mannschaft nie, was passiert. Wir schauen uns das an, und wenn wir nach 36 Runden vorne stehen, dann sind wir die Letzten, die den Meistertitel nicht nehmen.
Jetzinger: Auch in der Fanszene rechnet keiner mit dem Meistertitel, auch wenn es natürlich schön wäre, wenn das irgendwann passiert. Für die österreichische Liga wäre das aber eigentlich ein Wahnsinn, wenn ein Verein wie Ried Meister wird. Das wäre schon gewaltig.

Zu den Personen
Michael Angerschmid (38) ist seit 1982 bei der SV Ried. Zunächst im Jugendbereich, später als Profi, wo er 1998 den ÖFB-Cup gewinnen konnte und 2007 Vizemeister wurde. 2007 wurde er Trainer der Ried Amateure, die er innerhalb von zwei Jahren aus der Bezirksliga in die Oberösterreichliga führte. Paul Gludovatz holte Angerschmid 2008 als Co-Trainer zur Kampfmannschaft, die er seit dessen Abgang zu Sturm Graz im März gemeinsam mit Gerhard Schweitzer betreut.


Florian Jetzinger (30) ist Capo des Fanklubs »Supras 96« und war jahrelang Einpeitscher der Rieder Westtribüne. Er ist außerdem Inhaber und Geschäftsführer des Beschriftungs- und Grafik­unternehmens Flosign.

Referenzen:

Heft: 71
Rubrik: Spielfeld
ballesterer # 113

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Der nächste ballesterer fm erscheint am 18.08.2016.

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