Coming out, coming in

Marcus Urban war Jugendnationalspieler in der DDR und schwul. Ein Buch über seine Erfahrungen hat die Diskussion über den offenen Umgang von Profifußballern mit ihrer Homosexualität in Deutschland neu entfacht.
Ulf Heidel, Nicole Selmer | 02.12.2008
Anfang der 1990er Jahre war Marcus Urban auf dem Sprung in den Profifußball. Eine Verletzung brachte seine Karriere ins Stocken, aber dass Urban sie beendete, bevor sie begann, hatte andere Gründe: Er war schwul und Fußballer, ein Widerspruch in sich, den der vielversprechende Nachwuchsspieler um seiner selbst willen mit 20 Jahren auflöste, indem er dem Fußball den Rücken kehrte.

Die Veröffentlichung von Urbans Lebensgeschichte, niedergeschrieben vom Sportjournalisten Ronny Blaschke, und die interessierte Aufnahme des Buches »Versteckspieler« in den Medien sind Symptome eines Klimawandels im deutschen Fußball. Neben antirassistischen Bemühungen ist auch die (selbst)kritische Beschäftigung mit Homophobie auf die Agenda gesetzt worden sicherlich nicht mit oberster Priorität, aber auch nicht unter »ferner liefen«. Nachdem sich in Deutschland 2004 das Fußballmagazin Rund einige Jahre nach der Gründung der ersten schwul-lesbischen Fanklubs, in einem ausführlichen Bericht erstmals mit der Situation schwuler Fußballer auseinandergesetzt hatte, ist in den letzten Jahren das Interesse am viel beschworenen »letzten Tabu« des Fußballs beständig gewachsen.

Inzwischen haben deutsche Medien wie die Zeit, Deutschlandradio und auch das DSF Reportagen, Features und Interviews gebracht, in denen über Fußball als Bollwerk traditioneller, heterosexueller Männlichkeit gesprochen und über die (Un-)Möglichkeit eines Coming-outs spekuliert wurde. »Versteckspieler« ist aber nicht nur Symptom dieser Veränderung, sondern fügt ihr auch ein neues Moment hinzu. Denn in diesem Diskurs, der gewissermaßen vom Rand und von außen herkommend in die Fußballwelt einsickerte, gibt Marcus Urban dem Phänomen »Männerfußball und Homosexualität« nun einen Namen und ein Gesicht.

Urbans Geschichte berichtet aus dem Inneren des Fußballs, aus dem Leben in der Fußballschule, vom Wunsch, ein neuer Pelé zu werden, und vom Druck, den Anforderungen als Sportler und damit als Vorzeigemann zu genügen. Aus den Interviews mit Urban hat Blaschke einen subjektiven Erlebnisbericht erstellt, der weniger von erfahrener Diskriminierung als vielmehr von internalisierter Homophobie erzählt. So erhebt das Buch keine Anklage gegen die Männlichkeitsschule des Fußballs, sondern zeichnet eine Suche nach dem eigenen Glück nach, die für den »Versteckspieler« erst Erfolg verspricht, als er sein Versteck und damit den Fußball verlässt. Für die Fußballwelt hinterlässt Urbans Coming-out-Geschichte damit die Frage: Wenn irgendwo da draußen ein neuer Pelé heranwächst, wäre es dann nicht eine Schande, wenn wir ihn verpassen würden, weil er schwul ist?

Zivilisierung der Fankurve?
Unbestritten ist jedoch, dass sich die Rahmenbedingungen für ein mögliches Coming-out zumindest in Deutschland verändert haben. Als Christoph Daum, Trainer des 1. FC Köln, im Frühjahr 2008 durch homophobe Interviewäußerungen auffiel, musste er sich nach Protesten entschuldigen und mit dem schwul-lesbischen Kölner Fanklub »Andersrum rut-wiess« ein Versöhnungsbier trinken. Der Großteil der öffentlichen Verlautbarungen aktiver Fußballer ist mittlerweile von einem liberaleren Denken geprägt, der deutsche Nationalspieler Philipp Lahm gab Anfang des Jahres dem schwulen Lifestyle-Magazin Front ein Interview und erklärte: »Wenn ein Spieler schwul ist, ist er trotzdem mein Mannschaftskollege, und für mich würde sich im Umgang mit ihm nichts ändern. () Ich lebe gerne in einer liberalen, offenen Gesellschaft, in der ein tolerantes Miteinander ohne diskriminierende Vorurteile möglich ist.«

Als Vorsprecher für solche Sätze wie aus dem Antidiskriminierungslehrbuch gilt erstaunlicherweise der emanzipatorischen Denkens lange unverdächtige Deutsche Fußball-Bund, insbesondere dessen Präsident Theo Zwanziger, der Wörter wie Homophobie und Rassismus nicht nur ausspricht, sondern auch verkündet, gegen jegliche Form der Diskriminierung vorgehen zu wollen. Das bedeutet, sie mit Sanktionen zu ahnden, und zwar »von oben« wie es in der Topografie des Diskurses unvermeidlich heißt. Vereine definieren in ihren Stadionordnungen, was zum »Ausschluss von der Veranstaltung« führen kann, und Sportgerichte ermitteln nach den Richtlinien gegebenenfalls vorhandener Antidiskriminierungsparagrafen. Etwa wenn »von unten« Rufe erschallen wie unlängst beim Auswärtsspiel des FC St. Pauli in Rostock, als das halbe Stadion verkündete, »die schwulen Hamburger« zu hassen.

Eine Zivilisierung des Fußballs was im Wortsinn ja »bürgerlich machen« heißt ist für manche Fans, die sich durch Vorschriften und Verbote ohnehin schon übermäßig gegängelt sehen, allerdings kein Fortschritt, sondern vielmehr eine weitere Einschränkung der Freiheit in der Kurve. Das gefürchtete Endstadium dieser Entwicklung stellen die »englischen Verhältnisse« dar, wo verbale Verfehlungen per SMS an den Ordnerdienst gemeldet und umgehend durch einen Stadionverweis geahndet werden können. So sieht eine Schreckensvision aus Sicht der Fankurve aus.

Umgekehrt werden jedoch die vermeintlich unzivilisierten, unberechenbaren Fanhorden immer wieder als größtes Hindernis für das Coming-out eines Fußballers heraufbeschworen. Sie würden einem offen schwulen Spieler das Leben zur Hölle machen, heißt es, gilt Fußball doch als letzte Bastion ungezügelter Hetero-Männlichkeit ganz so, als wäre die außerhalb des Stadions, im Rest der Gesellschaft, mittlerweile abgewickelt.

Im Allerheiligsten
In einer solchen Gegenüberstellung von oben und unten, innen und außen gerät aus dem Blick, dass die vermeintlich klaren Fronten längst in Bewegung geraten sind: Unsichtbare »Versteckspieler« wie Marcus Urban sind »drin«, auch wenn sie noch nicht »raus« sind. Präsent in deutschen Stadien sind auch die schwul-lesbischen Fanklubs, die trotz weiter bestehender Akzeptanzprobleme dort ihre Regenbogenfahnen aufhängen. Und selbst wenn Lahm und andere mit ihren Vorab-Solidaritätsbekundungen für den Fall eines Coming-outs nicht nur ihre Toleranz, sondern immer auch ihre Heterosexualität ausgestellt haben, ist durch sie jene Grenze durchlässiger geworden, die ein solches Outing bisher als Ding der Unmöglichkeit hat erscheinen lassen.

Dies ist hervorzuheben, da einiges dafür spricht, dass das Coming-out eines aktiven Spielers zuallererst nicht in der Fankurve oder den Redaktionen der Fußballmagazine, sondern im Allerheiligsten des Fußballs glücken muss der Mannschaftskabine, zu der weder Fans noch Journalisten Zutritt haben. Dort, im nicht-öffentlichen, aber täglichen Miteinander von Spielern und Betreuern, entscheidet sich vermutlich viel mehr als in den 90 Minuten auf dem Platz. Und hier gibt die Lektüre von »Versteckspieler« auch Anlass zu Optimismus, denn Marcus Urbans Outing gegenüber ehemaligen Mitspielern verlief entgegen seinen Erwartungen fast ausnahmslos positiv.


Buchtipp:
Ronny Blaschke: »Versteckspieler. Die Geschichte des schwulen Fußballers Marcus Urban«
(Verlag Die Werkstatt)


Referenzen:

Heft: 38
Rubrik: Spielfeld
ballesterer # 82

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