»Blatter fährt gegen die Wand«

cache/images/article_1925_kistner_fm59_c_dominik-si_140.jpg Seit Jahren weist der deutsche Investigativjournalist Thomas Kistner auf die dubiosen und teils kriminellen Vorgänge im Weltverband unter Präsident Joseph Blatter hin. Jetzt hat er seine Erkenntnisse unter dem Titel »FIFA-Mafia« in Buchform veröffentlicht.
Mathias Slezak | 14.08.2012

FIFA-Mafia« erzählt von Bestechungen im Präsidentschaftswahlkampf, verdächtigen Zahlungen bei WM-Vergaben und Unregelmäßigkeiten bei TV-Deals. Thomas Kistner erklärt das System FIFA und wie sich Sepp Blatter trotz zahlreicher Anschuldigungen dank seines Netzwerks auf dem Präsidentensessel halten kann. Ein lesenswertes Buch, das im Stil eines Wirtschaftskrimis alle Skandale der vergangenen Jahrzehnte noch einmal aufrollt und den Leser, sofern er den Überblick über alle Zahlen und Namen behält, sprachlos zurücklässt.

ballesterer: Wie finden Sie Interviewpartner zu solch heiklen ­Gesprächsthemen?
Thomas Kistner: Ich befasse mich mit dem Thema ja schon seit langer Zeit, da kennt man natürlich viele Leute und hat schon viele Unterlagen und Informationen. Die Quellen müssen dem Autor vertrauen können. Außerdem lässt ein Laden wie die FIFA über all die Jahre viele Opfer, Frustrierte und ehemalige Mitarbeiter auf dem Wegrand zurück, die dann Informationen weitergeben wollen.
Hat die FIFA versucht, das Erscheinen des Buches zu verhindern?
Die FIFA hat sich vor Erscheinen des Buches bereits beim Verlag und bei mir persönlich gemeldet und wollte das Manuskript sehen. Sie haben mir gesagt, es gebe zwei Möglichkeiten: Entweder wir geben das Manuskript freiwillig heraus, oder sie werden es auf einem anderen Weg organisieren. Wir haben das Manuskript natürlich nicht herausgegeben. Die hoch bezahlten Anwälte der FIFA haben das Buch seit Erscheinen sicher genau studiert, aber nachdem wir noch nichts gehört haben, sind sie wohl nicht fündig geworden.
FIFA-Präsident Blatter steht aktuell wieder in der Kritik. Was muss passieren, damit er zurücktritt?
Sepp Blatter wird niemals freiwillig zurücktreten, selbst wenn er 100 Jahre alt wird. Da müsste schon eine Situation entstehen, die ihm keine andere Wahl lässt. Das könnte sein, wenn die aktuellen Ermittlungen gegen ehemalige FIFA-Funktionäre ihn ebenfalls in Mitleidenschaft ziehen. Es stellt sich auch die Frage, was der ehemalige Vizepräsident Jack Warner, der bereits angekündigt hat, »einen Tsunami entfesseln zu wollen«, sagen wird. In den laufenden Reformprozess setze ich wenig Hoffnung.
Warum glauben Sie nicht, dass sich dadurch etwas ändern wird?
Blatter wird wohl kaum von seiner eigenen Reform weggewischt werden, da geht es vielmehr darum, ihn als großen Reformator zu präsentieren. Das ist natürlich absurd. Die FIFA ist mit Blatter auf einem guten Weg und zwar Richtung Wand. Aber anstatt die Richtung zu ändern, setzt man eine neue Lok ein und Blatter obendrauf. Die neuen Verhaltensregeln werden nichts ändern, sonst gäbe es auch in der Weltwirtschaft, wo fast jedes Unternehmen solche Regeln hat, keine Korruption mehr. Es ist ein Unterschied, ob ich die Bibel nur auf meinem Nachttisch liegen habe oder ob ich sie auch lese und die zehn Gebote befolge.
Was müsste sich in der FIFA ändern?
Es müsste einen personellen Neuaufbau geben. Michel Platini ist als neuer Präsident keine Alternative, er wäre nur ein in Wolle gekleideter Blatter. Blatter müsste weg und dazu alles, was Blatterschen Stallgeruch hat.

 

Zum Buch 

Thomas Kistner

»FIFA-Mafia. Die schmutzigen Geschäfte mit dem Weltfußball«

(Droemer, 2012)

Referenzen:

Heft: 74
Rubrik: Rezensionen
ballesterer # 82

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 12. Juli 2013.

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