Berliner Stadionleichen

cache/images/article_1910_portrait-wolter_140.jpg Nachdem der Historiker Christian Wolter in »Schlachten, Tore, Emotionen« die Geschichte des Leipziger Bruno-Plache-Stadions wiederaufleben ließ, legt er jetzt eine Enzyklopädie der Berliner Stadien vor, in der 70, größtenteils längst vergessene, Stadien der deutschen Hauptstadt porträtiert werden.
Martin Endemann | 12.07.2012

Das Buch ist nicht nur ein reines Nachschlagewerk für Informationen zu Stadien, es ist auch eine sozio-kulturelle Geschichte der Berliner Vereins- und Fanlandschaft von der Jahrhundertwende bis heute. Hunderte kleine Anekdoten, wie die Geschichte des Schiedsrichters Glücksmann, der sich bei einem Spiel zwischen TeBe und Minerva im Jahre 1910 von den Zuschauern derart bedroht fühlte, dass er einen Revolver zog, sorgen für ein nicht enden wollendes Lesevergnügen. Ergänzt wird der beeindruckende Band von größtenteils nie zuvor gesehenen Fotos, die teilweise aus dem 19. Jahrhundert stammen.

ballesterer: Wie kommt man als Mecklenburger und Fan von Hansa Rostock und Lok Leipzig auf die Idee, ein Buch über Berliner Stadien zu schreiben?
Christian Wolter: Eigentlich ist das ganz einfach: Ich Fußballfan und die meisten Fußballfans sind halt auch Stadionfans. Bei mir hat sich diese Leidenschaft entwickelt, nachdem ich als Zwälfjähriger zum ersten Mal in einem richtigen Stadion war dem alten Ostseestadion in Rostock. Danach habe ich damit begonnen, im Schulunterricht meine Hefte mit Stadien vollzumalen und Spielstätten in fremden Städten zu besuchen. Irgendwann hat dann dieses besondere Interesse für Fußballplätze begonnen, auf denen es nicht mehr den ganz großen Fußball zu sehen gibt. Und für mittlerweile bebaute Grundstücke, auf denen vor 50 oder 100 Jahren Fußballplätze gestanden sind. Irgendwann habe ich mich dann einmal gefragt, wie viele interessante Fußballplätze es bisher wohl in Berlin gegeben haben mag.
Wie lange hat die Arbeit an Ihrem Buch gedauert?
Ich habe zwei, drei Jahre intensiv recherchiert: Zeitungen ab 1896 ausgewertet, bei Vereinen, Archiven und Sammlern um Auskünfte und Fotomaterial gebeten, Fans und Zeitzeugen befragt und alte Stadtpläne nach Fußballplätzen, Stadien und Radrennbahnen unter die Lupe genommen. Das waren die wichtigsten Quellen. In den ersten Wochen und Monaten bin ich ständig auf längst vergessenen Grounds gestoßen, von denen selbst die meisten Berliner nichts mehr gewusst haben. Der Berg an Material ist täglich gewachsen, aber das hat auch den Ehrgeiz und die Neugier beflügelt.
Was war die interessanteste Geschichte im Rahmen der Recherche?
Am interessantesten fand ich Informationen über das Verhalten der Zuschauer in früheren Zeiten, also wie sich Fankultur früher geäußert hat. Wie sich Freude und Wut ausgedrückt haben, mit welchen Schwierigkeiten Zuschauer verschiedener Zeiten zu kämpfen hatten und wann es die ersten Krawalle, Gesänge und Transparente gegeben hat. Diese Dinge waren für das Buch genauso wichtig wie architektonische Details und sportliche Highlights.  

 

Eine große Stärke des Buches sind Unmengen an teilweise sehr alten Fotos. Wo treibt man so etwas auf?
Ich habe bei allen alten Berliner Fußballvereinen angerufen und Bezirksmuseen, das Landesarchiv und Sammler kontaktiert. Da ist glücklicherweise genug für das Buch zusammengekommen. Leicht war es aber nicht, denn leider ist viel Material im Krieg verbrannt. Vermutlich noch mehr wurde seitdem aus Gedankenlosigkeit ­weggeworfen.

 

Zum Buch

Christian Wolter
»Rasen der Leidenschaften. Die Fußballplätze von Berlin. Geschichte und Geschichten.«
(Edition Else, 2012)

ballesterer # 82

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 12. Juli 2013.

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