ballestererfm: In Spanien scheint die Welt noch in Ordnung zu sein: Es gibt keine Klubs, die Firmenbezeichnungen in Vereinsnamen integriert haben, die Trikots sind nicht vollkommen zugepflastert...
Harald Irnberger: Man hat einen Trikotsponsor und am Ärmel meist noch einen kleinen Aufnäher von der Fernsehanstalt, bei der man unter Vertrag steht.
Kommt von denen auch das viele Geld?
Bei den meisten, ja. Es ist in Spanien anders als zum Beispiel in Deutschland, hier schließen alle Vereine ihre Verträge selbst ab und nicht die Liga. Die besitzt lediglich die Weiter- oder Zweitvermarktungsrechte. Es ist eine ungeheuer undurchschaubare Geschichte. Jeder Verein hat einen eigenen Vertrag mit irgendeinem Rechteverwerter oder einer Fernsehanstalt. Oft werden diese Verträge auch noch nachverhandelt, wie jetzt beim FC Barcelona, der in Zukunft 125 statt der bisherigen 80 Millionen Euro pro Jahr bekommen wird.
Ist der Anteil der Eintrittsgelder am Budget der einzelnen Vereine geringer als in anderen Ligen?
Das ist höchst unterschiedlich. Es gibt ja nur noch vier Vereine im eigentlichen Sinn: FC Barcelona, Real Madrid, Osasuna Pamplona und Athletic Bilbao. Alle anderen sind ein ganz eigener Typ von Aktiengesellschaften, wofür eigens ein Gesetz geschaffen wurde. Da gibt es keine Vereinsmitglieder mehr. Was früher die Mitglieder waren, sind jetzt die Abonnenten. Und diese Abonnements sind ein wichtiger Kapitalstock für viele Vereine, weil sie das Geld vorweg haben und damit kalkulieren können.
Osasuna Pamplona hat im Dezember 2005 das »El Sadar« in »Reyno de Navarra« (Anm.: Königreich Navarra, der regionale Tourismusslogan und zugleich selbstbewusstes politisches Signal) umbenannt und damit als erster Verein seinen Stadionnamen verkauft. Könnte das Beispiel Schule machen, so dass es in ein paar Jahren wie vor allem in Deutschland fast nur noch Arenen mit Konzernnamen gibt?
Nein, es gibt hier relativ wenige Vereine, die ihre Stadien besitzen. Das sind die großen bzw. klassischen Vereine wie die in Madrid, der FC Barcelona oder Bilbao. Wenn man ein Stadion besitzt, dann wird das in Spanien eher nach dem Schema abgewickelt, wie es Florentino Pérez bei Real Madrid mit dem Trainingsgelände praktiziert hat. Man hat also eine relativ stadtnahe und damit teure Immobilie, die man entweder verkauft oder selbst urbanisiert und dann verkauft. Wo das Stadion stand, werden Hochhäuser und Geschäftszentren hingebaut, und damit wird man erst einmal schuldenfrei und hat dann immer noch genug Geld, um irgendwo draußen an der Peripherie wesentlich billiger etwas Neues zu bauen. Beim FC Valencia und bei Atlético Madrid wird gerade an solchen Projekten gearbeitet.
Gerade im Vergleich zu Österreich hört man kaum einmal, dass ein spanischer Verein in Konkurs gehen muss.
Nein, das nicht, obwohl es bei manchen nie ganz klar ist, wie das läuft. Ein klassischer Fall ist Atlético Madrid: Die waren verschuldet oder überschuldet, dazu kam das totale Chaos mit der Gil-Familie, wo keiner gewusst hat, wem was gehört und wer wo wieviel Geld hineingesteckt oder herausgenommen hat... Der Verein wurde ja teilweise schon vom Gericht verwaltet, und Gil y Gil hat sich dem Häfen offenbar nur durch sein rechtzeitiges Ableben entzogen. Atlético ist also hoch verschuldet, der Klub hat aber noch Immobilien-Vermögen, und von denen lebt er offenbar. Es gibt bereits eine eigene Firma, die daran arbeitet, das Calderón-Stadion zu vermarkten. Einer der wichtigsten Aktionäre dieser Firma ist übrigens Fernando Martín, der im Frühjahr für ein paar Wochen Präsident von Real Madrid war. Es ist überhaupt auffällig, dass ein Großteil der Vereinspräsidenten hier in Spanien im Immobiliengeschäft tätig ist und dadurch schnell reich wurde.
Würden Sie sagen, dass Real Madrid oder FC Barcelona in einem anderen Land wie Deutschland oder England, wo die Finanzen strenger geprüft werden, schon in Konkurs geschickt worden wären?
Nein! Auch wenn sie hohe Schulden haben oder hatten, steht da immer ein riesiges Immobilienvermögen dahinter. Das Stadion des FC Barcelona ist z.B. ziemlich stadtnah und in Barcelona sind die Grundstückspreise enorm, weil sich die Stadt ja an sich nicht ausdehnen kann. Auf der einen Seite gibt es das Meer, auf der anderen Seite mehrere kleine Berge. Daher explodieren die Preise. Diese Riesen-Immobilie, das ist ja nicht nur das Camp Nou sondern auch ihr Mini Estadi, die Trainingsplätze und der große Sportpalast, das alles zusammen ist ungeheuer viel wert!
Die Immobilienbranche hat nicht gerade den besten Ruf. Kann man aber auch über andere Vereinsvorsitzende sagen, dass sie nicht sehr seriös sind?
Das sind die allermeisten nicht! Der Schriftsteller Manuel Vázquez Montalbán hat immer gesagt: »Die Vereinspräsidenten sind die unpräsentabelsten Unternehmer von ganz Spanien.« Es gibt neben Laporta vom FC Barcelona nur einige wenige erfreuliche Ausnahmen, aber die Mehrzahl sind absolut zwielichtige Figuren. Das einzig Gute ist, dass ihnen die Vereine meist nicht alleine gehören.
José María del Nido sagt von sich, dass er als Präsident des FC Sevilla »die wichtigste Autorität der Stadt« sei und der »zweitwichtigste Mensch auf der Erde nach dem Papst«.
Ja, das ist typisch für den Trottel. Ein richtiger Winkeladvokat. Der ist als Anwalt verwickelt in den Korruptions-Skandal in Marbella, wo ja inzwischen die gesamte Stadtregierung abgesetzt wurde. Del Nido hatte einen langjährigen Vertrag als Anwalt von diesen Leuten. Er hat drei Millionen im Jahr kassiert, und niemand weiß, wofür eigentlich. Er wird wahrscheinlich als Mitangeklagter drin hängen in der ganzen Geschichte und ist somit auch wieder mit Gil, dem langjährigen Bürgermeister von Marbella, verbandelt.
Wie bewerten Sie das UNICEF-Sponsoring von Barça? Ist das wirklich eine rein humanitäre Geste?
Nicht nur, nicht nur! Und das sagen die Verantwortlichen auch. Dazu muss man wissen, dass Barcelona, wie man auf Katalanisch sagt, »mes que un club« also mehr mehr als ein Verein ist. Dass sie sich auch als gesellschaftspolitisch-kulturelle Institution verstehen, in erster Linie hinsichtlich des Katalanismus. Heute spricht man allerdings vom »catalanismo universal« einem Katalinismus von weltweiter Orientierung, mit dem sich der Verein international positionieren will. Sie zahlen der Unicef in den nächsten fünf Jahren 0,7 Prozent vom Reingewinn, also derzeit ungefähr 1,5 bis 1,7 Millionen Euro im Jahr. Wobei dieser Prozentsatz nicht zufällig gewählt wurde. Denn die UNO empfiehlt den Industrieländern 0,7 Prozent vom Bruttonationalprodukt an Entwicklungshilfe zu zahlen. Was aber kaum ein Land auch tatsächlich macht.
Glauben Sie, dass damit auch die Mitglieder und Fans des FC Barcelona an ein herkömmliches Trikotsponsoring herangeführt werden sollen?
Ja, dadurch gewöhnt man sich daran und es ist dann wesentlich leichter, den Platz in den nächsten Jahren an irgendeinen Konzern zu verkaufen. Abgesehen davon wird die Werbefläche durch diesen karitativen Akt und die internationale Aufmerksamkeit aufgewertet.
Harald Irnberger ist Spanien-Korrespondent des »Kicker« und Autor von Sachbüchern, Romanen, Theaterstücken, Drehbüchern, Reisereportagen und einigen Fußballbüchern. Zuletzt erschien: »Die Mannschaft ohne Eigenschaften. Fußball im Netz der Globalisierung« (Otto Müller Verlag, Salzburg 2005)






erscheint am 12. Juli 2013.
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