Die rot-weißen Löwen konnten seit ihrer Gründung 1898 dennoch beachtliche acht Meistertitel einfahren, zuletzt 1983 und 1984 unter dem umstrittenen Trainer Javier Clemente, dessen aggressiven Spielstil auch Maradona schmerzhaft zu spüren bekam. Den prestigeträchtigen Cup gewann Bilbao gar über 20 Mal. Damit im ehrwürdigen Stadion »San Mames« weiterhin Erstliga-Fußball gespielt werden könne, meinten ketzerische Stimmen schon Mitte der 90er-Jahre, man solle den »Baskenparagraph« ad acta legen. Die Idee wurde nach gewonnenem Abstiegskampf rasch verworfen.
Die Deutschen von Bilbao
Wie man im Athletic-Umfeld während der aktuellen Krise zur nationalen Selbstbeschränkung steht, versuchte der ballestererfm im Gespräch mit dem umtriebigen Fan Enrique Thate herauszufinden. Sein Familienbetrieb unterhält im Großraum Bilbao zwei Restaurants, zwei Metzgereien und eine Wurstfabrik. Seine große Leidenschaft gehört aber dem Fußball.
Mit einigen Gästen seines deutschen Bierlokals »Ein Prosit Bilbao« gründete er den deutsch-baskischen Athletic-Fanklub »Müller Dani«. Wie hier die Deutschen ins Spiel kommen? »Mein Großvater ist aus Halle an der Saale ausgewandert«, erklärt Enrique Thate, »Wegen der regen baskisch-deutschen Geschäftsbeziehungen und dem Konsulat in Bilbao gibt es hier so etwas wie eine deutsche Community. Viele von ihnen gehen auch gerne zum Fußball. Ich habe also gesagt: Wir machen in unserem Lokal einen Fanklub für die Deutschen, die mit Athletic mehr Kontakt haben wollen.«
Um den völkerverbindenden Aspekt zu betonen, wurde der Name Müller Dani gewählt, wie der Gastronom ausführt: »Einerseits Gerd Müller, andererseits Dani. Er spielte ungefähr zur selben Zeit wie Müller. So wie Müller in München, ist Dani bei uns eine Stürmerlegende.« Daniel Ruiz Bazán, so sein voller Name, spielte zwölf Jahre für Athletic und 25 Mal in der spanischen Nationalmannschaft. Er war auch eine der Stützen der Meistermannschaft der frühen 80er-Jahre. Eine Woche nach unserem Gespräch mit dem Gründer das Fanklubs sollte sich eines der Gründungsziele von Müller Dani erfüllen: Müller traf Dani.
Wenn man schon Gerd Müller ins Land holt: wie wäre es dann mit aktiven nicht-baskischen Spielern? »Athletic muss eine baskische Mannschaft sein. Was ich aber ganz klar betonen möchte: Athletic ist eine der wenigen Organisationen im Baskenland, die mit Politik absolut nichts am Hut hat. Athletic ist mehr als Politik. Die Tatsache, dass nur Basken spielen, hat keine politische oder nationalistische Dimension. Es ist einfach Tradition«, behauptet Enrique Thate. Die Personalpolitik war jedenfalls nicht immer so: 1911 wurde Athletic Bilbao sogar der spanische Pokalsieg aberkannt, nachdem andere Teams gegen die Briten im Aufgebot der Basken protestiert hatten. Wenig später war dann allerdings Schluss mit Legionären im Dress Bilbaos. Und dabei soll es auch bleiben, wenn es nach dem optimistischen Unternehmer geht: »Ich glaube, dass die Mehrheit der Basken der Meinung ist, dass wir nur mit Basken weiterhin in der ersten Liga bestehen können.«
Angewandte Baskologie
Was sind nun die Kriterien, die einen als Basken qualifizieren? Enrique Thate sieht es so: »Man muss nicht unbedingt im Baskenland geboren worden sein. Es genügt, wenn man als junger Spieler im Baskenland durch die lokale Fußballkultur geformt worden ist.« Ein Sonderfall ist Bixente Lizarazu, der aus dem französischen Teil des Baskenlandes stammt, den die »Bilbainer« als historisch baskisch ansehen. Gleiches gilt für die Region Navarra, worüber in Spanien jedoch kein Konsens herrscht. Bei der Zugehörigkeit der Region La Rioja scheiden sich endgültig die Geister. Klar ist, dass Athletic jede nur mögliche Ressource nutzen muss. So sieht es auch Enrique Thate, denn: »Das Reservoir an Spielern ist natürlich begrenzt. Es gibt nur zwei Millionen Basken.«
Javier Cáceres, Autor des Buchs »Fútbol. Spaniens Leidenschaft«, findet »Athletics Rekrutierungspolitik in ihrem Mangel an Konsequenz fast schon wieder belustigend sympathisch. (...) Jose Eulogio Gárate war in Argentinien zur Welt gekommen, wo seine Eltern den exilierten Großvater besuchten; er durfte bei Athletic nicht spielen. Anders als Biurrun, der einen identischen familiären Hintergrund hatte und in Brasilien geboren war.« Heute müssen die raren Basken zu saftigen Preisen geholt werden. Die kolportierten sechs Millionen Euro Ablöse, die zuletzt für den U18-Spieler Javier Martinez von Athletic an Osasuna Pamplona geflossen sein sollen, sprechen eine deutliche Sprache.
Einer der populärsten Athletic-Spieler ist ebenfalls als hochdotierter Jugendlicher nach Bilbao gekommen: Joseba Etxeberria. »Er ist vielleicht technisch nicht der Beste, aber er hat die richtige Einstellung. Für ihn ist es noch eine Ehre, für Bilbao zu spielen. Das zeigt er dem Klub und allen Leuten im Stadion stets mit vollem Einsatz«, so Enrique Thate, der mit »el gallo« engen Kontakt pflegt, wovon auch ihr gemeinsamer Besuch der WM in Deutschland zeugt. Etxeberria ist übrigens aus der Jugend von San Sebastian zu Athletic gekommen.
Des einen Leid ...
Dass seine Zukunft von der eigenen Jugend abhängt, erkannte Athletic bereits 1971 und gründete das Nachwuchszentrum Lezama. Doch Talente fördern sei nicht genug, so Enrique Thate, man müsse sie auch halten: »Ein Grund für die aktuelle Krise von Bilbao ist sicher der Verkauf von Asier del Horno und Santiago Ezquerro im Sommer 2005. Es wäre schon schwer genug, mit einer Mannschaft, die nur aus Spaniern besteht, in der Primera Division zu spielen. Nur mit Basken ist es noch um einiges schwieriger, deshalb sollte man keine Spieler verkaufen.«
Muss Real Sociedad absteigen, würde man in Bilbao sicher nicht in Mitleid versinken, sondern umgehend versuchen, Xabi Prieto, Javi Garrido und anderer talentierte Basken in den rot-weißen Dress zu stecken. Real Sociedad hat auch für Enrique Thate mit Athletic wenig zu tun, da dort (auch) Legionäre spielen. Bis zur Verpflichtung von John Aldrige im Jahre 1989 hatte Real Sociedad eine ähnliche Politik wie Bilbao verfolgt, danach holte man sogar Burgenländer.






erscheint am 12. Juli 2013.
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