Agonie oder Ektase

Die Play-Offs der englischen Football League sind umstritten. In den Endspielen geht für eine der beteiligten Mannschaften die Arbeit einer ganzen Saison in Brüche. Ein Fehlpass, der Schiedsrichter oder simples Glück kann die Aufstiegsfrage entscheiden. Der ballestererfm ist dem Charme der finalen Entscheidung in Cardiff dennoch erlegen.

Reinhard Krennhuber | 01.09.2004
Samstag, 29. Mai 2004, 16.00 Uhr: Eine Stunde ist gespielt im eindrucksvollen Millennium Stadium. Es steht 0:0, die Division One-Finalisten West Ham United und Crystal Palace liefern sich ein offenes Match, die Spannung unter den 72.523 Zuschauer ist greifbar. In der Pause ist es ungewöhnlich still gewesen unter den Tausenden West Ham-Fans in den Katakomben. Dabei hätte es viel zu besprechen gegeben. Bobby Zamoras Hundertprozentige zum Beispiel, als er allein vor Palace-Keeper Nico Vaesen auftauchte. Aber sie waren alle viel zu angespannt, an einen lockeren Plausch war nicht zu denken.
Doch nun sind die »Eagles« am Zug: Andy Johnson schießt aus spitzem Winkel, Hammers-Keeper Steven Bywater kann den Ball nur kurz wegschlagen und Neil Shipperley hat keine Mühe ihn aus kurzer Distanz über die Linie zu drücken. 1:0 für Palace! Der Kapitän hat das wahrscheinlich wichtigste Tor in seiner Karriere geschossen und reckt die Faust in Richtung Fanblock. Die 30.000 Supporter der Südlondoner stehen Kopf, Manager Ian Dowie vollführt einen Freudentanz auf der Linie. Gute 30 Minuten später ist es Gewissheit: Der Underdog hat sich durchgesetzt.

 

Ein Spiel um Millionen

 

Der kleine Silberpokal, den die Spieler nach dem weitgehend erträglich inszenierten Spektakel vor Dutzenden Fotografen und Kameraleuten nun küssen, ist wertvoller als man glauben möchte. Das Play-Off Final der First Division gilt auf der Insel nicht umsonst als eines der bedeutensten Fußballspiele überhaupt. Aufsteiger Crystal Palace kann in der Saison 2004/05 mit Mehreinnahmen von 25 bis 30 Millionen Pfund rechnen. Ein Quantensprung, der vor allem durch die ungleich höheren TV-Einnahmen in der Premier League zustande kommt. Vor zehn Jahren winkte ein Bruchteil dieser Summe, die Schere zwischen Groß und Klein hat sich seither extrem geöffnet. Die Konsequenzen wurden in der Transferzeit offensichtlich. Während Ian Dowie Geld für Nationalspieler wie Gabor Kiraly oder Jonaas Kolkka ausgeben konnte, verlor West Ham-Boss Ian Pardew unter anderem Mittelfeld-Regisseur Michael Carrick an die Tottenham Hotspurs.
Wie brutal die Finalspiele sein können, zeigt ein Blick auf den Saisonverlauf: Als Dowie seinen Job im Dezember 2003 übernahm, war Palace Sechstletzter und akut abstiegsbedroht. Weil aber 16 der ausständigen 26 Spiele gewonnen wurden, reichte es unterm Strich für Platz sechs und damit gerade noch für die Play-Offs. West Ham spielte seit Beginn der Saison an der Spitze mit, vergab jedoch die Chance auf den Direktaufstieg. Besondere Ironie dabei: Erst ein Last-Minute-Treffer von Hammers-Stürmer Briane Deane in der letzten Runde gegen Wigan hatte Palace auf einen Playoff-Platz gehoben.

 

Coole Bullen und Stretch-Limousinen

 

Während sich die Aggressionen der West Ham-Fans im Stadion in Form von Münzwürfen auf den Linienrichter entladen, nachdem dieser zwei Toren ihres Team die Anerkennung wegen Abseits versagte, bleibt es vor dem Stadion ruhig. Keine einzige Boxerei, die Polizei, die sich vor dem Spiel fast ausschließlich auf die Verkehrskontrolle beschränkt hatte, zeigt ein bisschen mehr Präsenz, bleibt aber freundlich. Die Bobbies halten sich im Hintergrund, die Anti-Riot-Abteilung kommt über Bereitschaftsdienst nicht hinaus und auch die ansonsten auf der Insel so gern eingesetzten Polizei-Pferde bleiben in den Ställen. Das Fußballfest geht nach dem Schlusspfiff weiter, auch wenn die East Londoner desillusioniert sind angesichts einer weiteren Saison mit Auswärtsspielen in Crewe oder Rotherham. »Entweder sie spielen extrem gut oder extrem scheiße. Aber was soll ich machen, so ist das als Hammers-Fan!«, sagt ein weitgehend zahnloser Lad nach dem Spiel, bevor er wie viele seiner Haberer in eine der unzähligen Stretch-Limousinen steigt, die für das Spiel des Jahres scheinbar hoch im Kurs stehen. Bevor es aber nach Hause geht, besuchen Sieger und Besiegte die unzähligen Pubs im direkten Umfeld des Stadions im Zentrum von Cardiff. Die Palace-Fans geben sich gelöst dem Aufstiegsrausch hin. Einer hängt Stunden nach Abpfiff allein über seiner x-ten Pint. Seine Freunde haben schon aufgegeben oder sind ohne ihn nach London gefahren. Dennoch ist seine Glückseligkeit grenzenlos, mehrmals taumelt er auf Wolke Sieben durchs Lokal. Mit Reden ist allerdings nichts mehr. Als ihm die Kellnerin noch ein Bier andreht, lässt er sie grinsend gewähren. So glücklich kann Premier League machen. Und nach dem Kater winken Trips in die heiligen Stätten nach Anfield oder Old Trafford. Ein paar Meter weiter ein ganz anderes Bild. Ein ebenfalls sturzbetrunkener Fan der Hammers lehnt mit Tränen in den Augen an einem Mistkübel. Palace-Supporter ziehen vorbei, es folgt ein tröstendes Shakehands.

 

Hallo, Herr Prescott!

 

Am nächsten Tag wiederholt sich das Szenario mit anderen Protagonisten. Nur die Memorabilia-Verkäufer sind dieselben geblieben, ihre breite Kollektion an Schals, Pins und T-Shirts haben sie freilich ausgetauscht. Die Fans von Brighton & Hove Albion und Bristol City tauchen die walisische Hauptstadt in blau und weiß und rot. Gesänge hüben wie drüben, Brighton ist sich des Sieges sicher: »Good old Sussex by the sea! Good old Sussex by the sea! Cos were going up and win the Cup for Sussex by the sea« hallt es durch die Gassen der Altstadt.
Im Stadion nutzen die 25.000 Albions-Anhänger unter den 65.127 Zuschauern die einmalige öffentliche Aufmerksamkeit zu einem beeindruckenden Fanprotest. Auf unzähligen Transparenten wird der zuständige Vize-Premier John Prescott aufgefordert, den Stadionplänen der »Seagulls« doch endlich seinen Sanktus zu geben. Die TV-Übertragung sorgt dafür, dass der Politiker die Message auch wahrnimmt. Hintergrund der Grußadresse: Brighton musste nach dem Abriss seines legendären Goldstone Grounds erst nach Gillingham übersiedeln und dann mit dem Withdean-Stadion vorlieb nehmen, einem Leichtathletik-Platz für nur 7.000 Besucher. Season Tickets sind begehrt wie kaum woanders, es wäre ein leichtes die doppelte Anzahl zu verkaufen. Pläne für ein neues Heim in Falmer am Stadtrand von Brighton liegen seit Jahren in der Schublade der Vereinsführung. Weil der offenbar einzig in Frage kommende Platz aber in einem Naturschutzgebiet liegt, legten sich Politiker auf Druck von Bürgerinitiativen bisher quer. Die Transparente gegen Prescott reichen von der höflichen Bitte bis zur zornigen Aufforderungen, doch endlich seinen Arsch zu bewegen.
Das Match wird wie so oft in einem Play-Off Final durch ein einziges spätes Tor entschieden, Topscorer Leon Knight verwandelt in der 83. Minute einen Elfer und beschert damit Brighton den sofortigen Wiederaufstieg in die zweite Liga. Anschließend fließt das Bier wieder in Strömen. Auch die ersten Vorboten des Third Division-Finales sind schon da, ein Huddersfield-Fan beglückwünscht die Albions und gibt ihnen gleich einen Auftrag für die nächste Saison mit: »Beat Leeds!«. Vor dem Pub verabschieden sich Brighton-Fans voneinander. »See ya next season« sagt der eine, die Antwort ist ein lapidares »Dont know if I get a season ticket.« Die weiter ungeklärte Stadionfrage wirft Schatten auf den Aufstieg.

 

Röhrende Hirsche und eine Liebeserklärung

 

Am nächsten Tag beherrschen die Anhänger des Traditionsklubs Huddersfield Town das Stadtbild und das mit 37.300 Zuschauern noch immer erstaunlich gut besuchte Stadion. Trotz der weiten Anreise aus Nordengland haben sich aber auch 10.000 Fans des Außenseiters aus Mansfield (Einwohner: 70.000) eingefunden. Als ihre Blau-Gelben das Spiel bis tief in die zweite Hälfte offen halten, verstummt der Huddersfield-Support. »Mansfield, Mansfield, Mansfield« hallt es durchs Oval. Für die Anhänger der »Stags« (Hirsche) muss ein Traum in Erfüllung gehen. Einige Augenblicke lang ist das Millennium Stadium in ihrer Hand. Erst in der Verlängerung kommen die gut 25.000 aus Huddersfield wieder in Fahrt: Ihr »We are the town. Oh yes, we are the town« sorgt für Gänsehaut beim Besucher vom Kontinent.
Die beste, weil am offensivsten geführte Partie des Wochenendes endet absurder Weise torlos. Im Penalty-Schießen erinnert sich Mansfields Liam Lawrence an den großen Antonin, sein Heber tröpfelt von der Querlatte aber wieder zurück ins Feld der Anfang vom Ende. Nach dem Schlusspfiff singt Huddersfield inbrünstig ein Cover von »I cant help falling in love with you«. Eine Aussage, die auch auf das Playoff-Wochenende angewendet werden kann. Ungerechtigkeiten hin, Glück her.

Referenzen:

Heft: 14
Rubrik: Fansektor
ballesterer # 82

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 12. Juli 2013.

Abo bestellen

Newsletter


RSS Feed abonnieren

Leserbrief

an den ballesterer