Abstiegskampf am Victoriasee

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Toto African fehlt es an Geld. Der Erstligist aus Tansania kann weder ordentliche Trainingsplätze bezahlen, noch seine Spieler – geschweige denn die Schiedsrichter bestechen. Der 23-jährige Deutsche Tim Jost trainiert den Klub. Sein Bericht aus der Premier League.

Tim Jost | 07.02.2017

Wir wussten, dass unser Auswärtsspiel gegen Ruvu Shooting schwer werden würde. Ihr Stadion liegt mitten im Wald, der Platz ist katastrophal, und wir kennen den Gegner kaum. Die Spiele des Klubs werden nur selten im Fernsehen übertragen. In der 15. Minute schmeißt sich unser Tormann auf die Erde, Sekunden später liegen auch die restlichen Spieler und die Betreuer an der Outlinie am Boden. Ein Insektenschwarm fliegt wie ein engmaschiger Teppich in circa einem Meter Höhe über den Platz, der Schiedsrichter unterbricht das Spiel, die Fans grölen und krümmen sich vor Lachen. Kurze Zeit später läuft das Spiel weiter, als wäre nichts gewesen.

Dass ich diese Szene erleben durfte, verdanke ich meiner UEFA-B-Lizenz und der Vermittlung der NGO Sports Charity Mwanza. Seit dem vergangenen Sommer trainiere ich den tansanischen Erstligisten Toto African SC aus Mwanza, seit Kurzem als Cheftrainer.

Profis im Sechserzimmer
Mwanza zählt zu den größten Städten und aufgrund der Lage am Victoriasee zu den wirtschaftlichen Zentren des Landes. Doch für den Fußball gibt es hier kaum Geld. Toto African hat keine Sponsoren und finanziert sich über Zuschüsse des Ligasponsors, die geringen TV-Gelder und Zuschauereinnahmen. Dementsprechend günstig ist der Kader. Ausländische Spieler kann sich der Verein nicht leisten, alleine schon die Registrierung beim Verband wäre zu teuer. Da der Großteil der Mannschaft nur Einjahresverträge hat, ist eine langfristige Planung unmöglich. Vor Saisonstart musste knapp die Hälfte des 25-Mann-Kaders ersetzt werden. Um die Lücken zu schließen, lud der Verein über lokale Zeitungen und Radiosender zum Probetraining. Eine mühsame und wenig effiziente Maßnahme. Weitere Möglichkeiten des Scouting sind Empfehlungen von erfahrenen Spielern und Vorstandsmitgliedern, wobei Letzteres auch problematisch sein kann. Verpflichtet man einen eingeladenen Spieler, wird eine Provision fällig; verpflichtet man ihn nicht, rebellieren die Fans, weil sie sich durch die großen Ankündigungen einiges erwarten.

Fußball ist in Tansania der beliebteste Sport, es wird an jeder Ecke gekickt. Aber das Interesse gilt hauptsächlich den großen Vereinen aus Daressalam. Bei Spielen gegen Simba SC und Young Africans SC strömen die Fans in die Stadien, es werden bis zu 10.000 Karten verkauft. Im Ligaalltag sind es kaum mehr als 3.000.

Wer es bei Toto African in die Mannschaft schafft, wird zumindest Profi und verdient im Schnitt 200 Euro im Monat. Während der Saison sind die Spieler in einem Camp in Sechserzimmern einkaserniert, der Komfort hält sich in Grenzen. Immerhin gibt es fließendes – meist kaltes – Wasser und Strom, eine kleine Küche und Aufenthaltsräume mit einem Billardtisch und einer alten Playstation. Für das Training stehen uns zudem eine kleine Kraftkammer und ein Beamer zur Videoanalyse zur Verfügung – schwieriger ist es, an geeignetes Videomaterial zu kommen, da nicht alle Spiele der Liga übertragen werden.

Verbotene Tricks
Die Geldsorgen sind auch bei alltäglichen Dingen spürbar. Auf 30-stündigen Auswärtsfahrten müssen die Spieler im Bus schlafen, um die Hotelkosten zu sparen. Einen eigenen Trainingsplatz hat der Klub nicht, jede Einheit auf einem annehmbaren Platz kostet Geld. Wenn Gras vo rhanden ist, ist es oft viel zu lang, da das Benzin für den Rasenmäher nicht bezahlt werden kann. Schlechte Plätze sind meist umsonst zu haben. Manchmal wird einfach ein Markt geräumt, um dort zu spielen, die Spielfeldlinien sind oft nur per Hand in den Sand gezogen oder gar nicht erst vorhanden.

Die widrigen Umstände werden mitunter mit vermeintlich magischen Mitteln bekämpft. Unser Hexer vertraut auf mysteriöse Salben, brennende Stäbchen und intensiv riechende Gewürze. Werden diese Rituale aufgedeckt, setzt es eine hohe Geldstrafe des Verbands, denn Zauberei ist verboten. Erfolgsversprechender sind ohnehin andere Tricks, zahlreiche Schiedsrichter stehen unter Korruptionsverdacht. Für einzelne Ligaspiele zahlen einige Topteams Gerüchten zufolge Summen, die Toto Africans Budget sprengen würden.

Am meisten leiden die Spieler unter den ständigen Geldproblemen. Häufig müssen sie auf ihr Gehalt warten, und die Löhne sind oft die einzige Einnahmequelle der gesamten Familie eines Spielers. Immer wieder kommt es zu Streikdrohungen. Diese wirken, denn sollten Spiele wegen Arbeitskämpfen abgesagt werden, wird der Verein zwangsrelegiert. Abstiegssorgen sind aber auch ganz ohne Streiks ein ständiges Thema. Meine Mannschaft ist die mit Abstand jüngste der Premier League, von den professionellen Verhältnissen der Topteams sind wir meilenweit entfernt. Seit Saisonbeginn stecken wir am Tabellenende fest, nach einem guten Start in die Rückrunde stehen wir zu Redaktionsschluss auf einem Nichtabstiegsplatz. 

Referenzen:

Heft: 119
ballesterer # 119

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