Die Phrasenmäher von der Spree

Skeptiker halten kulturelle Wertschöpfung innerhalb eines kommerziellen Großereignisses wie der EM für unrealisierbar.Die Kommentatoren des »WM-Studio-Mitte« aus Berlin wollen hingegen beweisen, dass Kultur- und Medienkritik mit Liebe zum Fußball und sogar mit einem großen Sponsor vereinbar sind. Zu sehen ab 7. Juni im Wiener Volksgarten.
Nico Laubisch | 14.05.2008
Seit der WM 2002 veranstalten die Berliner Waldefried Forkenfeld, Sven-Ole Knuth, Mirco Dziekanski und Felix Ney unter dem Namen »WM-Studio-Mitte« regelmäßig Fußballübertragungen der besonderen Art: Der Kommentar der Fernsehstationen wird ausgeblendet, und man moderiert selbst. Dabei kann es durchaus vorkommen, dass ein glückloser Stürmer des übermäßigen Alkoholgenusses am Vorabend verdächtigt oder ein missglücktes Abspiel durch halsbrecherische Assoziationsverkettungen mit der angespannten Lage auf den asiatischen Aktienmärkten in Verbindung gebracht wird.
Trotz satirischer Ansätze nehmen die Fußballexperten den Sport durchaus ernst. Nach dem Motto »Wichtig ist auf dem Platz« wird das bierselige Rahmenprogramm der TV-Sender mit einer bunten Mischung eigener Beiträge karikiert. Mit täuschend echten Hochglanzreklamespots für imaginäre Firmen, Interviews mit Sportlern oder Prominenten und skurrilen Videobeiträgen werfen Forkenfeld und Co. nicht nur einen eigenwilligen Blick auf den Profifußball und seine Protagonisten, sondern auch auf den dazugehörigen Presse- und Marketingwahnsinn.

Hausgemachtes Hacking

 

Kulturtheoretiker bezeichnen derartige Neuinterpretation medialer Ereignisse als »cultural hacking« im Fall des WM-Studios wird das statische Fernsehformat durch den hausgemachten Live-Kommentar und das eigene Rahmenprogramm in einem Zerrspiegel reflektiert und das uniforme Massenmedienereignis neu kontextuiert.
Für Sven-Ole Knuth ist Fußball einerseits eine gigantische Unterhaltungsindustrie, aber selbst auf höchstem Niveau nur ein Sport. »Uns interessiert beides«, so Knuth zum ballestererfm,  »also sowohl die Frage, warum mancher Profifußballer beim Gaberln ein lockeres Fußgelenk bevorzugt, als auch, wie die Mechanismen funktionieren, mit denen unterschiedliche Interessenvertreter eine eigentlich banale Körperertüchtigung in ein gigantisches und profitables Medienereignis verwandeln.« Und da man das beim besten Willen nicht ernst nehmen dürfe, »verändern wir einfach ein bisschen die Perspektive«.

Volksgarten statt Burgtheater

 

Nachdem das »WM-Studio-Mitte« mit der Unterstützung von befreundeten Designern, Künstlern und Technikern über vier Jahre hinweg in wechselnden Berliner Locations Bundesligakonferenzen, Champions-League-Spiele und die großen internationalen Turniere übertrug, war es wie so oft keine der schwerfälligen Kulturinstitutionen, die das Potenzial der Gruppe erkannte. Anlässlich der WM 2006 verpflichtete sie der Sportartikelhersteller Puma für eine Veranstaltung im Café Moskau, wo sie mit Sputnik-TV einen hausinternen Fernsehsender inszenierten.
Diese Kooperation wird nun auch zur EM fortgeführt. Während die ehrwürdigen Hallen des Burgtheaters auf recht konventionelle Art und Weise einem Telekommunikationsriesen für VIP-Zwecke zur Verfügung gestellt werden, wird das WM-Studio wenige Meter entfernt im Wiener Volksgarten für Unterhaltung und sicherlich auch einige Verwirrung sorgen. In Vorbereitung ihrer Show im Volksgarten, der sich in das Hauptquartier des erwähnten fränkischen Bekleidungsherstellers verwandeln wird, haben sie bereits ausführlich mit dem beliebt-berüchtigten Moderator Dirk Stermann über seine Erfahrungen mit den Österreichern gesprochen, mit Pepi Hickersberger über Fußballgeschichte geplaudert und im Happel-Stadion eine kleine Fußballschule mit ÖFB-Teamchefassistent Andreas Herzog gedreht.

Raus aus der PR-Schleife

 

Auch in den vergangenen Jahren überraschten sie mit unkonventionellen Interviews sowohl Interviewpartner als auch ihr Publikum. Michael Ballack oder »der Mischi«, wie sie den Kapitän der Deutschen liebevoll nennen, war sichtlich verdutzt, als sich Waldefried Forkenfeld unschuldig bei ihm erkundigte, ob der bekanntermaßen dürftige ostdeutsche Englischunterricht seiner Jugend ihm bei der Integration bei Chelsea in London geholfen habe. Forkenfeld zu seiner Taktik: »Wir testen immer, wie schnell ein Fußballer von auswendig gelernter PR-Schleife auf offenen Dialog umschalten kann. Es geht darum, das übliche Frage-Antwort-Spiel zu durchbrechen.«
Im Sommer werden die Multitalente aus Berlin alles versuchen, um inmitten der Hochburg kommerzialisierter Fußball(un)kultur für den einen oder anderen Lichtblick zu sorgen. Man darf gespannt sein, ob es ihnen gelingt.

 Vorrunden-Termine mit Co-Kommentatoren des ballestererfm:
10.6.: Dr. Wolfgang Pennwieser
14.6.: Georg Oppitz
15.6.: Reinhard Krennhuber

 

Referenzen:

Heft: 34
Rubrik: Kunstrasen
ballesterer # 82

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Der nächste ballesterer fm erscheint am 12. Juli 2013.

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