»Wir müssen angreifen«

Josef Hickersberger will sich nicht vor die U-Bahn werfen. Im Gegenteil er ist gut drauf. Im Interview verriet der Teamchef die Gründe für seinen Optimismus, warum er auf Roman Kienast steht und weshalb er auch nach der EM keinen Psychiater brauchen wird möglicherweise aber einen Analytiker.
Was soll man davon halten, wenn ein Teamchef, der nur eines der vergangenen sieben Spiele gewinnen konnte, plötzlich auf den Gleisen der U-Bahn steht. »Jessasmarandjosef, der wird sich doch am End nichts antun wollen«, waren unsere ersten Befürchtungen beim Fototermin in der neuen U2-Station am Happel- Stadion. Doch Josef Hickersberger ist ein fideler Mensch, und so verriet er uns, dass er nur den Parkschein verloren hatte, auf dessen Rückseite er sich wohl die Mannschaftsaufstellung für das erste Match gegen Kroatien notiert hatte.

Im weiteren Gespräch wurde recht schnell klar, dass der Teamchef ganz und gar nicht suizidal ist. Motiviert und ideenschwanger blickt er in Richtung Europameisterschaft, und geduldig hörte er sich unsere Empfehlungen bezüglich der Mannschaftsformationen an.Denn wenn man den Teamchef kurz vor der Europameisterschaft trifft, ist man dazu verleitet, ihm hilfreiche Ratschläge mit auf den Weg zu geben. Zurückhaltende Menschen würden sich dies verkneifen, der ballesterer fm  nutzte hingegen die Gelegenheit und brachte Hickersberger die Vorzuge des 3-5-2-Systems so lange näher, bis er uns kleine Zugeständnisse machte und schließlich verhieß, mit zwei Spitzen zu stürmen.

Spannend wurde es auch, als die Psychohygiene des Josef Hickersberger zur Sprache kam. Die Aussage, dass er die Dienste eines Psychiaters oder einer Psychotherapeutin nicht in Anspruch nehme und auch nach der Euro nicht in Anspruch nehmen werde, war noch wenig dramatisch. Als er dann aber im selben Atemzug und ohne von uns darauf angesprochen worden zu sein, die Färöer Inseln erwähnte und sich gleich darauf ein Freudscher Versprecher einschlich, wurden wir stutzig. Und eigentlich wollten wir sogleich nachbohren, den Teamchef auf die Couch werfen und die Hintergründe dieses analytischen Sonntagsschusses explorieren. Doch auch ein ballesterer fm-Redakteur kann feinsinnig sein und sich beherrschen. Den Eindruck, dass Hickersberger mit den Färingern noch ein Hühnchen zu rupfen hat, wurden wir aber nicht mehr los.

ballesterer fm: Wie geht es dem Teamchef nach den positiven Entwicklungen der letzten Spiele? Ist die Zahl der Schulterklopfer gestiegen?
Josef Hickersberger: Es gibt keine Schulterklopfer. Man spürt aber ein gewisses Umdenken. Stand vor einem Jahr noch die Angst vor einer Katastrophe oder einer sportlichen Blamage im Vordergrund, so herrscht jetzt der Grundtenor vor: So schlecht und chancenlos sind wir eigentlich nicht. Und wenn wir etwas Gluck und einen guten Spielverlauf haben, können wir auch unseren Gruppengegnern gefährlich werden. Leider ist man auch im Ausland darauf aufmerksam geworden.

Inzwischen erkennt man die Handschrift des Josef Hickersberger, die Mannschaft versucht mitzuspielen. Wird das Team ein ähnliches Schicksal erleiden wie Rapid in der Champions League ganz gut gespielt, aber am Schluss ohne Punkte dastehen?

Für die Verbesserung unserer Spielanlage haben wir nun in der unmittelbaren Vorbereitung auf die Europameisterschaft erstmals mehr Zeit. Wir werden daran arbeiten, im Spielaufbau länger im Ballbesitz zu bleiben.Weiters müssen wir lernen, den Rhythmus unseres Spiels zu ändern. Wie es dann bei der Euro aussehen wird, hängt wahrscheinlich wie bei Rapid vom ersten Spiel ab. Hätten wir damals den Elfmeter verwertet und gegen die Bayern unentschieden gespielt, wären weitere Punkte hinzugekommen. Es ist schwierig, eine Prognose abzugeben, wie das Turnier verlaufen wird.Es wird nicht nur ein ganzes Stadion, sondern ein ganzes Land hinter der Mannschaft stehen. Welch beflügelnde Wirkung das haben kann, hat man in Deutschland gesehen, wo die WM mit einem Sommermärchen endete,auch wenn das Ziel, Weltmeister zu werden, nicht erreicht wurde.

Sollte Österreich nicht lieber mit einer Kontertaktik antreten?

Mit einer defensiven Spielanlage können wir unseren Heimvorteil nicht ausnutzen. Wenn wir uns verkriechen, die Bälle auf die Tribüne schießen und nur auf den einen oder anderen Konter warten, wird uns das Publikum nicht so anfeuern wie gegen Deutschland. Wenn wir in Ballbesitz sind, dann wollen und mussen wir angreifen und den Ball in den gegnerischen Strafraum bringen.

Sie haben in den letzten Spielen verschiedene Systeme ausprobiert: 4-2-3-1, 3-5-2, 4-4-2. Was sind Ihre Erkenntnisse?
2007 haben wir meist mit nur einer Sturmspitze agiert, weil wir in der Organisation der Defensive Probleme hatten. Daher galt es zunächst, sich defensiv zu stabilisieren und danach das Spiel nach vorne zu verbessern. Wir haben zwar auch heuer sieben Tore bekommen, aber die Art und Weise, wie wir sie erhalten haben, lässt den Schluss zu, dass wir bei der Euro mit zwei Spitzen agieren können und mussen. Im Grunde genommen ist es mir nicht gelungen, alle Ideen in der Vorbereitung auszuprobieren, denn oft kamen Verletzungen einzelner Spieler dazwischen. Ich weiß aber, was möglich ist und was funktioniert. Ich kenne auch Alternativen für einzelne Positionen und habe gewisse Vorstellungen, was nicht funktionieren wird.

Und dann gibt es noch das Überraschungsmoment
Ja, genau wie beispielsweise das 3-5-2 gegen Deutschland.

Ein großartiges System. Die ballesterer fm-Mannschaft hat, seitdem sie vor einem Jahr auf 3-5-2 umgestellt hat, kein Match mehr verloren.
Dann solltet ihr einmal die Gegner ändern. Es ist nicht gut, kein Spiel zu verlieren. Das hemmt die Entwicklung.

Wird es bei der EM Programm sein, dass Sie jeden Gegner mit einem anderen Spielsystem verwirren? Oder haben Sie lediglich nach dem EM-System gesucht?
Die Systeme sind ja nur mehr eine Zahlenspielerei im modernen Fußball. Sie ändern sich je nach Spielphase. Wenn ein Gegner dominiert, können selbst Weltklassemannschaften nicht starr ihr System spielen, sondern mussen sich dem Spiel anpassen. Es gibt kein System, das einem Trainer den Erfolg garantiert. Die Spieler sind das Wichtigste. Die Kunst ist es, eine Aufstellung zu finden, mit der sie sich am besten entfalten können. Manche meinen, es gibt Systeme, mit denen das ballestererfm-Team gegen Milan, Arsenal oder Barcelona gewinnen könnte. Dieser Ansicht bin ich nicht. Es braucht aber eine gewisse Ordnung auf dem Spielfeld.

Es wird bei der EM also nicht nur ein System geben, sondern das System wird auf den Gegner adaptiert sein und vielleicht 4-4-2 oder 3-5-2 heißen?
Das ist eine gute Interpretation meiner Vorstellungen.

Österreich spielte in letzter Zeit mit den fittesten und schnellsten Spielern, um das Tempo mitgehen zu können. Sie nahmen dafür in Kauf, dass weniger Routine auf dem Platz stand. Wollten Sie die Gegner durch ein hohes Tempo überraschen?
Überraschen werden wir mit unserem Tempo bei der Europameisterschaft kein Team. Die Spieler werden vermutlich nie wieder in acht Tagen drei so wichtige Spiele gegen solche Klassegegner bestreiten. Wenn einer nicht in der Lage ist, diese Spiele zu verarbeiten, dann hat Österreich bei der Euro wenig Chancen. Im internationalen Fußball können sich Spieler, die nicht hundertprozentig fit sind, auch nicht durchsetzen, nicht einmal ein Ronaldinho. Was mich sehr uberrascht hat, war, dass wir läuferisch sowohl mit Holland als auch mit Deutschland mithalten konnten. Das hätte es zu meiner aktiven Zeit nicht gegeben. Im Schnitt sind die Österreicher sogar mehr und in einem höheren Tempo gelaufen. Nur: Mit läuferischen Qualitäten allein gewinnt man keine Spiele. Es ist jedoch die Grundvoraussetzung, damit man überhaupt mitspielen kann. Das Schwierigste ist, den Ball länger problemlos in der gegnerischen Hälfte zu halten, damit wir uns erholen können. Wir wollen zurzeit alles in hohem Tempo machen. Es muss uns noch gelingen, den Ball wie im Handball zirkulieren zu lassen und ihn vor dem gegnerischen Strafraum zu halten.

Das ist aber selbst in den guten ersten 60 Minuten gegen Holland nicht gelungen.
Das liegt ganz einfach an der mangelnden Konzentration und Selbstsicherheit. Es gibt aber auch bei Spitzenmannschaften Phasen, in denen sie unter Druck kommen.

Wie kann man dem Team Selbstsicherheit, Kaltschnäuzigkeit, freches Auftreten und Siegeswillen einimpfen?
Das Wichtigste ist, dass die Spieler bei den Matches gegen Deutschland und die Niederlande ein Gefühl dafür bekommen haben, was alles möglich ist. Das Gefühl, wir können etwas erreichen. Wir können die Kroaten überraschen, gegen Polen gewinnen und auch gegen Deutschland mithalten. Wir werden uns nicht im eigenen Stadion verstecken, sondern alle drei Gegner fordern.


Dazu braucht es aber Spitzenspieler. Was fehlt einem Andi Ivanschitz beispielsweise noch zur internationalen Klasse?
Vielleicht, dass er öfters den Spielrhythmus ändert. Ansonsten gibt es an ihm wenig auszusetzen. Wenn Ivanschitz nicht spielt, merkt man erst, welch wichtige Rolle er im Team hat. Zentral ist auch, dass man verstanden hat, dass Ivanschitz der Spielmacher des Teams ist. Ich weiß nicht, wer in der Vergangenheit alles als Spielmacher gehandelt wurde,von Vastic angefangen uber Kirchler und wie sie alle heißen.

Drechsel zum Beispiel.
Selbst der Drechsel war ein Thema und ist es in Oberösterreich wohl nach wie vor.

Der Name Roman Kienast hingegen ist für viele Sportjournalistenund Fans ein Reizwort. Angenommen, er wird in den EM-Kader berufen: Was kann er besser als andere Sturmerkandidaten?

Zum Beispiel?

Abgesehen von den Spielern, die bessere Chancen haben dürften, wie Linz, Kuljic oder Harnik vor allem Okotie, Maierhofer, Hoffer oder eben Vastic.
Interessante Frage. Wie oft habt ihr den Kienast gesehen? Wart ihr beim Training? Roman Kienast hat sich sehr gut weiterentwickelt. Er ist ein Spieler, der gegnerischen Verteidigern große Probleme bereiten kann. Weil er trotz seiner Größe sehr beweglich ist. Weil er in einem sehr guten körperlichen Zustand ist. Kienast spielt regelmäßig in der höchsten norwegischen Liga, die Vergleichen mit der österreichischen Bundesliga durchaus standhält, wie man zuletzt im UEFA-Cup-Duell der Austria mit Viking Stavanger gesehen
hat. Norwegischer Fußball wird in Österreich unterschätzt. Wenn Sie fragen, was kann er besser als andere Stürmer, wird es problematisch. Jeder Spieler ist anders, und ich kann mit Argumenten, dieser und jener Spieler verdiene es sich aufgrund seiner vergangenen Leistungen mehr, bei der EM zu spielen, nichts anfangen. Ich frage mich vielmehr, bringt der etwas mit, was andere Spieler nicht haben. Der Kienast wird in Österreich verkannt. Ich konnte mit ihm im Training länger zusammenarbeiten und muss sagen: alle Achtung! Gegen die Niederlande wollte ich ihn von Beginn an einsetzen, aber dann ist die Gehirnerschütterung im Abschlusstraining dazwischengekommen. Er hätte bestimmt viele seiner Skeptiker überzeugen können.

Skeptisch waren viele auch, als Sie Roger Spry als Conditioning Coach geholt haben. Er war Ihre Idee. Sehen Sie sich als innovativen Trainer?
Innovationen bekomme ich mit und versuche Eklektiker, der ich bin das Beste herauszuholen und umzusetzen. Das ist der Zug der Zeit und im modernen Fußball gang und gäbe. Daher ist es ganz normal, dass wir unsere Länderspiele mittels AMISCO Pro auswerten einem Analysesystem mit acht Kameras, die auf dem Stadiondach montiert sind, das uns alle technisch-taktischen Daten liefert. Aber ich bin wohl kein innovativer Trainer, sonst würde Österreich eine Mischung aus Arsenal, Barcelona und Liverpool sein.

In welcher Beziehung? Hinsichtlich der Innovationen oder der Einbürgerungen, die im österreichischen Fußball ja nicht immer glücklich gelingen?

Das stimmt, das ist uns nicht besonders gut gelungen. Da ist der Gunnar Prokop mein großes Vorbild. Es liegt aber auch daran, dass die österreichischen Bundesligavereine im Gegensatz zu anderen Ländern keine Talente aus dem Ausland holen. Beispielsweise Eduardo, der kam als ganz junger Spieler nach Kroatien und spielt nun fur die Nationalmannschaft. Wir holen meistens Spieler, die schon einen Namen haben und die man promoten kann. Wie bei Kovac, Savicevic oder auch Panenka das hat Tradition in unserem Land, Spieler im Herbst ihrer Karriere zu holen. Vielleicht wäre es auch ganz gut, junge Talente aus dem Ausland zu scouten.

Im österreichischen Fußball wurde in der jüngsten Vergangenheit immer wieder die Trendwende zum Ausbildungsland propagiert. Ist das glaubhaft oder nur ein Lippenbekenntnis?
Je mehr Spieler im Ausland spielen, umso besser wird die Nationalmannschaft, siehe Garics, Stranzl, Pogatetz, Linz und Co. Das Bekenntnis zum Ausbildungsland Österreich ist meinerseits kein Lippenbekenntnis. Sonst hätten nicht so viele Junge debütiert, und auch bei der Euro werden wir eine junge Mannschaft haben. Vielleicht gibt es ja beim nächsten Teamchef wieder eine Renaissance der älteren Spieler.

Vergleicht man die Arbeit der Bundesligamannschaften mit der fast wissenschaftlichen Herangehensweise des Teams, so sieht man große Unterschiede. Kann man als Teamchef an die Bundesliga appellieren, auch mit moderneren Methoden zu arbeiten.
Jeder Trainer hat seine bestimmten Vorstellungen und eigenen Erfahrungen und versucht, seinem Stil treu zu bleiben. Es ist nicht meine Aufgabe, die Arbeitsweise von Vereinstrainern zu beurteilen. Das macht der Erfolg, der ist der Gradmesser. Ich selbst muss erst Erfolge mit dem Team haben. Auf dieser Ebene ist es aber etwas schwieriger als auf Vereinsebene, zumindest bei einer Europameisterschaft.

Der Erfolg gibt einem nicht immer recht. Wenn man mit mittelalterlichen Methoden die Meisterschaft gewinnt, bringt das den österreichischen Fußball auch nicht weiter.
Wechseln wir das Thema.

Als Teamchef muss man sehr darauf achten, was man sagt. Wer sind Ihre Vertrauenspersonen, mit denen Sie sich austauschen?
Mein Mitarbeiterstab. Was wir intern besprechen, dringt nicht an die Öffentlichkeit. Hier sagt jeder, was er sich denkt, auch wenn es mit meiner Meinung nicht übereinstimmt ich habe keine Ja-Sager in meinem Stab. Ich hör mir alles an und entscheide dann.

Ziehen Sie sich zu solchen Entscheidungen an einen bestimmten Ort zurück?
Nein. Ich überlege. Ich überlege lange. Im Bett. Da werde ich munter und wälze diese Probleme wie meinen alten Körper. Irgendwann, so spät wie möglich, muss ich eine Entscheidung treffen, unabhängig von der öffentlichen Meinung.

Wenn Österreich mit einem 3-5-2-System gewinnt, werden wir das aber dem ballesterer fm
zuschreiben.
Wenn Österreich gewinnt, habe ich damit kein Problem. Sollten wir verlieren, trifft euch keine Schuld. Die Verantwortung muss ich alleine tragen, dafür werde ich für österreichische Verhältnisse gut bezahlt.

Sie haben aber keinen Mentalcoach, Psychotherapeuten oder Psychiater?
Nein, und das wird auch nicht notwendig sein, egal wie die Euro ausgeht. Ich habe alle Höhen und Tiefen schon erlebt. Das bekannteste und größte Tief waren die Färöer Inseln. Da musste ich auch analysieren, Verantwortung übernehmen, den Kopf hinhalten, aufstehen und weitermachen. Das ist eine wunderbare Erfahrung in meinem Leben gewesen, die möchte ich nicht wissen äh missen. Natürlich kann ich darauf verzichten, 30 Jahre danach auf die Färöer Inseln angesprochen zu werden.Aber fur mich persönlich war das eine schöne Erfahrung. Ich hab kein Problem damit, ich war noch nicht einmal dort (das Spiel der Färöer Inseln gegen Österreich wurde im schwedischen Landskrona ausgetragen, Anm.). Jeder denkt sich, ich kenn mich dort aus. Das wäre jetzt eigentlich eine schöne Motivation, die WM-Qualifikation noch in Angriff zu nehmen.

Bevor es so weit ist, hoffen wir, dass Sie bei der EM die richtigen Entscheidungen treffen für den österreichischen Fußball.
Ich bin von meinen Entscheidungen dann meistens auch überzeugt. Aber im Nachhinein, post festum, ist man immer klüger. So werde ich auch nach der Europameisterschaft klüger sein und das ist das Schöne.

Referenzen:

Heft: 34
Rubrik: Thema
ballesterer # 82

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 12. Juli 2013.

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