Von Linz nach Johannesburg

cache/images/article_1410_rautmann_0_140.jpg Der ehemalige LASK-Spieler Walter Rautmann ging in den 1960er Jahren nach Südafrika. Dem ballesterer erzählte er vom Fußball unter der Apartheid, dem Einfädeln zahlreicher Transfers von südafrikanischen Spielern nach Österreich und wie er zu seinem Trainernamen »Mister Fixit« kam.
Georg Spitaler | 25.05.2010
ballesterer: Herr Rautmann, wie sind Sie einst aus Linz nach Südafrika gekommen?
Walter Rautmann: Ich habe damals beim LASK gespielt. Köglberger, Kondert, Rautmann, wir waren ein Nachwuchssturmtrio und haben 1963 mit 17, 18 Jahren bereits Europacup gespielt. Als meine Schwester einen amerikanischen Soldaten geheiratet hat und nach New York gegangen ist, habe ich beschlossen, auch nach Amerika zu fahren und dort zu spielen. Aber dann hat mich der LASK sperren lassen und ich habe mich mit den Verantwortlichen nicht auf einen neuen Vertrag einigen können. In Pretoria hat es zu dieser Zeit einen Verein gegeben, der von Österreichern geführt wurde. Also habe ich mir gedacht, ich schaue mir mal Südafrika an. Ich habe dann sieben oder acht Spieler aus Linz mitgenommen, einige vom LASK und einige aus der Regionalliga. Bei dem Klub haben dann wahrscheinlich dreizehn Österreicher gespielt und bin mit Pretoria Torschützenkönig geworden. Nach einem kurzen Aufenthalt in Deutschland bei Hertha Berlin und Phönix Lübeck bin ich Spielertrainer von Moroka Swallows, einer großen Mannschaft in Soweto, geworden. Ich habe gesagt, okay, meine Frau ist aus Südafrika, ich gehe zurück und schaue, was los ist. Als ich 1976 ein gutes Angebot von Dallas Tornado in den USA bekommen habe, bin ich in die neue Profiliga gegangen, wo ich auch gegen Pelé gespielt habe. Nach einer schweren Knieverletzung bin wieder nach Südafrika zurückgegangen. Da hat dann meine Trainerkarriere begonnen, mit der ich großen Erfolg gehabt habe.

Sie gelten als Spezialist für schwierige Aufgaben.
Mein Spezialjob in Südafrika war, Vereine vor dem Abstieg zu bewahren. Sie nennen mich noch heute »Mister Fixit«. Ich habe rund 18 Mannschaften trainiert und alle vorm Abstieg gerettet. Meine Lieblingsmannschaft, die Moroka Swallows, habe ich viermal vor dem Abstieg gerettet. Und auch die Venda Black Leopards, das ist ein Klub an der Grenze zu Zimbabwe, habe ich dreimal vor dem Abstieg bewahrt. Deswegen nennen sie mich »the Lion of the North«. Heuer war ich einige Monate im Nachbarland Swaziland. Die Mbabane Swallows haben in der afrikanischen Champions League gegen den Meister Südafrikas, SuperSport United, gespielt. Ich habe die Mannschaft vorbereitet und in zwei Monaten fit gemacht, aber leider bin ich vor dem Heimspiel krank geworden. Daheim hat Mbabane zwar 3:1 verloren, aber das Spiel in Südafrika, für das ich sie wieder vorbereitet habe, ist 2:2 ausgegangen. Eine Wahnsinnsleistung für eine Mannschaft aus Swaziland.

Als Sie nach Südafrika gekommen sind, hat es zunächst noch getrennte schwarze und weiße Ligen gegeben
Ja, die Liga, in der ich in den 1960er Jahren gespielt habe, war weiß. Ich hatte politisch überhaupt keine Ahnung. Ich habe nur gewusst, die wollen mich als Fußballer. Ich habe das mit den unterschiedlichen Ligen am Anfang gar nicht gewusst. Das habe ich nur durch Zeitungen und Radio erfahren. Ich habe mich dann mehr auf die schwarze Seite geschlagen, weil ich gesehen habe, dass die Apartheid ungerecht ist. Ich habe das als Trainer der Moroka Swallows zum ersten Mal miterlebt. Das war eine schwarze Mannschaft, und bei einem Auswärtsspiel sind wir mit dem Bus bei einem Restaurant stehen geblieben. Auf einmal stehen Weiße an der Türe und sagen, dass da kein Schwarzer reindarf. Da habe ich gesagt, dass wir alle verweigern und nichts essen. Ich habe dann nur noch schwarze Vereine trainiert.

Zu dieser Zeit kamen auch die ersten südafrikanischen Fußballer nach Österreich.
Ich selber habe sieben Spieler nach Österreich gebracht, meistens mit Hans Scharmann. Er ist als Spieler vom GAK zu Hellenic Kapstadt gekommen. Gemeinsam haben wir Gordon Igesund nach Österreich gebracht. Zur gleichen Zeit habe ich auch den Abwehrspieler Phil Setshedi zu Simmering gelotst, das war ein Topspieler von den Orlando Pirates. Dann habe ich Junior Ngobe zu Austria Wien gebracht. Der hat leider Pech gehabt, weil er sich vor dem Abflug verletzt hat. Außerdem sind wir mitten im Winter bei 20 Minusgraden angekommen. Obwohl er ein guter Stürmer war, hat er Probleme mit der Umstellung gehabt. Ein weiterer Spieler war Spoedie Bronkhorst, der ist meines Wissens in Österreich geblieben. Der letzte Spieler, den ich nach Österreich gebracht habe, war Moses Moloi beim Wiener Sport-Club.

Hat es einen Unterschied für die Transfers gemacht, dass Südafrika aufgrund der Apartheid nicht bei der FIFA war?
Das hat Transfers einfacher gemacht, weil keine Ablösen zu bezahlen waren. Igesunds Transfer wäre sonst unmöglich gewesen, er war in Südafrika ja ein Star. Obwohl er gerade von einem Johannesburger Klub gekauft worden war, wollte er im Ausland spielen. Da man keine Freigabe gebraucht hat, konnte er einfach in ein FIFA-Land wechseln konnte. Natürlich war es nicht richtig, dass der Verein keine Ablösesumme bekommen hat. Doch das war beiderseitig. Nach dem deutschen Bundesligaskandal sind 1971 Spieler von Hertha Berlin ohne Freigabe nach Südafrika gekommen, obwohl sie in Deutschland gesperrt waren. Um diese Zeit sind auch viele Spieler aus England und Südamerika nach Südafrika gekommen.

Was erwarten Sie von der WM?
Ich bin überzeugt, dass das eine der besten Weltmeisterschaften überhaupt wird. Das Land ist verrückt nach Fußball. Und es ist nicht wahr, was über die Kriminalität in Südafrika geschrieben wird. Hier haben die Cricket- und die Rugby-WM stattgefunden, da hat es auch überhaupt keine Probleme gegeben. Jeder arbeitet dafür, dass die Fußballweltmeisterschaft das Beste wird, was Südafrika je gehabt hat. Ich bin auch überzeugt, dass Südafrika unter die letzten acht kommt. Sie haben Heimvorteil, 90.000 Zuschauer im Stadion und 99 Prozent der Bevölkerung, die hinter der »Bafana Bafana« stehen, Schwarze und Weiße. Und die Mannschaft ist gut, ich kenne sie. Ich habe einige von ihnen trainiert.   

Referenzen:

Heft: 53
Rubrik: Thema
ballesterer # 82

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